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![]() Fangquoten sind zu hoch Weltweit kommen die Menschen diesem Rat gern nach. Der Appetit auf Fisch, Garnelen und Co. wächst überall. Das wäre prima, aber: Der World Wide Fund For Nature (WWF) rechnet vor, dass die weltweit fast 90 Millionen Tonnen Meerestiere, die jedes Jahr aus den Ozeanen geholt werden, viel zu viel sind. Bereits 77 Prozent der Bestände seien gefährdet. Laut Greenpeace sind nicht nur Delfine, Wale und andere fotogene Arten bedroht, sondern etwa auch die Miesmuschel und die Sardelle. Von der heilen Natur und der Seefahrerromantik, die manche Fisch-Werbung und viele Tourismusbroschüren uns noch vorgaukeln, ist in der realen Welt der Fischerei nichts mehr zu spüren. "Empfehlungen von Wissenschaftlern, die Fangquoten für Fische und Meeresfrüchte zu senken, werden immer wieder ignoriert", sagt die Biologin Karoline Schacht, Expertin für die EU-Fischereipolitik beim WWF. Gefi scht wird in vielen Regionen der Erde mit bedenklichen Methoden und ohne Rücksicht auf Verluste. Auf die natürlichen Bedürfnisse der Tiere etwa, die sich in Ruhe fortpflanzen wollen. Auf das sensible ökologische Gleichgewicht in Flüssen, an Küsten und auf dem Meeresboden. Darauf, dass auch unsere Urenkel den Planeten Erde noch mit dem Seeteufel und dem Schwarzen Seehecht teilen möchten. Beide Arten sind gefährdet - unter anderem durch das Fischen mit Grundschleppnetzen. Diese Netze werden zwischen einem oder mehreren Schiffen hergezogen und über den Meeresgrund geschleift. Ein beschwertes Grundtau soll die Tiere aufscheuchen. Sie sammeln sich in dem sackförmigen Netz und werden dann nach oben befördert. Umweltschützer kritisieren, dass durch die Netze das Leben auf dem Meeresboden zerstört wird. Zu viel Beifang landet im Netz Sie lehnen das Grundschleppnetz auch ab, weil darin zu viel Beifang landet. Beifang - das sind Tiere, auf die es die Fischer gar nicht abgesehen haben, die aber trotzdem verenden, weil sie sich in den Maschen verfangen: Rochen, Delfine, Haie, Schildkröten - auch Vögel sterben sinnlos und qualvoll. Beifang fällt auch bei anderen Fangmethoden an. Bei manchen Fischen ist die Menge gering. Laut dem WWF werden aber bei anderen Arten pro Kilogramm gefangenen Meerestieren bis zu 20 Kilogramm Beifang wieder über Bord geworfen - Raubbau an Mutter Natur. Die Bestände von Seeteufeln und Schwarzen Seehechten leiden außerdem an der illegalen Fischerei. Sie ist in vielen Gegenden üblich. Die Schiffe segeln unter Billigflaggen oder nicht identifizierbaren Flaggen, um internationale Kontrollen zu umgehen. Der WWF ermittelte schon 2005, dass der jährliche Marktwert der illegalen Fischerei fast eine Milliarde Euro beträgt. Wie viel darf gefangen werden? Darüber, wie viel Fisch gefangen werden darf, gehen die Meinungen auseinander. Umweltschutzorganisationen, staatliche Behörden, Wissenschaftler und die Lobby der konventionellen Fischwirtschaft beziehen sich zwar meist auf dieselben Daten über Fangquoten und den Lebensrhythmus der Tiere. Aber sie bewerten sie unterschiedlich. Beispiel Kabeljau: Manche Umweltschützer wollen ihn wegen der jahrelangen Überfi schung der Bestände gar nicht mehr auf dem Speisezettel sehen. Der Agraringenieur Matthias Keller findet, dass das ein "falsches Signal" sei. "In einigen Regionen gibt es durchaus genug Kabeljau", sagt der Experte vom Fisch-Informationszentrum. Internationale Abkommen fehlen Was fehlt, sind internationale Abkommen zum Schutz der Meerestiere - und die bestehenden werden nicht hinreichend umgesetzt. "Fischerei ist ein globales Geschäft", sagt Karoline Schacht vom WWF. Wenn darüber verhandelt würde, setzten sich oft Lobbyorganisationen mit starken wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. "Außerdem wandern die meisten Fische über viele Kilometer", erklärt Schacht. Nicht nur in einem Land müssen sich Interessenvertreter deshalb auf einen Kompromiss über Fangquoten und Schutzmechanismen einigen, sondern gleich in mehreren. Ein Negativ-Beispiel: Thunfi sch. Der Bestand ist seit 1970 um sagenhafte 85 Prozent zurückgegangen. Karoline Schacht erkennt akuten Handlungsbedarf, sieht sich aber als WWF-Vertreterin mit einer "irrsinnigen Interessensspirale" konfrontiert, mit Unternehmen, die auf riesige Gewinne setzen. Thunfi sch landet auf Pizza, in Pasta und Salaten, ist ein wichtiger Bestandteil von Sushi. Rund um Malta, vor Spanien, Griechenland und in anderen Bereichen des Mittelmeers entstanden gewaltige Thunfisch-Mastanlagen. Fischer holen die Tiere aus dem off enen Meer und befördern sie lebend in die Anlagen, wo sie dick und rund gefüttert werden. "Das Dramatische ist, dass der Thunfisch ein schlechter Futterverwerter ist", berichtet Schacht. "Der Ertrag pro Kilogramm Futter ist gering."
Nachhaltige Fischerei: Das MSC-Siegel Angesichts dieser Horrorszenarien mag manchem Verbraucher der Appetit auf Fisch für immer vergehen. Als Alternative entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Zertifizierungssysteme, die garantieren sollen, dass ökologische Standards eingehalten werden. Das Siegel des MSC steht für "Marine Stewardship Council", den Rat zur Bewahrung der Meere. Die Organisation wurde 1997 vom Lebensmittelkonzern Unilever und dem WWF gegründet. Sie ist unabhängig und gemeinnützig, hat ihren Hauptsitz in London und Filialen unter anderem in Berlin. Das Siegel wird ausschließlich für Erzeugnisse aus Wildfang vergeben, nicht für Produkte aus Aquakulturen. Es soll Umweltstandards für nachhaltige Fischerei sichern. Dazu gehört, dass die Fischerei die Alters- und die genetische Struktur sowie die Geschlechterverteilung der Bestände aufrecht erhält und die Auswirkungen auf das Ökosystem, andere Meeresbewohner und Vögel minimiert. Gesetze und internationale Abkommen werden respektiert - was ja eigentlich selbstverständlich sein sollte - die Betriebe sind gehalten, sich auf die schnell verändernden Rahmenbedingungen der Fischerei einzustellen. Meeresbiologin Iris Menn von Greenpeace hält diese Richtlinien für "nicht ausreichend". Die Fischer würden "schon zertifi ziert, bevor sie anfangen, nachhaltig zu wirtschaften." Sie dürften das Siegel erst bekommen, wenn sie die Standards wirklich umgesetzt hätten. Menn kritisiert weiter, dass einige zertifi zierte Betriebe hohe Beifangquoten hätten und sich ungünstiger Fangmethoden bedienten. Das ASC-Siegel - Kompromiss bei Aquakulturen Der WWF und andere Interessenvertreter arbeiten momentan an einem Siegel für Erzeugnisse aus Aquakulturen. Das Kürzel ASC steht für "Aquaculture Stewardship Council", das entsprechende Siegel soll 2011 international eingeführt werden. Der WWF stand Aquakulturen anfangs grundsätzlich skeptisch gegenüber. Angesicht von Millionen Menschen, die mit Lebensmitteln aus dem Wasser versorgt werden wollen, hat die Organisation ihre Position geändert. "Das Geschäft mit den Aquakulturen boomt und blüht wie kein zweites", sagt Karoline Schacht. "Da ist in den vergangenen Jahren viel schief gelaufen." Das ASC-Siegel soll gegensteuern indem es die Gesundheit und den Schutz von zwölf beliebten Arten und ihrer natürlichen Umwelt garantiert: Die Tiere dürfen die Aquakulturen nicht zu dicht bevölkern. Die Qualität des Futters wird kontrolliert und anderes mehr. Über den bisherigen Stand der Verhandlungen sagt die Fischereiexpertin Heike Vesper vom WWF: "Der Standard wird niedriger sein als der des Bio-Siegels, aber viel höher als bei konventionellen Aquakulturen." Ein Kompromiss für den Massenmarkt. ![]() Bio-Fisch: Pionier Naturland, ab 2010 auch EU-Bio-Fisch Ab dem 1. Juli 2010 umfasst die neue EU-Bio-Verordnung erstmals auch Bio-Fisch und -Meeresfrüchte aus Aquakulturen. Produkte, die dann unter dem Bio-Siegel verkauft werden, müssen ebenso wie Bio-Kühe artgerecht gehalten werden und dürfen nicht mit Antibiotika gefüttert werden, die Besatzdichte ist geregelt. Das ist ein großer Fortschritt. Manchen Käufer mag es jedoch irritieren, dass der Bio-Fisch nicht aus der freien Wildbahn stammt, niemals im off enen Meer geschwommen ist. Kritiker monieren außerdem, dass das Bio-Siegel nichts über die Arbeitsbedingungen in den Fischereibetrieben aussagt. Das wäre aber wichtig, da Fischer in Entwicklungsländern oft hemmungslos ausgebeutet werden. Das Siegel mit den wohl umfangreichsten Standards berücksichtigt auch diesen Aspekt. Es stammt von Naturland, dem Verband für ökologischen Landbau. Dessen Mitglieder setzten sich schon Mitte der 1990er Jahre mit der Frage auseinander, wie etwa ein Fischteich ökologisch bewirtschaftet werden könnte. Nun denken sie global und sozial. Betriebe, die von Naturland zertifi ziert wurden, zahlen ihren Mitarbeitern einen angemessenen Mindestlohn, behandeln Männer und Frauen gleich, ermöglichen gewerkschaftliche Tätigkeit, halten Hygienestandards ein und distanzieren sich von Kinderarbeit. Für die Tiere gilt: Die Besatzdichte der Aquakulturen ist artgerecht. "Bei Lachsen und Forellen müssen pro Kilogramm Fisch mindestens acht Liter Wasser vorhanden sein", sagt Stefan Bergleiter, Fischerei-Experte bei Naturland. "Der Transport darf höchstens zehn Stunden dauern, damit die Tiere keinen Stress haben." Beim Schutz der Gehege vor Algenbewuchs wird auf Chemie verzichtet. Das pfl anzliche Futter stammt aus der Ökolandwirtschaft. Naturland zertifi ziert inzwischen auch Wildfi sch - wenn er unter anderem aus nachhaltig bewirtschafteten Beständen stammt und auf ökologisch sinnvolle Weise verarbeitet wird. Auch die Fisch-Richtlinien des Anbauverbandes Gäa sind deutlich strenger als die EU-Bio-Verordnung. Fische rütteln nicht an Gittern Die Ansätze sind also vorhanden - aber der Konsument muss sich erst einmal gründlich mit ihnen auseinander setzen. Nicht nur die Lobby der konventionellen Fischerei und die Politiker, die ihr zu Willen sind, verhindern den nachhaltigen Schutz von Süß- und Salzwasserbewohnern. Es fehlen auch kritische Verbraucher. Die meisten Menschen in Deutschland wissen inzwischen wohl, was in der landwirtschaftlichen Massentierzucht schief läuft. Sie haben vom Aussterben verschiedener Wildtiere und vom Leid der Versuchstiere gehört. Der Ozean, der heimatliche Teich, der Fluss in ihrer Stadt sind für sie dagegen oft unbekanntes Territorium. Fische sind nicht "knuffi g" wie Kaninchen oder Tigerbabys. Sie rütteln nicht an Gittern wie nicht artgerecht gehaltene Zirkus- und Zootiere. Sie schreien nicht, wenn sie als Beifang im Netz verenden. Garnelen sind nicht niedlich, sondern glibberig - und weit weg. Meeresbewohner sind Teil einer faszinierenden Welt, die wir noch nicht einmal genau erforscht haben, bevor wir sie zerstören. Einer Welt, die Millionen von Menschen in Entwicklungsländern die tägliche Existenzgrundlage bietet - und schon deshalb geschont werden muss. Der französische Meeresforscher Jaques Cousteau, der in diesem Sommer hundert Jahre alt geworden wäre und erstmals dem Thema Ozeane eine breite Öff entlichkeit verschaff te, brachte es so auf den Punkt: "Seit Urzeiten hat Generation für Generation gegen die Natur gekämpft. Jetzt müssen wir uns plötzlich in der kurzen Zeitspanne eines einzigen Menschenalters mit einer Wendung von 180 Grad in Naturschützer verwandeln". "Wir haben es in der Hand", sagt Karoline Schacht vom WWF. "Wir können die Ozeane zerstören oder auch schützen."
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