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Man passiert Schilder, auf denen die Ortsnamen auf sorbisch und deutsch stehen. Es geht durch Wälder und über Straßen, die wahrscheinlich schon bessere Zeiten gesehen haben. Vielleicht aber auch nicht. Ansonsten Stille, Greifvögel rechts und links am Wegesrand. Hier, fast am Ende der Welt, steht Lars Bergmann [33], in olivgrünen Warthosen in einem dunklen Teich. Mit acht weiteren, meist älteren und kräftigen Männern in Gummikluft, zerrt er ein mehrere Meter breites Fangnetz durch das fl ache Wasser, alle gehen nebeneinander. Zum Schluss bilden sie mit dem Netz einen Kreis, in dem es platscht und zappelt. Bergmann beugt sich über den Fang und begutachtet einen von mehreren hundert Karpfen. "Wir fi schen derzeit zweimal in der Woche", sagt der etwas wortkarge Mann. Bergmann ist einer von drei Teichwirten, die im Oberlausitzer Biosphärenreservat Bio-Karpfen züchten. "Karpfenteichregion" ist alte Kulturlandschaft Die achthundert Hektar große Karpfenteichregion nördlich von Bautzen ist eine alte Kulturlandschaft von UNESCO-Rang. Heideland, Moore und Teiche wechseln sich ab, das Gebiet ist Rückzugsraum von Seeadlern und Kranichen. Seit 2008 wird hier der Bio-Karpfen gezüchtet. Es begann alles mit einer Anfrage der Deutschen See. Ob man denn auch "Öko-Karpfen" produziere, wollte das Unternehmen wissen. Kunden hätten danach gefragt. Der Förderverein Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, dessen Aufgabe der Schutz des Reservates ist, übernahm die Organisation und das Marketing für das Produkt "Oberlausitzer Biokarpfen". Viel Handarbeit für den Bio-Karpfen In Dario Ueckers Büro riecht es. Nach Fisch. "Eine Vakuumverpackung ist mir hier gestern aufgegangen", sagt er entschuldigend. Uecker [37], ist schmal aber drahtig, trägt Kapuzenpulli und Dreitagebart. Er ist Projektmanager vom Förderverein und zuständig für das Marketing des Bio-Karpfens. Da das alles Neuland ist für Teichwirte, Verarbeiter und Vermarkter, wird hier noch selbst Hand angelegt, im Zweifelsfall auch im Büro. Der Fisch wird per Hand fi letiert, geräuchert und abgepackt. Der Karpfen-Zyklus Uecker ist unter anderem gelernter Schäfer. Bevor er sich dem Karpfen widmete, zog er mit den landestypischen Moorschnucken durch die Lausitz. Diese Schafe werden in dem Gebiet seit langem zur Landschaftspfl ege eingesetzt. Jetzt knattert sein 21 Jahre alter dunkelblauer Citroen 2CV6, die "Ente", über die engen Straßen zum großen Tauerteich. Innen riecht es nach Benzin, während Uecker über das Motorengeräusch hinweg den Karpfenzyklus erklärt. "Im Frühling werden ausgewachsene Karpfen in Brutteichen ausgesetzt. Die Fische paaren sich. Sieben bis 14 Tage dauert es, bis die Brut geschlüpft ist, dann wird der Laich entnommen." Nach dem ersten Jahr wiegen die Karpfen fünfzig bis siebzig Gramm und sind etwa zehn Zentimeter groß. Dann, so Uecker, werden sie in einen anderen Teich umgesetzt, wo sie im zweiten Jahr bis auf fünfhundert Gramm anwachsen. "Im dritten Teich und nach dem dritten Jahr können sie bis zu zwei Kilo wiegen", sagt er, "und dann werden sie geerntet".
Was macht den Karpfen zum Bio-Karpfen? "Hauptsächlich ist es das Futter", sagt Uecker. "Die Fische ernähren sich von Kleinlebewesen an der Wasseroberfl äche. Von uns bekommen sie noch Bio-Getreide hinzu. Das macht aber maximal 50 Prozent der Nahrung aus." Konventionelle Karpfenzüchtungen geben neben konventionellem Getreide oft auch Nährstoffl ösungen und Chemikalien ins Wasser. Auch die Besatzdichte ist in den Teichen mit Bio- Karpfen viel geringer. "Unsere Teiche sind Mischteiche", sagt Uecker, und lenkt die "Ente" schwungvoll auf einen sandigen Parkplatz. "Außer den Karpfen leben darin noch andere Wild- und Nutzfi sche." Die Oberlausitzer Teichwirte sind Mitglied in der Gäa e.V., einem Anbauverband ökologischer Produzenten mit Sitz in Dresden, den es bereits vor der Wende gab. Die Gäa-Regeln sind um einiges strenger als die EU-Bio-Verordnung. "An den Gäa-Richtlinien haben wir selbst mitgeschrieben", sagt Uecker und lacht. "Aber die Fischereilobby bei der EU-Verordnung war einfach zu stark, unsere Ansätze wurden da verwässert." Die Oberlausitzer fischen 350 Kilo Karpfen pro Hektar statt 1.500 Kilo, wie es die EU-Bio-Richtlinie eigentlich zulässt. "Trotzdem werden wir aber auch das EU-Siegel auf unserer Verpackung haben." Vermarktung muss erst aufgebaut werden Die Abendsonne tastet sich über den Tauerteich, im späten Licht flattert eine Schar Graugänse auf. Dario Uecker schweigt einen Augenblick, dann richtet er sein Fernglas auf zwei Seeadler in den Baumwipfeln gegenüber. Zisterziensermönche legten diese Karpfenteiche einst an, schon im Mittelalter waren die Fische der Exportschlager der Region. Uecker schmunzelt: "Früher hieß es: 160 Karpfen für eine Kuh." Ob man heute noch so einen Kuhhandel abschließen möchte oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die Oberlausitzer viel Wert auf ihr Produkt legen. "Wir wollen exklusive Qualitätsware anbieten, möglichst fettarm", bekräftigt Uecker. Im Handel kostet eine Packung Bio-Karpfen 3,99 Euro pro hundert Gramm. Uecker nickt, "das ist ein stolzer Preis. Aber wir haben auch einen spürbar höheren Aufwand." Die Fischmenge sei zwar kleiner als in konventionellen Teichen, der Arbeitsaufwand sei aber der gleiche. Zudem sei das Bio-Getreide teurer. Den Karpfen auf dem Markt gibt es erst seit Herbst letzten Jahres, meist auch nur im Großhandel: Deutsche See, Terra Naturkost in Berlin und Bio Mare in Leipzig sind die Partner. Ziel sei aber, so Uecker, die SB-Verpackung im Einzelhandel. Das wiederum gehe nur über die Logistik eines Großhandels. So schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen Die Zeiten der DDR sahen eine hochtechnologisierte Karpfenproduktion in der Oberlausitz. "Damals wurde hier dreimal so viel Karpfen produziert, mindestens", sagt Uecker, während er mit dem Messer aus dem Fenster zeigt. "Heute könnten wir das ganze Bio-Projekt ohne die Fördermittel der EU gar nicht angehen." Der Landkreis Bautzen gehört zu den ärmsten Deutschlands. Die Region gehört zu den so genannten Konvergenzgebieten der Europäischen Union, in denen das Einkommen unter 75 Prozent des Gemeinschaftsdurchschnitts liegt. Das mag einer der Gründe sein, dass der Förderverein Erfolg mit einem Förderantrag bei der EU hatte. Von 2009 bis 2011 bekommen die Oberlausitzer mehr als eine Million Euro. "Ohne diese Anschubfinanzierung hätten wir das ganze Projekt nicht starten können", sagt Dario Uecker. So aber konnte man an der "Slow Food"-Messe teilnehmen, einen Grafi k-Designer beauftragen Broschüren zu erstellen und das ganze Projekt logistisch ins Rollen bringen. "Doch das Ziel muss es sein, dass sich das Unternehmen so schnell wie möglich von selbst trägt", sagt Uecker, der Projektmanager. Er ist ja selber eng mit dem Unterfangen verbunden, den Bio-Karpfen zum Erfolg zu machen.
Zart und frisch im Geschmack Das könnte klappen: Wer bisher bei Karpfen an einen fettigen Fisch dachte, der irgendwie nach Moder schmeckt, muss umdenken. Karpfen schmeckt wunderbar frisch und hat das Potenzial zum Lieblingsfi sch. Als Dario Uecker am Abend in der großen Küche des Fördervereins ein Karpfenfi let zerschneidet und anbietet, könnte die Überraschung kaum größer sein. Ein zartes, nur ganz leicht fettiges Fleisch, ein reiner, frischer Geschmack - der Karpfen aus der Oberlausitz schmeckt wie ein gänzlich anderer Fisch. Vielleicht eher nach Makrele. Dario Uecker steht hinter seinem Produkt: "Die Zeit ist einfach reif für einen Bio-Binnenfi sch aus Deutschland." » www.biokarpfen.de
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