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Titelgeschichte Ausgabe Nr. 31
Zwischen Medienhype und kalter Küche
Immer mehr Menschen reden übers Kochen. Immer weniger tun es. Hat die jahrtausendealte Kulturtechnik in unserer Gesellschaft noch eine Chance?

Rezepte, Accessoires und Küchen-Popstars
31.600.000 Treffer findet die Suchmaschine Google für das Stichwort Rezepte, davon gleich obenauf mehrere Rezeptdatenbanken mit je 30.000 bis 45.000 Rezepten. Rund 500 Kochbücher erscheinen jährlich auf dem deutschen Markt Tendenz steigend.
Stylische Shops (real und virtuell) versorgen uns nicht nur mit Eisenguss-Pfannen und japanischen Hackmessern, sondern auch mit Milchwächtern, Maisbrätern und Ananasschälern.
Rund ein Dutzend Kochsendungen laufen jeden Tag im Fernsehen. Zur besten Abendbrot-Zeit können wir nicht nur Starköchen zuschauen, sondern auch Menschen wie du und ich, die "das perfekte Dinner" kochen. Die Begeisterung für das Kochen scheint auf einem neuen Allzeit-Hoch zu sein. Aber was passiert im deutschen Durchschnittshaushalt, während wir gebannt zuschauen wenn auf dem Bildschirm Kreationen wie "Latte Macchiato von Bärlauch" entstehen?

Alltagssnack und Wochenendmahl
Die Küche bleibt kalt. Die gemeinsame warme Familienmahlzeit, in den 1960er Jahren noch die Regel, ist heute die Ausnahme und wird höchstens noch von älteren Ehepaaren oder in Familien mit Kindern (von denen es ja bekanntlich auch immer weniger gibt) gepflegt.
Schätzungen gehen davon aus, dass in manchen Familien gar nicht mehr gekocht wird und ca. die Hälfte aller Familien nur noch eine gemeinsame Mahlzeit in der Woche einnimmt. Das hat mit mangelnder Zeit zu tun, aber auch mit gegenläufigen Lebensrhythmen. Jeder macht sich schnell etwas aus der Tiefkühltruhe in der Mikrowelle heiß, wenn er nach Hause kommt. So werden auch lästige Diskussionen um das, was auf den Tisch kommt vermieden, jeder kann nach seinen Vorlieben zugreifen. Convenience-Produkte sind der Wachstumsmarkt schlechthin (übrigens auch in der Bio-Branche).
Gleichzeitig hat sich die Bedeutung des Begriffs Kochen an sich verändert. Als "selbst gekocht" verstehen viele heute nicht mehr nur die Nudelsoße aus Tomaten, Gemüse und Co., sondern auch die, die mit Hilfe einer fixen Tüte zubereitet wurde. Kochen im klassischen Sinne bleibt immer häufiger dem Wochenende oder Feiern mit Familie und Freunden vorbehalten.

Sechs Lebensjahre essen
78840 Hauptmahlzeiten nimmt ein Bundesbürger zirka zu sich, wenn man die durchschnittliche Lebenserwartung zugrunde legt. Bei einer angenommenen Dauer von je 30 Minuten pro Mahlzeit kommen da locker sechs Lebensjahre zusammen, die mit Essen verbracht werden.
Wie wichtig Nahrungsaufnahme ist, brachte Samuel Beckett auf den Punkt: "Fressen, fressen, fressen, sie denken nur ans Fressen." (Endspiel, 1957). Damals hatte der Mann recht. Der geringschätzige Umgang mit Lebensmitteln, die Billigheimer-Mentalität, das achtlose Fast-Food Mampfen nebenbei, sind Phänomene des späten 20. Jahrhunderts und in der Menschheitsgeschichte völlig neu.
Praktische Vorteile für Gesundheit und Geldbeutel
Zu fett, zu salzig, zu süß: Dass wir uns so ungesund ernähren, hängt nicht zuletzt mit unserem Konsum von Fertig- und Fast-Food-Gerichten zusammen. Hausgemachte Mahlzeiten aus frischen Zutaten bieten durchschnittlich eine bessere Nährstoffdichte, d.h. mehr Mineralien und Vitamine bei weniger Kalorien. Und Fast Food ist auch nicht billig: In einer Fast-Food Kette kommen für eine Familienmahlzeit aus zwei Erwachsenen- und zwei Kindermenüs schnell rund 15 Euro zusammen. Dafür kann eine vierköpfige Familie locker ein leckeres Menü aus frischen Zutaten kochen.

Trend oder Schicksal
Ernährungs- und Marktforschungexperten gehen davon aus, dass sich der Trend zu Convenience, Außer-Haus-Verpflegung und weniger gemeinsamen Mahlzeiten fortsetzen wird. Bewegungen wie Slow Food und die Bio-Spitzenköche plädieren dafür, das Thema Essen endlich wieder ganz oben auf die Agenda zu setzen, dort, wo es hingehört. (s. Interview folgende Seite). Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass Kartoffeln schälen in der Schule gelehrt wird und Köche Popstars sind. Vielleicht dürfen wir auch hoffen, dass unser schlampiger Umgang mit Lebensmitteln nur ein Ausrutscher in der jahrtausendealten Menschheitsgeschichte ist. Sie mögen Ihren Bärlauch auch lieber ohne Latte Macchiato? Na dann:
Fernseher aus, Herd an!
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Interview
Der "Koch-Animator": Jürgen Piquardt
"Kochen ist sinnlich und sinnvoll"

Mit den beiden Restaurants "La Provence" und "Paradies" bringen Jürgen und Heike Piquardt südfranzösisches Savoirvivre ins nordisch-kühle Hannover. Bereits Anfang der 1980er Jahre verwendeten sie Bio-Zutaten in der Küche und gehören damit zu den Pionieren der deutschen Bio-Gastronomie.
Jürgen Piquardt ist Mitglied der Spitzenkoch-Vereinigungen Eurotoques und Bio-Spitzenköche. Nicht nur mit seinen Restaurants, sondern auch mit Catering, Banketten und Gourmet-Events trägt er dazu bei, Bio als Selbstverständlichkeit in der gehobenen Küche zu etablieren. Bioboom ließ sich von Jürgen Piquardt ein paar Tipps aus berufenem Munde zum alltäglichen Kochen geben.
Sie sind Spitzenkoch, das Zusammenspiel von Genuss und Gesundheit ist ihre Passion und Profession. Lässt sich auch aus dem täglichen Alltagskochen ein Lustgewinn ziehen?
Natürlich! Kochen ist eine zutiefst sinnliche (und sinnvolle) Beschäftigung, das beginnt beim Einkauf frischer Lebensmittel, setzt sich beim Schälen und Schnippeln fort, wenn man Duft und Konsistenz erspüren kann. Das gilt ganz besonders, wenn mit Bio-Zutaten gearbeitet wird. Ein weiterer wichtiger Punkt: Kochen Sie mit Selbstbewusstsein, in dem Wissen, dass Sie etwas ganz Individuelles, Unverwechselbares schaffen. Es muss nicht alles 100% perfekt sein, aber mit Convenience Produkten kriegen Sie nie dieses Gefühl.

Kochen in der Familie scheitert oft nicht nur an mangelnder Zeit, sondern auch an der Klage "mein Kind / mein Mann isst das alles nicht". Was raten Sie?
Also, "das ist aber sehr gesund" ist schon mal kein gutes Argument. Essen muss ja erst mal den Bekochten gut schmecken. Besser ist es, alle Familienmitglieder beim Kochen mit einzubinden. Wenn Kinder beim Kochen mithelfen dürfen, essen sie häufig auch die Resultate gerne. Gemeinsames Kochen ist nicht immer praktikabel, aber vielleicht kann der Familienrat gemeinsam beschließen, was in nächster Zeit gekocht werden soll.
Das Gros des "Alltagskochens" wird nach wie vor von Frauen erledigt. Gibt es so etwas wie "typisch männlich"/"typisch weiblich" auch beim Kochen?
Nach meiner Beobachtung sind Frauen nicht so fleischlastig beim Kochen, sind schneller für leichte Küche zu begeistern. Männer sind da eher Traditionalisten.
Was braucht man wirklich, um gut kochen zu können? Welche Gegenstände würden Sie mit auf die einsame Insel nehmen?
Messer. Auf jeden Fall. Am liebsten zwei. Ein klassisches Küchenmesser bester Qualität und ein großes, zur Arbeitserleichterung. Wenn ich noch mehr Wünsche äußern dürfte: Einen Schneebesen und ein Nudelholz hätte ich auch gerne noch. Gute, solide Küchenbasics. High Tech in der Küche ist überflüssig und schädlich.

Immer weniger Menschen können richtig kochen, nicht wenige davon finden das schade. Was für Tipps haben Sie für Helden der Mikrowelle, die ihren Horizont erweitern wollen?
Das mit dem nicht-Kochen-können, das ist ein fundamentales Problem, immer häufiger haben die Leute das zu Hause als Kind schon nicht mehr erlebt. Früher wurden viele Sachen ganz selbstverständlich abgeguckt, das musste man nicht in der Schule lehren, wie man Kartoffeln schält. Aber jeder Mensch hat persönliche Ess-Vorlieben und kann irgendetwas zubereiten. Da setzt man an. Und zwar in kleinen Schritten. Kochen muss ja nichts riesig Aufwändiges sein, eine Kartoffel mit einem guten Olivenöl ist etwas ganz Feines. Oder gehobelter Broccoli als Carpaccio, mit einem guten Balsamico angemacht. Spielerisch mit dem Thema Kochen umgehen, kleine Variationen ausprobieren: Den Kartoffelbrei mal mit Pesto, mal mit Petersilienwurzel vermischen. Und schon befindet man sich auf dem Weg zur kreativen Küche.
Immer mehr Convenience, immer weniger gemeinsame Mahlzeiten hat Kochen als Alltagskultur noch eine Zukunft oder wird Kochen ein Hobby, bzw. etwas, das nur noch zu besonderen Anlässen zelebriert wird?
Kochen ist Zukunft! Ich bin überzeugt davon, dass wir die Rückkehr des Kochens als gesamtgesellschaftlichen Trend erleben werden. Sehen Sie, in unserer Gesellschaft gibt es immer mehr freie Zeit, in der, vermehrt unfreiwillig, nicht gearbeitet wird. Diese Zeit gilt es, mit Sinn zu füllen. Was könnte elementarer und sinnvoller sein, als der Nahrung, den Lebensmitteln, wieder den gebührenden Raum zu geben? Sich von der Lebensmittelindustrie nicht länger manipulieren zu lassen? Ich bin Optimist und hoffe, dass wir uns bewegen können, weg von der Profitorientierung, hin zu einer Gesellschaft, die sich an sozialen und nachhaltigen Kriterien orientiert.
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Bio-Spitzenköche
Bio mit allen Sinnen genießen
Die Bio-Spitzenköche sind Profiköche und -Köchinnen aus ganz Deutschland, die sich der modernen Bio-Gourmetküche verschrieben haben. In ihren Restaurants, bei Events, beim Front Cooking oder in Kochkursen zaubern sie unwiderstehliche Bio-Kreationen. Ihr Ziel: Immer mehr Menschen für Bio zu begeistern.

Extra-Buchtipp
In dem neuen Kochbuch "Bio ein Genuss" präsentieren die Bio-Spitzenköche auf einem kulinarischen Spaziergang durch die Jahreszeiten ihre besten Rezepte. Dazu gibts alle wichtigen Basisinformationen rund um Bio-Lebensmittel, Bio-Landwirtschaft und den Einkauf von Bio-Produkten.
Vereinigung deutscher Bio-Spitzenköche /
Anna Ort-Gottwald | Bio ein Genuss
168 Seiten | 120 Farbfotos | Gräfe und Unzer | 24,90 EUR (D)
Lets Cook! Ran an die Töpfe
Die Ernährung von Kindern und Jugendlichen ist ein Thema, dass Wissenschaftler, Medien und Politiker beschäftigt. Berge von Material werden dazu produziert, trocken und schwer verdaulich. Dass es praktisch auch anders geht, beweisen Kochkurse für Kinder und Jugendliche. Die gibt es z. B. bei Biolüske in Berlin. Der undogmatisch schicke Bio-Supermarkt im umgebauten Kino verfügt über ein modernes Kochstudio. Dort wird in stets ausgebuchten Kursen geschnippelt, gebrutzelt und gefeiert natürlich mit Bio-Produkten. Auch Lets Cook-Autorin Lisa Shoemaker lässt sich hier in Aktion erleben!

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