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Visionen Energie für die Zukunft "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Antoine de Saint-Exupéry "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Helmut Schmidt ![]() "So wird es einmal sein." Der große Zukunftsentwurf in leuchtenden Farben ob im persönlichen Leben, in Wirtschaft oder Politik: Ziele helfen, den Weg zu definieren. Sie liefern die Motivation, in langwierige Projekte zu investieren, sich gegen Widerstände zu behaupten und in schwierigen Zeiten durchzuhalten. Ob im Seminar für Manager oder in der Esoterik-Szene: Visionssuche hat Konjunktur. Aber das Thema ist durchaus nicht nur positiv besetzt: Da gibt es die Visionen, die mit religiösem Eifer vorgetragen werden und keinen Raum für andere Vorstellungen lassen. Und natürlich die Visionen, die nichts anders sind als hübsch verkleidete Unternehmensstrategien zur Maximierung des wirtschaftlichen Erfolges. Nicht zu vergessen die Visionen, die in eklatantem Widerspruch zum Verhalten des Visionärs im Hier und Jetzt stehen. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", so soll der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Beginn der 1980er Jahre gegrummelt haben. ![]() Zu jener Zeit gab es eine Menge Leute, die nach Meinung einer Menge anderer Leute zum Arzt hätten gehen müssen: Spinner, Verrückte, Weltverbesserer. Leute, die feststellten, dass der Lebensstil der europäischen Industrienationen nicht tragfähig für die ganze Welt sein könne und schon gar nicht zukunftstauglich. Sie stellten fast alles in Frage, woran die westliche Welt uneingeschränkt glaubte: Die Energiepolitik, die auf fossile Brennstoffe und Atomkraft setzte. Lebensmittel, die immer häufiger aus industrieller Erzeugung stammten. Landwirtschaft, die sich massiv auf die chemische Industrie verließ. Kosmetika und Waschmittel, die Haut und Umwelt Schaden zufügten. ![]() Man könnte fast versucht sein zu sagen: Sie waren gegen so ziemlich alles. Um den Mut aufzubringen, gegen alles zu sein, muss man etwas haben, das man dagegen setzen kann. "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.", so hätten sie Helmut Schmidt mit Antoine de Saint-Exupéry kontern können und sie haben einiges gebaut: Die Spinner von damals schufen einen der wenigen florierenden Wirtschaftszweige der Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts: Die Bio-Branche. Was wäre, wenn Wie würden wir leben, wenn die gesamte Landwirtschaft in Deutschland auf "Bio" umstellen würde? Müssten wir alle unsere Ess-Gewohnheiten ändern? Wie würden sich Natur und Landschaft verändern? Wären wir gesünder? Glücklicher? Hätten wir überhaupt genug zu essen? Wie könnten unsere Wirtschafts- und sozialen Beziehungen aussehen? Wie würde sich das Arbeits- und kulturelle Leben verändern? Im Herbst dieses Jahres startete der Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) das Projekt "100% Bio". Auf der Herbsttagung des Verbandes, dem u.a. die Spitzenverbände des ökologischen Landbaus angehören, diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Bio-Branche über ein Szenario, das nicht nur für Gegner, sondern auch für Befürworter von "Bio" wunderlich bis gefährlich anmuten mag. ![]() "Ich kann damit leben, dass ich ab und an für verrückt gehalten werde", stellt Renate Künast, ehemalige Verbraucherschutzministerin und Fraktionsvorsitzende der Grünen/Bündnis 90, auf der Auftaktveranstaltung fest. Ihre Forderung, der ökologische Landbau in Deutschland solle bis 2010 einen Anteil von 20% erreichen, war eine der am heißesten diskutierten Aussagen ihrer Amtszeit. Verfechter der konventionellen Landwirtschaft warnten vor staatlichem Dirigismus und wiesen auf die Wahlfreiheit der Verbraucher hin. Auch die Bio-Szene ist sich nicht einig, ob die Grundwerte und und Prinzipien ökologischen Wirtschaftens mit der Eroberung des Massenmarktes vereinbar sind. Dass wir in ca. 30 Jahren 100% unseres Energiebedarfs aus regenerierbaren Quellen decken müssen dieser Forderung würde kaum jemand widersprechen. Schließlich wissen wir längst, dass wir dann einfach kein Erdöl mehr haben werden. Dass als Resultat unseres Lebensstils nicht nur die fossilen Brennstoffe, sondern auch die elementaren Lebensgrundlagen des Menschen wie Boden, Wasser und Luft zerstört werden, das wissen wir ebenfalls. Was das aber wirklich bedeutet, das können wir uns nicht vorstellen, vermutet Stephan Albrecht, der an der Universität Hamburg über die Themen Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt forscht. Denn wie sonst sei es zu erklären, dass z. B. keine wirksamen Fangquoten für die Fischerei vereinbart werden, obwohl der Zusammenbruch der Bestände längst Realität ist? ![]() 100% Bio heißt für die Akteure, den Mut zu haben, das Undenkbare zu denken und damit in den Bereich des Möglichen zu holen. Die ökologische Lebensmittelwirtschaft hat den Anspruch, mehr als nur ein Marktsegment zu sein oder Modetrends zu bedienen. Die im Moment noch sehr fern erscheinende Vision 100% Bio will ein gesellschaftspolitisches Signal für eine Umwandlung der Landwirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit setzen. Auf wissenschaftliche und nachvollziehbare Weise soll ein Szenario entwickelt werden, das nicht nur das Ziel beschreibt, sondern auch Fragen, Probleme und Hindernisse auf dem Weg klärt. 100% Bio: Eine Neuorganisation der Gesellschaft Ein Land, das in seiner Gesamtheit auf ökologischen Anbau setzt, wäre nicht mehr dasselbe. Hier nur einige der Aspekte, die sich (nachhaltig) verändern würden. ![]() Umwelt und Natur Bereits heute werden 90% der Weltnahrungs?pro?duktion aus nurmehr 10 Nutzpflanzenarten gewonnen. 100% Bio sichert Wildtieren und -pflanzen die Lebensräume, erhält die Vielfalt von Nutzpflanzen und -tierrassen und der deutschen Kulturlandschaften. Energie Die Landwirtschaft benötigt knapp 1&Mac218;Ü der gesamten Energie, die in der EU verbraucht wird. Nicht nur Maschinen und Stallungen, sondern vor allem auch Dünger und Pestizide tragen bei der Herstellung zum Energieverbrauch bei. Klimaschutz ohne Berücksichtigung der Landwirtschaft ist nicht denkbar. Ökologischer Landbau ist hier weit überlegen. Arbeit Bezogen auf die Fläche des bewirtschafteten Landes arbeiten im Öko-Landbau ca. 30% mehr Menschen als in der konventionellen Landwirtschaft. 100% Bio könnte zur Entstehung von etwa 300000 neuen, zusätzlichen Arbeitsplätzen führen. ![]() Ernährung Überschussproduktion, Verfall der Erzeugerpreise der Qualität und die Konzentration im Lebensmittelhandel prägen die gegenwärtige Situation. 100% Bio würde zunächst einmal realistische Preise für Lebensmittel bedeuten, aber auch eine größere Vielfalt und Regionalität in Handel und Herstellung. Gesundheit Umweltbelastungen würden drastisch reduziert, was der Volksgesundheit zu Gute käme. Ein generell gesünderer Ernährungsstil könnte zu weniger Übergewicht und ernährungsbedingten Krank?heiten führen und das Gesundheitswesen entlasten. ![]() Wäre Deutschland eine ÖKO-Diktatur? Gäbe es bei uns keine Bananen mehr? Ist die Umstellung von menschlichen Hirnen nicht schwieriger als die von Landwirtschaftsbetrieben? Was würde 100% Bio in Deutschland für unsere internationalen Beziehungen bedeuten? Würden wir weniger Fleisch und mehr Hülsenfrüchte essen? Wären wir alle ärmer, aber gesünder? Nach der Auftaktveranstaltung soll das Szenario in Zusammenarbeit mit Zukunftsforschern und Wissenschaftlern weiterentwickelt werden. Kritische Fragen und grundsätzliche Probleme werden dabei mit einbezogen. Eine Fortsetzung der Diskussion auf der Herbsttagung des BÖLW 2007 darf mit Spannung erwartet werden. www.boelw.de Hier finden Sie eine vollständige Dokumentation der Veranstaltung "100% Bio: Perspektive für Deutschland"
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