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Hauptsache, es schmeckt

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Impressum
 
 
Titelgeschichte Ausgabe Nr. 38
Hauptsache, es schmeckt
Die Zahl der Vegetarier und Veganer wächst /Genuss und Gesundheit sind wichtig

Als Kind war Hilmar Steppat häufig auf einem Bauernhof zu Gast. Das Kälbchen, mit dem er sich angefreundet hatte, wurde eines Tages plötzlich abtransportiert – zum Schlachthof, wie der Fünfjährige von den Erwachsenen erfuhr. „Da wollte ich gar kein Fleisch mehr essen“, entsinnt sich Steppat. „Aber meine Eltern bestanden darauf, weil sie meinten, es sei für mein Wachstum wichtig.“



Das Erlebnis geriet zwar in den Hintergrund, aber nicht in Vergessenheit. Als Mitte der neunziger Jahre angesichts von BSE und Schweinepest tausende Tiere notgeschlachtet werden mussten und das Fernsehen fast täglich Bilder von brennenden Kadavern zeigte, erinnerte er sich daran. Seit 1994 lebt Steppat vegetarisch und seit 1995 vegan. Die Lebensgefährtin denkt wie er. Auch die vier Kinder wählen fisch- und fleischfreie Alternativen aus dem Naturkostfachgeschäft.

Der 42-jährige Kommunikationswirt aus Hannover ist mittlerweile im Vegetarier-Bund Deutschlands organisiert. Der hat rund 2 000 Mitglieder, von denen ein großer Teil in Süddeutschland wohnt. Der Bund vertritt vor allem die Vegetarier und Veganer, welche die politischen und ethischen Motive für ihre Lebensweise offensiv nach außen tragen.

Urban und undogmatisch: Vegetarier auf dem Vormarsch
Seit der Jahrtausendwende findet die vegetarische Ernährung jedoch auch in breiteren Schichten der Bevölkerung immer mehr Anhänger. Sie sind meist jünger als 50 Jahre, leben eher in der Stadt als auf dem Land, haben oft eine gute Bildung und bevorzugen einen international geprägten Lebensstil. Ihnen würde es kaum einfallen, Viehtransporte zu behindern oder Liebhaber von Fleisch und Fisch als „Leichenfresser“ zu bezeichnen. „Leben und leben lassen“ lautet ihr Motto. Sie möchten vor allem gesund bleiben, genießen und sich nicht länger darüber ärgern, dass sich eine Pute aus der konventionellen Produktion geschmacklich kaum noch von einem Stück Schweinefleisch unterscheidet.



Kompromisslose Minderheit
Daneben scheint eine Gruppe vor allem junger Menschen zu wachsen, die sich für vegane Kost entscheiden, also für den völligen Verzicht auf tierische Produkte. Konsequente Veganer kaufen nicht einmal Lederprodukte und schon gar nicht Käse oder Eier. Für die Allerstrengsten unter ihnen ist Milch „weißes Blut“ und Konsumenten von Fleisch und Fisch sind Verbrecher. Diese Protesthaltung kann für Familienangehörige und Freunde eine ganz schöne Herausforderung sein.

Wer so kompromisslos lebt wie die Veganer, hat der „Die-Natur-ist-dir-bedingungslos-untertan-und-alles-ist-verfügbar-Gesellschaft“ den Kampf angesagt, viel?leicht gerade, um sich vom Konsumismus der älteren Generationen abzugrenzen. Hilmar Steppat schätzt den Anteil der Veganer auf einen Prozent der deutschen Bevölkerung.

Einen Plan für eine vegane Ernährung zusammenzustellen, kann gerade für Einsteiger aufwändig und kompliziert sein und erfordert ein gewisses Know how. Schließlich geht es darum, sich täglich mit allen notwendigen Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen zu versorgen.



Veggie liegt in Deutschland im Trend
Verglichen mit Osteuropa, Lateinamerika und vielen anderen westlichen Industriestaaten leben in Deutschland wohl relativ viele Vegetarier und Veganer. Die meisten findet man übrigens in Ländern wie Indien, wo ein großer Teil der Bevölkerung aus religiösen Gründen auf Fleisch, Fisch und oft auch auf alle Produkte mit diesen Bestandteilen verzichtet, und in Großbritannien, wo die Bewegung der Vegetarier und Veganer traditionell stark ist.

Wie viel Menschen in den einzelnen Staaten dieser Lebensweise zugeneigt sind, lässt sich nicht genau sagen, da es kaum seriöse statistische Erhebungen darüber gibt. Im alten Bundesgebiet sollen 1983 etwa 0,6 Prozent der Bevölkerung vegetarisch gelebt haben, behauptet der Vegetarier-Bund und nennt als Quelle ein Marktforschungsinstitut. Ein anderes Unternehmen, das Institut Produkt + Markt, ermittelte in einer Studie aus dem Jahr 2006, dass neun Prozent der Befragten dem vegetarischen oder veganen Lebensstil zugeneigt seien. „Allerdings sind darunter sicher auch viele Menschen, die ab und zu einen Salattag einlegen und ansonsten auch Fleisch und Fisch essen“, sagt Mitarbeiter Christoph Fritsch.



Neue Gattung: Der „Teilzeitvegetarier“
Die Zahl der Menschen, die mehr Obst, Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchte verzehren als früher, aber auf tierische Produkte nicht völlig verzichten, steigt sicher am stärksten. Ihren Bedürfnissen, bzw. denen der Vegetarier, wird inzwischen fast überall Rechnung getragen. Es gibt kaum noch einen einschlägigen Verlag, der nicht schon ein vegetarisches Kochbuch veröffentlicht hätte. In den Regalen der Lebensmittelgeschäfte wächst das Angebot an vegetarischen Brotaufstrichen und Sojaprodukten, an Kernen und Nüssen.

Umdenken auf Speisekarten
Es gilt inzwischen als Zeichen von Weltgewandtheit und politischer Korrektheit, auf Menüs, bei Galas und Di?ners immer auch ein fleisch- und fischfreies Gericht zu präsentieren. „Die Zubereitung qualitativ hochwertiger und anspruchsvoller Gemüsespeisen gehört genauso zur Ausbildung von Köchen wie die Ernährungslehre“, sagt Stefanie Heckel vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband.

Der Medienberater David Gunderlach betreibt die Webseite diekantinen.de, auf der Kantinen aus der gesamten Republik aufgelistet und bewertet sind. Ein fleisch- und fischfreies Gericht sei fast überall gang und gäbe, berichtet auch Gunderlach. Besonders populär seien Auberginen, Zucchini und andere Gemüsesorten – im italienischen Stil zubereitet. Salatbuffets seien gleichfalls beliebt. „Den meisten Besuchern ist es allerdings gleichgültig, ob das Gericht Fleisch oder Fisch enthält – Hauptsache, es schmeckt“, sagt der Berliner Journalist. Streng vegane Speisen sind in Kantinen, Mensen und Restaurants nach wie vor eher selten zu finden, ebenso in Kochbüchern.



Fleischskandale wirken nur kurzfristig
Während sich auf der einen Seite immer mehr Gastwirte, Kunden und Lebensmittelhersteller über gesunde, fettarme und auch fleisch- und fischfreie Kost Gedanken machen, wächst auf der anderen Seite die Schar der dicken und ungesund lebenden Deutschen, die ohne Bedenken Industriezucker, gesättigte Fettsäuren und Cholesterin in sich hineinstopfen. Viele Vegetarier und Veganer nehmen für sich in Anspruch, in punkto Ernährung zur aufgeklärten Elite zu gehören. „Der Konsum von Fleisch hat etwas mit Verdrängen zu tun“, meint Hilmar Steppat vom Vegetarier-Bund Deutschlands.

„Wer sich einmal mit den Grausamkeiten gegenüber so genannten Nutztieren auseinander gesetzt hat, für den gibt es meist kein Zurück mehr zur konventionellen Ernährung.“ Dabei lässt er den Umstand außer acht, dass Berichte über Viehtransporte, Schlachthöfe und Hühnerfarmen mittlerweile regelmäßig in den Medien zu finden sind, die allermeisten Menschen aber entweder nicht hinsehen oder nach einem Aufschrei des Entsetzens zu ihrem Steak zurückkehren. Allerdings bleiben auch nach jedem neuen Fleischskandal und jedem Dokumentarfilm über die konventionelle Lebensmittelindustrie einige Konsumenten zurück, die nun doch lieber in den Bio-Laden gehen und/oder statt Hühnerkeule marinierten Tofu in ihre Einkaufswagen legen.



Fleischkonsum schadet der Umwelt
Vegetarier Hilmar Steppat besitzt mehrere Videos über Schlachthöfe. Wer sich mit Material für Grundsatzdiskussionen eindecken will, findet es u. a. auf den Webseiten der Tierschutzorganisation PETA. Angesichts der Bilder von gemarterten Kreaturen fragt man sich, ob die Tiere durch das Zurschaustellen ihrer Qualen nicht erst recht ihrer Würde beraubt werden. Andererseits lässt sich einwenden, dass diese Aufnahmen der Aufklärung dienen. Vegetarier und Veganer verweisen auch darauf, dass durch Fleisch- und Fischkonsum die Umwelt zerstört wird. Nur zwei Beispiele von vielen: Rinder stoßen das Treibhausgas Methan aus. Die Massentierhaltung trägt zur Erwärmung der Erdatmosphäre nicht unmaßgeblich bei. Durch die Überfischung wird das ökologische Gleichgewicht der Meere empfindlich beeinträchtigt, sind ganze Populationen vom Aussterben bedroht.

Schlank und fit
Wichtiger als ethische und moralische Gesichtspunkte sind den meisten Konsumenten Genuss und Gesundheit – und sie können auf wissenschaftlich erhobene Fakten verweisen. Diese kommen zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, einer renommierten Einrichtung, die sich der Förderung ernährungswissenschaftlicher Forschung verschrieben hat. Vegetarier „haben seltener Übergewicht und weniger häufig hohen Blutdruck“, heißt es in einem Papier der Gesellschaft. Häufiger als Mischköstler würden sie ernährungsphysiologisch günstige Nahrungsbestandteile wie komplexe Kohlenhydrate, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe aufnehmen und dafür seltener gesättigte Fettsäuren und Cholesterin. Das Risiko für Gicht, Diabetes mellitus, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei daher bei Vegetariern niedriger. „Die Lebenserwartung ist in der Regel höher als bei Mischköstlern.“



Auf Ausgewogenheit achten
Isabelle C. Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung macht allerdings Einschränkungen. Der vegetarische Speiseplan müsse wirklich ausgewogen sein – mit viel Vollkornprodukten, Obst, Gemüse und täglich Milchprodukten. „Da Schwangere einen erhöhten Bedarf an Eisen und Jod haben, sollten sie besser mit ihrem Arzt über ihre Kost sprechen und gegebenenfalls diese Mineralstoffe als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen.“ Auch die Eltern von vegetarisch lebenden Kleinkindern sollten den Doktor konsultieren, „sich genau informieren und sorgfältig auf einen umfassenden, vielseitigen Speiseplan achten.“

Erfahrene Vegetarier kennen die Kniffe, die dabei zu beachten sind und natürlich auch für Erwachsene gelten. Mischköstler gewinnen Eisen vor allem aus Fleischprodukten. Aber auch in Blattgemüse und Vollgetreide ist dieser Stoff enthalten, der u. a. zur Blutgewinnung benötigt wird. Allerdings kann der Körper das aus Pflanzen stammende Eisen schlechter aufnehmen. Der Trick besteht darin, zur selben Mahlzeit eine Orange oder ein anderes Lebensmittel, das Vitamin C enthält, zu verspeisen, denn das fördert die Eisenresorption.

Gesundheit auf dem Teller
Obst, Gemüse, Nüsse, Kerne und Hülsenfrüchte enthalten nicht nur jede Menge nützlicher und gesunder Inhaltsstoffe, sondern stecken voller kulinarischer Möglichkeiten. Und die werden von Vegetariern und Veganern meist viel intensiver genutzt, als von „Normalessern“, die nur das Standardprogramm der konventionellen Küche abspulen.

Einige Bestandteile, die so genannten sekundären Pflanzenstoffe, vollbringen nach Aussagen von Isabelle C. Keller „wahre Wunder, was die Prävention von Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt anbelangt.“ Man denke nur an Beta-Carotin, dass in Karotten steckt, und an Glucosinolate, welche Radieschen und Rettich ihren stechenden Geruch geben. „Die Forschung darüber steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Keller.
[jan]

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Glossar
Vegetarier: verzichten auf Fleisch- und Fischprodukte. Das Wort kommt vom lateinischen „vegetare“ (wachsen, leben).
Laktovegetarier: essen neben pflanzlichen Lebensmitteln auch Milchprodukte.
Ovo-Lakto-Vegetarier: verspeisen zusätzlich noch Eier.
Veganer: verzichten völlig auf Lebensmittel tierischen Ursprungs, sie konsumieren also keine Milch, keine Eier, keinen Honig. Häufig lehnen sie auch Leder und andere tierische Produkte ab.
Berühmte Vegetarier sind z. B. Pythagoras, Gandhi und Paul McCartney.

Buchtipp
J. M. Coetzee: Das Leben der Tiere.
Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger geht in dieser Erzählung der Frage nach, ob Tiere Rechte und eine Würde haben. Darüber entspinnt sich ein Dialog zwischen den Hauptfiguren, einer alternden Schriftstellerin und ihrem Sohn, einem Physikprofessor.
S. Fischer, Frankfurt am Main, 10 Euro.

Internetseiten
dge.de
Webseite der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, viele Informationen rund ums Essen

diekantinen.de
eine große Auswahl öffentlich zugänglicher Kantinen, fast alle mit mindestens einem vegetarischen Gericht

vegetarisch-einkaufen.de
Portal mit vielen Tipps. Es wurde von dem Kaufmann Armin Mück aus der Lüneburger Heide eingerichtet, der sich über darüber ärgerte, dass man vegetarische Produkte in manchen Supermärkten schlecht identifizieren kann

vegetarierbund.de
viele Hinweise zur vegetarischen und veganen Lebensweise

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„Vegetarisch leben ist chic“
Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin, Koch?buchautorin und gefragte Exertin in Sachen gesunde Ernährung. Sie ist Ehrenmitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Aus ihrer Feder stammt u. a. der Klassiker „Kochvergnügen vegetarisch“, der 1996 bei Gräfe und Unzer herauskam. In dem Münchner Verlag erschien zuletzt auch „Vegetarisch genießen“ (vorgestellt in Bioboom Frühling 2007).



> Sie essen Fleisch und Fisch. Warum schreiben Sie vegetarische Kochbücher?

< Als Ernährungswissenschaftlerin weiß ich, dass Getreide und Gemüse die Basis einer gesunden Kost sind. Die konventionelle deutsche Küche geht aber leider recht fantasielos mit Gemüse um: ein Schnitzel, dazu Erbsen und Kartoffeln, das war’s. Ich möchte Menschen zeigen, wie eine vollständige Mahlzeit ohne Fleisch und Fisch aussehen kann. Viele sind schon mit einfachen Fragen überfordert: Wie kriege ich ohne Fleischfond eine gute Soße hin? Mir liegen besonders Kontraste am Herzen. Wenn alle Bestandteile des Gerichts in etwa gleich große Stücke geschnitten und auf ähnliche Weise zubereitet werden, ist das langweilig. Deshalb sorge ich für Abwechslung. Statt Ananas immer nur in Scheiben zu teilen, schneide ich längliche Stäbchen und grille sie im Backofen.

> Das geht?

< Natürlich. Dünn mit einem Mix aus Sojasoße und Ketchup bestrichen schmeckt das sehr raffiniert.

> Warum vernachlässigt die traditionelle Küche das Gemüse? Hier wächst doch vieles, was man sich wünschen kann.


< Aufgrund der geographischen Verhältnisse wird in Deutschland traditionell ein großer Teil der Fläche als Weideland genutzt. Rund ums Mittelmeer und auch in Rheinland-Pfalz und Baden ist das anders – da gibt es mehr Gemüseanbau. Diese Regionen sind kulinarisch viel weiter entwickelt. Ich denke nur an Rote Beete. Während sie anderswo in Deutschland ein eintöniges Dasein als Wintergemüse im Glas fristet, wird sie auf badischen Märkten auch im Sommer feilgeboten und von einheimischen Köchen frisch verarbeitet. Sogar für das Grün findet sich eine Verwendung.

> Trübe Aussichten also für den Rest Deutschlands?

< Durchaus nicht. Als 1996 mein Buch „Kochvergnügen vegetarisch“ erschien, waren viele Zutaten nur in speziellen Läden in größeren Städten erhältlich. Inzwischen ist das Angebot an Nüssen, Samen und Kernen sensationell. Und erst der Käse! Und die Hülsenfrüchte!

> Hat die Begeisterung für Vegetarisches Ihren Beobachtungen nach zugenommen?

< Ja. Und zwar ohne dass gleich eine von diesen inhaltsschweren Grundsatzentscheidungen getroffen werden muss, zu denen wir Deutschen leider neigen. Viele Menschen möchten erst einmal ausprobieren, was die vegetarische Küche kann. Übrigens haben sie dazu auch in vielen Restaurants Gelegenheit. Diese bieten so tolle vegetarische Gerichte an, dass gar keine Rolle spielt, ob da Fleisch oder Fisch drin ist oder nicht. Bis in die neunziger Jahre hinein beschäftigten sich Vegetarier viel mit den politischen und ethischen Aspekten ihrer Lebensweise. Mir wurde dabei kaum vermittelt, dass vegetarische Küche auch sinnlichen Genuss bietet, Entdeckerlust, Spaß. Ich denke, das empfanden andere Leute ähnlich. Inzwischen hat sich das verändert. Die neue Zielgruppe für vegetarische Produkte ist urban und international geprägt. Sie trifft ihre Entscheidungen mit mehr Leichtigkeit. Sie macht das Vegetarische chic.




Klassisch vegetarisch
Klar, dass wir unsere Interviewpartnerin Dagmar von Cramm auch nach ihren persönlichen vegetarischen Lieblingsrezepten gefragt haben. Die finden sich in ihrem Kochbuch „Kochvergnügen Vegetarisch“ von 1996. Es ist mittlerweile zum Klassiker avanciert, auch die Bioboom-Redaktion hat es zu Hause in der Küche stehen. Dass Veggie-Küche spicy, trendy und schick sein kann, hat sich seitdem herumgesprochen. Aber was ist, wenn der Appetit auf was richtig Bodenständiges, Herzhaftes kommt? Da ist dieses frühe Standard-Werk der Veggie-Küche genau das Richtige – probieren Sie es aus! Und falls Sie es nicht – wie die Bioboom-Redaktion – schon seit damals in der Küche stehen haben, können Sie es bei uns gewinnen!

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Einblick:
Künstlerkommune
Vegetarisches Leben auf dem Mars


In der „Modernen Anstalt Rigoroser Spakker“, kurz M.A.R.S., leben Menschen, Hunde, Katzen, und Schweine. Musik gibt’s reichlich, Fleisch nie.



MARS heißt die Wohngemeinschaft, die wir suchen. Ganz schön abgelegen hier. Wir fahren, fahren, fahren durch die sanfte Eifel-Landschaft. Berge, Felder, Wiesen, plätschernde Bächlein, Dörfer, die jetzt am Vormittag total ausgestorben wirken. In einem dieser Dörfchen biegen wir ab, noch einen Hang hoch und dann stehen wir vor dem Tor der „Modernen Anstalt Rigoroser Spakker“, abgekürzt MARS. „Ihr wollt was über modernen vegetarischen Lebensstil machen?“ fragt Bernd Drosihn, Tofumacher aus der Eifel. „Redet doch mal mit den Mars-Leuten.“ Leben auf dem Mars? Das ist uns neu. Es handele sich um eine WG, klärt uns Bernd auf. Lauter Musiker, die auf einen alten Hof in der Eifel wohnten und Musik machten. Und konsequent vegetarisch lebten, zwischen den MARSianern und den Viana-Tofumachern wenige Orte weiter bestünde ein lebhafter Kulturaustausch.

Unsere Neugier ist geweckt, zur Vorbereitung schauen wir schon mal, was wir so herausfinden können. Aha, die WG hat eine Internetseite. „Am Anfang stand die Vision …“ heißt es dort … Oha, das klingt bedeutungsschwer … Thomas D. von den fantastischen Vier … gegründet als Gemeinschaft von Künstlern und Gleichgesinnten … Deutschlands bekannteste Hippie-Kommune, heißt es anderswo... Wir beschließen, nicht weiter zu lesen und uns überraschen zu lassen.



Leben und arbeiten: Aber bitte vegetarisch
Am Küchentisch bei Kaffee und Kuchen lernen wir die meisten der derzeitigen Bewohner kennen: Carsten, der sowohl Musiker als auch für Organisatorisches zuständig ist, Kalle, der beim Bundes Vision Song Contest 2007 das Bundesland Rheinland Pfalz mit einem entspannten Reggae vertrat, Bertil, der mit allen möglichen Bands von Gentleman bis Helmut Zerlett zusammenarbeitete, tourt und produziert, Sängerin Anji und Falk mit ihrem 6 Monate alten Sohn. Thomas D. steht hinten in der Küche und redet mit seinem Manager, seine Frau und er haben gerade ein Kind bekommen, deshalb hält er sich heute raus, Tochter Lya läuft hin und her und schäkert mit Baby Kolja. Zack, jetzt sitzt eine Katze auf dem Schoß und möchte gekrault werden, zwei weitere liegen faul auf dem riesigen Kratzbaum in einer Ecke der gemütlichen Wohnküche. In der Ecke steht ein Rechner, auf dem Tisch Durcheinander von Zetteln, Kaffeetassen und Sojamilchkartons. Im Hintergrund läuft die CD, die MARS und Viana zusammen gemacht haben. Man kennt sich lange, die Atmosphäre ist entspannt, das Gespräch dreht sich um die Musik, wie es wäre, die auch mal live zu spielen. Man könnte doch eine Tour durch Bio-Läden machen, warum eigentlich nicht …



Es funktioniert
Wir wollen jetzt wissen, was es hier mit dem vegetarischen Lebensstil auf sich hat. Sind wirklich alle Vegetarier? Oder sogar Veganer? Und was, wenn jemand doch mal Lust auf Fleisch hat? Hier auf dem Mars gibt es kein Fleisch und keinen Fisch, das ist eine der ganz wenigen Grundsatzregeln für das Zusammenleben, werden wir aufgeklärt. Auf die reine Lehre wird dabei kein Wert gelegt, auch wir werden nicht nach unseren Ernährungsgewohnheiten befragt. Nur eben: Hier bitte nicht.

„Gar nicht so schwierig“, sagt Carsten, der sich nach eigenem Bekunden früher fast ausschließlich von Fast Food ernährte. „Als mir Weihnachten meine Stamm-Filiale einen Gutschein schenkte, wie ihn sonst eigentlich nur Firmen als Großkunden bekommen, wurde ich nachdenklich“, grinst er. Als er aus dem Stadtteil weggezogen sei, habe das Lokal jedenfalls dichtgemacht. Hier auf dem MARS sei es ihm leicht gefallen, sich an eine neue Art der Ernährung zu gewöhnen, jetzt fühle er sich wesentlich fitter, beweglicher und belastbarer und zu dick sei er auch nicht mehr. Aber schließlich gäbe es hier auch keine Imbissbude im nächsten Ort.

Veggie on the road
Das führt zu einem lebhaften Austausch über Fragen von „wie sage ich es meinen Eltern“ bis zu „wie lebe ich als Vegetarier unterwegs“. Vom Gasthof, in dem der Hinweis auf die Speckwürfel im „vegetarischen“ Kartoffelsalat mit einem entrüsteten „Jo mei, das ist doch kein Fleisch, das ist Speck!“ beantwortet wurde, wird berichtet und der Wirtin der Pizzeria, die die Gäste, die eine Pizza ohne Käse wollten, schlichtweg vor die Tür setzte. Strategien werden ausgetauscht: Der strikte Veganer Kalle nimmt sich auf Tour seine eigenen Vorräte mit und hält sich notfalls auch mal einen Tag lang an Wasser. Seine Verwandtschaft beruhigt er, indem er ihr sagt, er käme, um sie zu sehen, und nicht um zu essen.

Carsten freut sich, dass es manchmal auf der Tour auch richtig gutes Essen gäbe, nimmt aber auch lieber noch ein paar Tofu-Burger mit und hat damit schon manchen Koch, wie er berichtet, auf neue Fährten gesetzt. Bernd hat gute Erfahrungen damit gemacht, den Leuten direkt zu sagen, er sei „ein bisschen wunderlich“ und äße weder Fleisch, noch Milchprodukte noch Eier, „aber wenn ich im Restaurant esse, lasse ich mir nicht die Nudeltüte zeigen.“



Gemeinsame Esskultur
Das gemeinsame Kochen in der großen, professionell ausgestatteten und mit Gewürzen, Dosen und Utensilien vollgestellten Küche ist ebenfalls kein Gruppenzwang, wohl aber ein Dreh- und Angelpunkt an den meisten Tagen. Auch das funktioniert ganz einfach: Wer Lust hat, zu kochen, geht rum und fragt, wer da ist und mitessen möchte. Manchmal gibt es ein gemeinsames Mittagessen, manchmal eine Pizza um Mitternacht – ganz nach Lust und Laune. Eingekauft wird für alle gemeinsam, das braucht ein bisschen Planung, denn, wie gesagt, hier kann man nicht mal eben ein Toastbrot kaufen.

Im nächsten Kleinstädtchen gibt es einen Bio-Laden, die Tofu-Connection wird rege genutzt und manches kommt „ganz normal“ aus dem Supermarkt. Auch Experimente mit eigenem Garten gab es, doch Gartenanbau und ein Leben als Musiker erwiesen sich als schwierige Kombination. Bei Kalle ist der Funken dennoch übergesprungen: Er kaufte für sich und seine Familie einen eigenen Hof in der Nähe und plant, dort zum Gemüse-Selbstversorger zu werden.

Schweine und Sterne
Wir gehen über das Gelände. Im großen Haupthaus finden sich Küche und Wohnräume, die gemeinsam genutzt werden, oben wohnt Thomas D. mit seiner Familie. Mehrere kleine Häuschen bieten den Bewohnern viel Platz und individuellen Raum. Ganz klar: Auf dem MARS wird gearbeitet. Der ebenfalls separat stehende Probenraum gestattet es, zu jeder Tages- oder Nachtzeit Musik zu machen. Das Tonstudio ist professionell und wird entsprechend genutzt. Die Bewohner und ihre Anzahl fluktuieren, manchmal bleibt jemand eine Zeitlang, die Musiker touren.

Begeistert toben die Hunde über das Gelände und folgen uns zum Auslauf, in dem Erika und Schnute ein ausgesprochen schweinisches Leben mit viel Rumsuhlen und Schnüffeln führen. „Erika war ein Geschenk“, erläutert Kalle mit hörbarer Missbilligung darüber, dass Tiere überhaupt verschenkt werden. Weil Erika nicht vereinsamen sollte, wurde über eine Fernsehsendung Gesellschaft für sie gesucht: So kam Schnute dazu, die, wie Carsten belustig anmerkt, vom ersten Tag an das Leittier im Koben wurde. Unweit steht ein Zuber, darunter eine sichtlich genutzte Feuerstelle. „Das haben fahrende Wandergesellen gebaut“, erzählt Falk. Was sich in vergangenen Jahrhunderten traditionell Handwerker auf der Walz bauten, damit sie sich mal anständig waschen konnten, nutzen die Marsianer, um in kalten Winternächten im angenehm heißen Wasser zu sitzen und in die Sterne zu schauen.



Gemeinschaft als Prozess
Im nächsten Jahr wird der MARS zehn Jahre bestehen. Auf der BMX-Rampenfläche steht ein Kinderroller. Über die Jahre hat sich die Gemeinschaft verändert. „Früher war es hier wilder“, sagt Carsten. Einige sind weggegangen, als sie Familien gründeten. Jetzt leben hier Familien. Hier ginge es nicht darum, irgendein Idealbild zu leben, da sind sie sich einig. Natürlich ist der Gemeinschaftsgedanke wichtig. „Hier bist du ganz schön abgeschieden, auch wenn viel Besuch kommt. Da ist es ganz klar, dass die Beziehungen zueinander eng sind.“ Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten. Mit Idealen, Humor und ganz entspannt. Wir verabschieden uns, noch einmal schiebt sich eine freundliche große Hundeschnauze in die Hand. Eine schwarze Katze schaut uns nach. Es gibt Leben auf dem Mars.

www.marsnetz.de
Bilder, Geschichten, Rezepte und Projekte
aus der „Modernen Anstalt rigoroser Spakker“

www.mars-allstars.de
Musik vom MARS.

www.thomasd.net
Offizielle Homepage von Thomas D.

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