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Titelgeschichte Ausgabe Nr. 24
Wem gehört die Zukunft

Das Thema Saatguterzeugung schafft es selten in die Schlagzeilen. Sollte es aber. Denn 75% aller Kulturpflanzen sind bereits verschwunden. Der ökologische Landbau ist die letzte Hoffnung auf Rettung der Sortenvielfalt, aber er muss jetzt handeln.
Saatgut, Geld und Macht
Die intensive Beschäftigung vieler Verbraucher und Initiativen mit dem Thema Gentechnik hat dazu geführt, dass heute auch die Frage, wo das Saatgut eigentlich herkommt, wieder diskutiert wird. Es entstehen neue Fragen, während die alten Probleme längst nicht gelöst sind. Denn beim Saatgut geht es um weit mehr als "nur" die Frage nach der Gentechnik. Bereits vor 25 Jahren machte der preisgekrönte Dokumentarfilm "Septemberweizen" von Peter Krieg auf das enge Geflecht von multinationalen Konzernen, die Monopolisierung der Saatguterzeugung, die Abhängigkeit der Landwirte und den damit verbundenen Hunger in den Entwicklungsländern aufmerksam.

Landwirtschaft oder Agrarindustrie?
Landwirtschaft, der Begriff hat heute schon fast etwas Verklärtes. Die Realität heißt häufig Agrarindustrie: Kein Landwirt behält heute noch einen Sack seines Getreides für die Aussaat im nächsten Frühjahr! Die Mehrheit des Saatguts wird von multinationalen Konzernen erzeugt, die mit Chemie- und Pharmaindustrie eng verflochten sind. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Sortenvielfalt in den letzten 100 Jahren rapide abgenommen hat. Rund 75% aller Kulturpflanzen sind laut der Welternährungsorganisation FAO bereits unwiederbringlich verschwunden. Bei manchen Getreiden, wie zum Beispiel Mais, wird heute weltweit überwiegend die gleiche Sorte angebaut. Diese Hochleistungs-Sorten kann der Landwirt nicht einfach wieder aussäen, sie stammen aus dem Labor. Oft sind diese Sorten auf die Spritz- und Düngemittel des gleichen Konzerns abgestimmt. Das führt zu einer tiefen Abhängigkeit von den multinationalen Agrar- und Chemiekonzernen. Damit Landwirte in Europa und Nordamerika trotz höherer Produktionskosten gegenüber den Ländern des Südens bestehen können, regelt ein Netz von Subventionen und Schutzzöllen Preis und Absatz.

Wem gehört das Leben?
Bio-Piraterie ist eine Gefahr für Mensch und Umwelt
Der Begriff steht dafür, dass sich Konzerne, Personen oder Institutionen genetische Ressourcen z.B. durch die Absicherung mittels Patent als Eigentum sichern. Auf der Suche nach neuen genetischen Quellen für Pflanzenzüchtungen, die Erzeugung neuer Arzneimittel oder Wirkstoffe auf pflanzlicher Basis werden Dschungel und Regenwald systematisch gesichtet und ausgebeutet man spricht auch vom "grünen Gold der Gene" oder "Erdöl des Informationszeitalters". Durch die Patentierung geht ein ursprünglich gemeinschaftliches Gut in den Besitz weniger über, wirtschaftliche Interessen entscheiden über seine weitere Verwendung. Eine dramatische Entwicklung, die von Menschenrechts- und Naturschutzorganisationen scharf kritisiert wird.
Absurdes aus der Welt der Pflanzen und Konzerne
Kein Recht auf Capuacu
Capuacu ist eine kakaoähnliche Pflanze, die in Brasilien seit hunderten von Jahren angebaut wird. Seit 1998 ist Capuacu eingetragenes Warenzeichen eines japanischen Konzerns, der sich auch die Patente auf Herstellung und Verwendung der Fette und Öle der Pflanze gesichert hat. Die ursprünglichen Anbauer können nun das traditionelle Erzeugnis nur noch vermarkten, wenn sie an den Konzern Lizenzgebühren zahlen.
Selbstlose Hilfe für den Wiederaufbau im Irak?
Die Firma Cargill mischt seit Jahrzehnten an der Spitze im weltweiten Getreidegeschäft mit. Gute politische Verbindungen sind für die Sicherung von neuen Absatzmärkten wichtig. Im Juli 2003 wurde Daniel Amstutz, ein ehemaliger Top-Manager von Cargill, von der amerikanischen Regierung zum Beauftragten für den Wiederaufbau der irakischen Landwirtschaft ernannt. Das veranlasste den Vorsitzenden der renommierten Hilfsorganisation Oxfam, Kevin Wilkins, zu dem Kommentar: "
Dan Amstutz für den landwirtschaftlichen Wiederaufbau zuständig zu machen ist, als ob Saddam Hussein einen Sitz in einer Menschenrechtskomission erhält."

Gen-Raps: Leidtragender wird zum Sündenbock
Ein kanadischer Farmer unterlag im Mai 2004 vor Gericht gegen den Saatgutkonzern Monsanto. Der Farmer Percy Schmeiser war von Monsanto auf Zahlung von Lizenzgebühren verklagt worden. In seinen Rapsbeständen war die gentechnisch veränderte Rapssorte "Canola Roundup Ready" gefunden worden. Laut Schneider eine unerwünschte Verunreinigung, die durch Pollenflug in seinen Raps gelangte. Durch eine Gegenklage auf genetische Verunreinigung hatte der Farmer sich zu schützen versucht, unterlag aber in letzter Instanz vor dem obersten Gerichtshof Kanadas.
Saatguterzeugung im 21. Jahrhundert
Gentechnik unaufhaltsam auf dem Vormarsch
Seit vor acht Jahren die ersten gentechnisch veränderten Sorten angebaut wurden, wächst ihr Anteil an der weltweiten Erzeugung rapide. Die "grüne" Gentechnik hat uns Pflanzen beschert, die gegen spezielle Schädlinge oder Spritzmittel resistent sind. Saatgut und Spritzmittel gibts, wie bei der Soja-Bohne "Round up", vom gleichen Hersteller. In Europa weigern sich Verbraucher und Landwirte bisher mehrheitlich, gentechnisch veränderte Pflanzen zu akzeptieren.

Anbaufläche für Gentechnik wächst
2003 wurden weltweit auf 67,7 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, eine Fläche doppelt so groß wie Deutschland. Achtzehn Länder nutzen die "grüne" Gentechnik, unter ihnen die USA, Kanada, China, Brasilien, Argentinien und Südafrika. In Argentinien werden bereits heute zu 99% gentechnisch veränderte Sojabohnen angebaut. Genmanipulierter Mais bringt es weltweit auf 15,5 Millionen Hektar Anbaufläche, Raps auf 3,6 Millionen und Sojabohnen auf 41,4 Millionen.
Die international tätige Agrobiotechnologie-Agentur ISAAA schätzt, dass Gen-Pflanzen bereits in wenigen Jahren auf einer Anbaufläche von 1.000 Millionen Hektar in etwa 25 Ländern angebaut werden. Auch Europa ist betroffen: In Rumänien wurden 2003 bereits 70.000 Hektar mit Gen-Soja bepflanzt. Trotz Widerstand von Verbrauchern und Öko-Bauern könnten nach dem Fall des EU-Moratoriums auch in Deutschland größere Flächen mit genmanipulierten Pflanzen bestellt werden.

Saatguterzeugung im Labor: Nicht nur Gentechnik ist umstritten
Den stärksten Eingriff in die natürliche Struktur der Pflanze stellt die Gentechnik dar. Dabei werden fremde Gene in die Erbanlagen der Pflanzen eingeschleust. Die Manipulation findet im Zellkern statt, also auf der DNA-Ebene. Aber auch andere, schon seit langem eingesetzte Methoden sind nicht ohne und werden von den Züchtern des ökologischen Landbaus abgelehnt: So zum Beispiel Pollenbestrahlung, Mutationsinduktion oder die Erzeugung von Hybriden mit Hilfe der Zellfusionstechnik. Bei dieser Methode wird die Zellwand von Blattzellen mittels Enzymen aufgelöst und mit anderen Zellen verschmolzen. Bezeichnet werden solche Züchtungen als cms-Hybriden. Der Übergang zur Gentechnik ist hier fließend. Pflanzen müssen aber nur als gentechnisch verändert deklariert werden, wenn es sich um eine Entwicklung handelt, die auf natürlichem Wege nicht entstehen kann.
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Biosaatgut
Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Mindestanforderung an ökologisches Saatgut heute: Die Pflanze, von der das Saatgut geerntet wird, muss ein bis zwei Jahre ökologisch kultiviert worden sein. Mit welchen Verfahren die Mutterpflanze erzeugt wurde, bleibt dabei quasi ausgeblendet. Eine unbefriedigende Situation, nicht nur, weil viele konventionelle Verfahren umstritten sind (s.S.6), sondern auch, weil ökologische Züchter andere Schwerpunkte setzen als konventionelle. Neben Robustheit und Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten legen sie vor allem Wert auf Geschmacksvielfalt. Die Erzeugung ökologischen Saatguts steckt noch in den Kinderschuhen. Vor ca. 15 Jahren entstanden die ersten Initiativen und Forschungsringe, die sich des Themas annahmen. Etwa 10 Jahre dauert es, bis eine neue ökologische Sorte für den deutschen Markt entwickelt ist und das umfangreiche Zulassungsverfahren durchlaufen hat. Die ersten Erfolge werden heute sichtbar. Auch die Kosten sind übrigens nicht unerheblich und können sich auf bis zu 500.000 Euro pro Sorte belaufen. Die Pioniere mussten also eine Menge Enthusiasmus und Kapital aufbringen. Mittlerweile gibt es etliche ökologische Gemüse- und Getreidesorten am Markt, die bereits auf eine lupenreine Herkunft verweisen können.

Karotte ist nicht gleich Karotte: Geschmacks- und Sortenvielfalt ist Lebensqualität
Wer einen eigenen Gemüsegarten hat, weiß, wie unterschiedlich der Geschmack verschiedener Sorten, etwa bei Erdbeeren, sein kann. Beim Einkauf finden Verbraucher kaum unterschiedliche Sorten, nur bei Äpfeln und Kartoffeln gibt es vielleicht eine Auswahl. Jeder Weintrinker legt Wert auf die Unterschiede zwischen den Rebsorten essen tun wir einfach nur Weintrauben. Schade. Ökologische Züchter sind angetreten, das zu ändern: So stellte demeter jetzt drei markante Karotten-Sorten aus biodynamischer Züchtung vor. Die kräftig-aromatische Rodelika, die kräftig-frische Milan und die nussig milde Robila. Die Vielfalt an ökologisch erzeugtem Saatgut wächst damit weiter.
"Alte Sorten" erhalten
Andere ökologische Saatgutbetriebe haben sich der Vermehrung alter Sorten angenommen. Hier werden zugelassene Saatgutsorten mit Tradition vermehrt. Erwerbs- oder Hobbygärtner können dort Saatgut erwerben und anbauen (Bezugsquellen s.Internet-Tipps S.14). Auch diese Betriebe sind überwiegend in den letzten 15 Jahren entstanden und haben mit viel Engagement zum Erhalt und zur Pflege alter Sorten beigetragen. Gehandelt werden dürfen nur Sorten, die auch einmal als Saatgut zugelassen wurden. Es gibt aber viele regionale und überlieferte Sorten, für die nie eine Zulassung beantragt wurde. Deshalb haben sich Vereine gebildet, deren Mitglieder überlieferte Sorten ohne Zulassung tauschen, vermehren und erhalten. Ohne irgendein kommerzielles Interesse leisten sie einen wichtigen Beitrag, die Vielfalt unserer Nutzpflanzen zu erhalten (siehe Internet-Tipps S. 14). |
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