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Impressum
 
 
Titelgeschichte Ausgabe Nr. 40
Vielfalt statt Einfalt – Von der Natur lernen





Warum Artenvielfalt wichtig ist
Die Sonne strahlt und draußen zwitschert es munter. Nur gibt es leider immer weniger Spatzen. Laut Deutscher Wildtier Stiftung hat der Bestand in den letzten 25 Jahren in den meisten Bundesländern um 20 bis 50 Prozent abgenommen. In Hamburg leben sogar 85 Prozent weniger Spatzen als 1983. In den sanierten Fassaden finden sie kaum noch Risse und Spalten, in denen sie nisten können. Statt wild wuchernder Wiesen breitet sich vielerorts monotoner Rasen aus, auf dem kein Kräutlein, keine Blume wächst. Flächen werden mit Asphalt und Beton versiegelt. Sträucher verschwinden aus dem Bild vieler Städte. Doch die nur 32 Gramm schweren Tierchen brauchen Hecken – als Versteck und weil sie dort Insekten und Früchte finden, ihre liebsten Leckerbissen. "Diese Vögel fressen Blattläuse und andere Schädlinge", sagt Eva Goris von der Deutschen Wildtier Stiftung. "Wenn es weniger Spatzen gibt, werden mehr chemische Insektenvernichtungsmittel eingesetzt, die über Umwege auf unsere Teller gelangen können."

In der Natur greift eins ins andere. Wird eine Art ausgerottet oder in ihrem Bestand dezimiert, fehlt einer anderen das Futter oder der natürliche Feind. "Die Natur ist wie ein Backsteinhaus", sagt Florian Jeltsch, Professor für Vegetationsökologie und Naturschutz an der Uni Potsdam. "Sie können viele Steine ungestraft herausziehen, aber irgendwann erwischen Sie den falschen und dann stürzt das Gebäude ein." Sprich: Es entsteht ein Ungleichgewicht, das Biotop kippt um.

Was man nicht kennt, schützt man nicht
Auf unserem Planeten existieren 14 Millionen Arten. Täglich sterben etwa 150 aus. Rund 34000 Pflanzen stehen allein auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Nie wieder werden wir, unsere Kinder und Enkel, den Kaspischen Tiger in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen, nie mehr den Japanischen Seelöwen, den Blauen Glasaugenbarsch oder die Linsenfliege. Für den Spatz gibt es schon eine Vorwarnung. Der viel besungene, bedichtete und gezeichnete Vogel steht laut Deutscher Wildtier Stiftung bereits auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Brutvögel in Deutschland. "Es ist doch sehr traurig, dass viele Kinder heimische Wildtiere nur noch aus Büchern kennen", sagt die Biologin Goris. "Und was man nicht kennt, das schützt man auch nicht."

Tiere, die schon in der Bibel erwähnt werden, die während tausender Jahre mit dem Menschen auf diesem Planeten gelebt haben, drohen binnen kurzer Zeit zu verschwinden. Abgesehen davon, dass wir uns nicht mehr an ihrer Schönheit erfreuen können, ist das auch für die Wissenschaft und die Wirtschaft ein Drama. "Wir wissen gar nicht, was uns da wegstirbt", meint Kerstin Elbing vom Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland. "Wir nehmen uns Chancen, wenn wir zulassen, dass die Artenzahl weiter reduziert wird." Eine einmal ausgestorbene Art ist in ihrem Wirkgefüge nicht mehr zu ersetzen. Doch jede Spezies birgt Potenzial, das anderen Organismen und auch den Menschen nützen kann.



"Es gibt Tierarten, die mit dem Ebolavirus und dem Tollwuterreger zurechtkommen", sagt der Potsdamer Professor Jeltsch. "Andere überleben tödliche Schlangenbisse." Die Pharmaindustrie sei sehr interessiert daran, von ihnen zu lernen. Auch in der Industrie finden sich Nachahmer. Sie untersuchen beispielsweise die Lotuspflanze. Von ihrer Oberfläche perlen Wassertropfen ab und nehmen dabei praktischerweise gleich Schmutzpartikel mit. Es sind schon Feuchtigkeit abweisende Farben auf dem Markt, die den so genannten Lotuseffekt nutzen.

60 Arten brauchen den Schwarzspecht
Auch für das Gleichgewicht innerhalb der Natur ist es wichtig, dass die Arten fortbestehen. Magnus Herrmann, Naturschutzreferent beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), berichtet, dass Fledermäuse und auch die ungeliebten Wespen massenhaft Insekten vertilgen, die wiederum andere Spezies bedrängen. Ein Schwarzspecht, der freilich nicht vom Aussterben bedroht ist, sorgt dafür, dass andere Tiere im Wald überleben können. "Wenn der Vogel eine Höhle in einen Baum hackt, wird sie hernach von bis zu 60 anderen Spezies genutzt", sagt Herrmann. Wildbienen siedeln sich an, Siebenschläfer und Kleiber kommen dort unter. Der Schwarzspecht bevorzugt alte, dicke Bäume. Die Forstwirtschaft ist vielerorts darauf aus, sie abzuholzen, bevor sie eine bestimmte Größe erreicht haben.

"In der Natur gibt es einen riesigen Pool von Möglichkeiten", sagt die Biologin Elbing. "Deshalb haben Organismen die Chance, auch auf katastrophale Umweltveränderungen wie eine Eiszeit zu reagieren." Während der letzten Vereisung in Europa fanden viele Spezies Rückzugsräume in einem weniger rauen Klima, in denen sie die Kälteperiode überdauerten. Etliche Arten können sich an neue Bedingungen anpassen, allerdings nicht unbegrenzt. Durch das Artensterben wird der Pool verkleinert und mit ihm die Chance, dass Organismen neue Katastrophen wie etwa die globale Erwärmung überleben. "Schon immer gab es in der Natur Veränderungen und daraufhin verschwanden Arten", meint Kerstin Elbing. "Das Tragische ist, dass das Aussterben jetzt durch das Wirken einer einzigen Art massiv beschleunigt wird: des Menschen." Noch nie hat eine Spezies so auf diesem Planeten gewütet. Nicht einmal der Spatz kommt ungeschoren davon. [jan]

Zum Weiterlesen
www.dewist.de [Deutsche Wildtier Stiftung]
www.nabu.de [Naturschutzbund Deutschland]


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Warum Lebensmittel Kunstwerke sind
Bio und Artenschutz sind zwei Seiten einer Medaille

An der Obst- und Gemüsetheke eines herkömmlichen Supermarktes ist die Auswahl oft beschränkt. Es gibt eine Möhrensorte, eine Sorte Birnen und Orangen. Von Teltower Rübchen, von Pastinaken und dergleichen mehr kann der Kunde nur träumen – sofern er überhaupt noch weiß, was das ist. Gezüchtet, verkauft und gegessen wird in erster Linie, was schnell zu stattlicher Größe heranwächst, leicht in der Handhabung ist, einfach zu lagern und zu transportieren. Statt verschiedener Getreide- und Kartoffelsorten bauen konventionelle Landwirte oft nur noch an, was sich gut verkauft: Weizen und Raps etwa. Die sich weltweit ausbreitenden Monokulturen haben bedenkliche Folgen für unser Ökosystem. "Vielfalt auf den Feldern schützt auch davor, dass alle Pflanzen von ein und demselben Schädling befallen und die Ernte verdorben wird", sagt Magnus Herrmann vom NABU.



Im Bio-Supermarkt gibt es zwar auch nicht dutzende von Birnen- und Kartoffelsorten, aber doch ein paar mehr als im konventionellen Handel. Dinkel, Amaranth, Buchweizen und andere Lebensmittel hatte der konventionelle Handel schon fast vergessen. Es ist gut, dass sie wiederentdeckt wurden. Auf diesem Planeten wachsen hunderte von Reis, Gemüse- und Obstsorten und Kräutern. Jede Pflanze hat ihre Berechtigung in ihrem Biotop. Dort kann es zu einem Ungleichgewicht kommen, wenn sie nicht mehr angebaut wird.

Jede Region schmeckt anders
Die Pflanzen würden uns auch auf dem Speisezettel fehlen. Diese Erkenntnis treibt nicht nur Bio-Landwirte um, sondern viele andere Menschen, etwa die Mitglieder von Slow Food. Der Verein kämpft gegen den globalisierten Einheitsbrei und setzt sich für genussvolles, bewusstes und regionales Essen ein. "Jede Region bringt verschiedene Geschmäcker hervor, die das Leben bunter machen", sagt Dinah Epperlein. Sie betreut bei Slow Food ehrenamtlich die Initiative "Arche des Geschmacks". Darin sind 26 Pflanzen, Tiere und lokale Produkte versammelt, die kaum mehr jemand kennt. Das Filderkraut etwa. Es hat eine feine Blattstruktur und einen süßen Saft. Früher war es in ganz Deutschland bekannt. Doch die industrielle Verarbeitung der nach oben spitz zulaufenden Pflanze zu Sauerkraut ist schwieriger als die des runden Krauts. Daher wird sie heute nur noch von wenigen Firmen angeboten. Kimmichs Sauerkonserven in Aichtal bietet ein "Bio Filder-Spitzkraut" an.

Produkte wie das Filderkraut "sind Kulturgüter", sagt Dinah Epperlein. "Wenn sie verschwinden, ist es, als würden uns Kunstwerke verloren gehen." Der Verein engagiert sich dafür, dass die Passagiere der "Arche" wieder bekannter und besser vermarktet werden. Etliche Hersteller, Händler und Gastronomen, mit denen Slow Food zusammenarbeitet, richten sich nach Bio-Richtlinien.

Transportwege sparen
"Wir empfehlen den Konsumenten, Bio- und/oder regionale Produkte zu kaufen", sagt Magnus Herrmann vom NABU: Wer eine Obstkiste aus dem Umland bestellt oder Honig vom örtlichen Imker wählt, trägt dazu bei, dass Transportwege gespart werden, der Energieverbrauch niedrig gehalten wird, und dass in Deutschland Jobs erhalten bleiben. Bio-Bauern wirtschaften nachhaltig. Wer das staatliche deutsche Bio-Siegel auf seine Ware druckt, garantiert damit, dass er keine synthetischen Pflanzenschutzmittel und keine leicht löslichen mineralischen Dünger verwendet hat. Die Lebensmittel dürfen nicht durch gentechnisch veränderte Organismen erzeugt sein und nicht zum Konservieren radioaktiv bestrahlt werden. Die Liste der Maßgaben ist lang. Tiere müssen artgerecht gehalten werden. Das bedeutet u.a., dass ihnen mehr Fläche zur Verfügung steht als auf konventionellen Höfen. Sie werden mit ökologisch produziertem Futter ohne Zusatz von Antibiotika und Leistungsförderern gefüttert. "Viele Studien belegen, dass der biologische Landbau für die Natur besser ist, da mehr Arten überleben", sagt Florian Jeltsch, Professor an der Uni Potsdam. Dem Boden geht es besser, da sich kleine Insekten und Mikroben ansiedeln können und er durchlässiger bleibt.

Der Sauerstoff im Wasser fehlt
"Die konventionelle Landwirtschaft ist nachweislich einer der Hauptverursacher des Artensterbens", sagt Gerald Wehde von Bioland, dem nach eigenen Angaben größten ökologischen Anbauverband in Deutschland. Stickstoffverbindungen aus chemischen Düngemitteln würden ins Grundwasser und dann in Seen, Flüsse und ins Meer gelangen. "Durch die Nährstoffanreicherung kommt es zu einem übermäßigen Wachstum von Algen", sagt der Agrarwissenschaftler. Andere Arten könnten kaum mehr überleben, da der Sauerstoff im Wasser fehlt. Das Gewässer kippt um.



Bioland-Bauern verwenden organischen Dünger aus ihren Ställen und bauen Leguminosen an. Das sind Hülsenfrüchtler wie Lupinen oder Klee, die an Wiederkäuer und Schweine verfüttert werden. Leguminosen haben außerdem die Eigenheit, dass sie mit Hilfe von Knöllchenbakterien in ihren Wurzeln den Nährstoff Stickstoff aus der Luft binden. Die Leguminose versorgt sich somit gratis und düngt über Pflanzen- und Wurzelreste im Boden die nachfolgenden Kulturen.

Einige Bio-Verbände verlangen von ihren Bauern noch mehr, als nur die Maßgaben des Bio-Siegels einzuhalten. Der Demeter-Bund etwa betreibt biologisch-dynamische Landwirtschaft. Rund 1400 Landwirte betrachten ihre Höfe als "lebendigen, einzigartigen Organismus". Viele wirtschaften entsprechend der Mondphasen. Alle Bauern benutzen feinstoffliche Präparate, um den Boden zu vitalisieren. Dadurch wird der Humusaufbau gesteigert und die Pflanzen können besser ausreifen. Auf allen Höfen werden obligatorisch Tiere gehalten, um den eigenen Dünger zu erzeugen. [jan]

Zum Weiterlesen
www.slowfood.de
www.bioland.de
www.demeter.de

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Produkte mit Charakter
Wie Kunden im Bioladen die Vielfalt erleben

IDie Sorte "Café Chiapas" gedeiht auf einer mexikanischen Finca, die mit dem Zertifikat "vogelfreundlich" ausgezeichnet wurde. Sie wird in Deutschland von der Ulrich Walter GmbH vertrieben, einer Firma, die auch Tee und Gewürze der Marke "Lebensbaum" im Angebot hat. Auf der Finca wachsen zwischen den Kaffeepflanzen Schattenbäume. Auf konventionellen Kaffeeplantagen ist das nicht immer der Fall. "Dort können nur Tiere überleben, die mit den Kaffeepflanzen und der starken Sonne zurechtkommen", sagt Rosi Fritz von der Ulrich Walter GmbH. Die Schattenbäume bieten jedoch einer Vielzahl von Vögeln Schutz, etwa dem Wanderfalken, dem Cayennekuckuck und dem Virginia-Uhu. Unter ihren Kronen, die weit über den Kaffeepflanzen stehen, finden die Tiere Zuflucht vor Sonne und Hitze. "Die Schattenbäume schützen vor den heftigen Regengüssen", sagt Fritz. Weniger Wasser trifft auf den Boden, weniger Boden wird weggeschwemmt. "Die Wurzeln der Schattenbäume halten das Erdreich fest", erklärt Fritz.



Überliefertes Wissen
Etliche Bio-Produkte haben einen Nutzen für Flora, Fauna und Kultur der Anbauregion. "Bioläden unterstützen den fairen Handel mit der Dritten Welt", sagt Professor Florian Jeltsch von der Uni Potsdam. Viele Ethnien wüssten noch von ihren Vorfahren, wie man im Einklang mit der Natur lebt und die Artenvielfalt erhält. "Wenn sie ihre Produkte verkaufen können, bleiben uns diese Kenntnisse erhalten", sagt Jeltsch. "Wir bringen ihnen Wertschätzung entgegen." Nicht nur das: Das Gewürz, der Tee, der Kaffee schmecken dem Käufer in Europa noch besser, wenn er weiß, woher das Produkt stammt und dass die Erzeuger davon anständig leben können. Der Kunde legt kein gesichtsloses Plastiktütchen in seinen Korb, sondern Ware mit Charakter.

Sinnlicher Genuss
Das ist es, was viele Menschen von Bioläden erwarten. "Sie wollen keine Uniformität, sondern sinnlichen Genuss", sagt Renée Herrnkind, die Sprecherin des Demeter-Bundes. "Sie denken: Wenn ich mir schon die Mühe mache, Obst und Gemüse zu waschen, zu putzen und zuzubereiten, dann soll es auch schmecken." Weil auch Gourmets vielfältige Aromen und Qualität lieben, ist Demeter nach Angaben von Herrnkind bei der Spitzengastronomie beliebt.

Statt nur auf eine Möhrensorte kann der Demeter-Kunde auf vier zurückgreifen. Milan ist saftig und frisch und eignet sich für Salat und fürs Saftpressen. Robila ist hingegen mild, süß und nussig und zum Kochen bestens geeignet. Sie gilt als "Gourmet-Möhre" für feine Rezepte. Rodelika ist aromatisch und deshalb eher Bestandteil der kräftigen Küche. Die neueste Sorte ist die anregend-aromatische Oxhella. Sie ist eine Weiterentwicklung der alten, fast schon vergessenen Sorte Oxheart, die völlig vom Markt verschwunden ist. "Im herkömmlichen Landbau geht es vor allem um hohe Erträge", sagt Renée Herrnkind. Demeter betreibe eigenständige Züchtungen. "Dabei selektieren wir nach Geschmack und Vitalität."



Kamut, Schwarzer Sesam und Quinoa
Viele Menschen, die zum ersten Mal in einem Bioladen einkaufen, müssen sich nach Jahren der Einheitskost erst wieder an die bunten Aromen gewöhnen. Und an Lebensmittel, deren Namen sie vielleicht gar nicht mehr kennen. Im Sortiment der Bio-Supermarktkette basic finden sich Zedernnüsse, Gojibeeren und Wurzelpetersilie. Es gibt Traubenkernmehl, Schwarzen Sesam und Quinoa, einen Inkareis, der als Gemüse oder Salat serviert werden kann. Und es gibt Kamut, einen Weizen, der zu den ältesten vom Menschen kultivierten Getreidearten gehört. Er enthält besonders viel Eiweiß, Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Topinambur, Violetter Blumenkohl, Schwarzer Rettich – die Liste ließe sich noch fortsetzen. Schon die Namen klingen anregender als Hamburger und Tiefkühlpizza. Und das Bio-Gemüse ist auch gesünder.

Wer in alten Kochbüchern blättert, wird schnell auf Rezepte für viele dieser Lebensmittel stoßen. Der Ratgeber "Ich kann kochen" für die Frau aus bürgerlichem Haus erschien 1909 im Ullstein Verlag. Der dicke Band enthält allein sieben Vorschläge für die Bereitung von Topinambur, einer Knolle mit Vitamin A und C, Calcium, Natrium und Eisen. Zur Wahl stehen mit Käse gebackener Topinambur, Knollen mit Champignons, Eiersoße, Krabben oder Krebsschwänzen, saurer Sahne, mit Sellerie und roten Rüben. Und ein Salat. Der Bio-Kunde kann solche Rezepte nun wiederentdecken. Kochen und Essen ist schließlich auch Bestandteil unserer Kulturgeschichte.

Pastinaken wiederentdecken
Auch die Pastinake geriet lange Zeit in Vergessenheit. Als Manon Haccius vor einigen Jahren im Bioladen auf das Gemüse stieß, hatte sie keine Ahnung, was sie damit anfangen sollte. Heute schätzt sie die Rübe und verwendet sie ähnlich wie Karotten. "Pastinaken sind kräftiger im Geschmack und haben ein helles Fleisch", sagt Haccius, die das Qualitätsmanagement von Alnatura verantwortet. "Manchmal sind sie auch faserig." Weil es vielen ähnlich geht wie Haccius, bietet die Handelskette ihren Kunden Rezepte an.

Neu ist für viele Verbraucher auch der Hokkaido-Kürbis, der in Mitteleuropa angebaut wird. Inzwischen gibt es ihn auch in vielen herkömmlichen Supermärkten. "Er ist recht klein", sagt die Agrarwissenschaftlerin Manon Haccius. "Daher eignet er sich gut für den Bedarf der nicht mehr so großen Familien." [jan]

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Sieben Hektar Vielfalt pur

Nach den Prinzipien der Permakultur wurde ein Acker zum Garten. Heute liefert er nicht nur ungewöhnliche Nahrungsmittel, sondern auch jede Menge Erkenntnisgewinn.



Das Gelände in der Nähe von Verden kann man leicht übersehen. Mitten zwischen Wäldchen und Feldern, nur über einen huckeligen Feldweg zugänglich und ganz ohne Hinweisschild oder ähnliches, findet hier seit zehn Jahren ein spannendes Experiment in Sachen Gartenbau und Selbstversorgung statt. Hinter dem Wildschutzzaun scheint auf den ersten Blick nichts anderes zu sein, als drumherum auch: Wiese, Blumen, Büsche und Bäume. Aber dazwischen stehen Zelte, sind Menschen mit Hacken und Sensen eifrig beschäftigt.

Zehn Jahre Engagement
Der Verein Allmende e.V. wurde Mitte der neunziger Jahre von einer Gruppe von Menschen gegründet, die die Bücher der Permakultur-Pioniere Dr. Bill Mollison und David Holmgren gelesen hatten und deren Ideen in die Praxis umsetzen wollten. "Alles Stadtbewohner", grinsen Boris und Alexandra, die uns über das Gelände führen. Ein Grundstück musste her. Die Gründer hatten Glück: Der Verdener Wasserversorger stellte ihnen kostenlos ein sieben Hektar großes Gelände in einem Trinkwassergewinnungsgebiet zur Verfügung, das zuvor konventionelles Ackerland gewesen war – eine ideale Lösung für beide Partner.



Heute wird das Projekt von drei Leuten schwerpunktmäßig betreut, unterstützt von einem Netzwerk aus Freunden und freiwilligen Helfern. Für die drei Macher ist das Projekt zum – ehrenamtlichen – Lebensinhalt geworden. Alexandra und Boris kamen beide über ihr freiwilliges ökologisches Jahr zu Allmende und sind dabei geblieben. Ein bisschen Geld bekommt der Verein von Stiftungen, Spenden werden immer gebraucht. "Zur Zeit haben wir hier ein Workcamp", erzählt Alexandra. Neun der Teilnehmer sensen gerade die kleinen Bäumchen frei, die einmal eine Windschutzhecke bilden werden. "Für unsere Workcamps bekommen wir auch von Naturkostherstellern Unterstützung in Form von Saft, Tofu usw. Einige schicken uns jedes Jahr ein dickes Paket."

Permakultur praktisch anwenden
Ein wichtiges Prinzip der Permakultur ist die "Zonierung", das heißt, unterschiedliche Gebiete werden nach Nutzungsintensität konzentrisch, von innen nach außen, aufgeteilt. Unser Rundgang beginnt in der so genannten "Sonnenfalle", in der rundum geschickt gepflanzte Gehölze ein besonders warmes und geschütztes Klima schaffen. Dort liegt der intensiv bewirtschaftete Teil des Geländes, der Gemüse- und Staudengarten.



Auf den ersten Blick wirkt das Gemüsebeet chaotisch, alles scheint durcheinander zu wachsen, einjährige Pflanzen und Stauden wechseln ab, Wildkräuter (speziell, wenn sie essbar sind) dürfen stehen bleiben, solange sie sich nicht zu breit machen. Wer verträgt sich mit wem? Was wächst wie von selbst, was gedeiht gar nicht? Welches Material zum Mulchen ist besser, gehäckseltes Holz oder Grünschnitt? Permakultur setzt auf möglichst stabile selbsterhaltende Systeme. Ganz ohne menschliche Eingriffe geht es nicht: Saatgut für einjährige Pflanzen muss zugekauft werden, wird es zu trocken, wird gegossen, auch Mäuse und Schnecken dürfen nicht uneingeschränkt gewähren: Sie werden nötigenfalls gefangen und da wieder ausgesetzt, wo sie keinen Schaden anrichten.

Ein Schwerpunkt bei Allmende liegt auf Obst und Beeren und so wachsen hier jede Menge Äpfel, Birnen, Quitten, Pfirsiche, Erdbeeren und natürlich auch ungewöhnlichere Beeren wie die Aronia-Beere. "Sehr widerstandsfähig. Im Osten ist sie recht bekannt, hier wurde sie erst nach der Wende z. B. für rote Saftmischungen wiederentdeckt", erläutert Boris.



Robinienblüte & Co: Ungewöhnliche kulinarische Erfahrungen
Das Permakultur-Gelände ermöglicht ganz neue kulinarische Erfahrungen. Denn hier werden neben Obst- und Gemüsepflanzen sowie Kräutern auch Bäume und Gehölze kultiviert, die man nicht auf den ersten Blick als Nahrungspflanzen einordnen würde. So dürfen wir von den rosafarbenen Blütenblättern einer Robinienart naschen, lernen den sibirischen Erbsenstrauch kennen und die Ölweiden, die leider noch nicht tragen – wie sich zeigte, fehlte ihnen die passende Befruchterpflanze. Nächstes Jahr wird es dann wahrscheinlich klappen. Hier soll Theorie lebendig werden, Allmende ist ein Ort zum Ausprobieren, learning by doing ist die Devise. Manchmal gibt&Mac226;Äôs auch unliebsame Überraschungen. "Wir hatten hier schon Pflanzen, die in der Perma-Kultur-Szene unheimlich gehypt wurden. Als es dann endlich soweit war, dass sie das erste Mal trugen und wir probierten&Mac226;Ķ wir dachten, okay, vielleicht kann man das essen, aber lecker ist es nicht&Mac226;Ķ" amüsieren sich unsere beiden Führer.

Langer Atem gefragt
"Normalgärtner" überrascht die große Rolle, die Bäume hier spielen. "In der Permakultur geht es darum, dass möglichst viele Funktionen mit möglichst geringem Aufwand erfüllt werden," erläutert Boris. "Deshalb kultivieren wir zum Beispiel gerade Esskastanien. Wir brauchen noch Laubbäume als Windschutz, gleichzeitig hat die Esskastanie vor allem in Süddeutschland Tradition als Kohlehydratlieferant und wichtige Nahrungspflanze." Auch eine nordamerikanische Eiche wächst heran: Wenn sie angeht, wird sie bitterstofffreie Eicheln tragen, die ebenfalls essbar sind. "Hier brauchen wir einen langen Atem" erzählt Alexandra. "Diese Pinie hier, die wird vielleicht erst in sechzig Jahren erste Zapfen und Kerne liefern. Ich weiß gar nicht, ob ich das noch erleben werde. Das ist das Irre, wenn man mit Bäumen arbeitet."



Zonen geschaffen
Auch für unseren Blick nimmt das Gelände nun sichtbare Konturen an: Die Aufteilung durch Baumkuppeln (Anpflanzungen, die Baumkronen nachempfunden sind), Hecken und einzelne Bäume, deren Baumscheiben unterpflanzt sind: Birne mit Comfrey, Eibe mit Physalis, Aronia mit Tripmadam. Die äußeren Zonen des Geländes sind weitgehend sich selbst überlassen, Wiese, ein Wäldchen mit Bachlauf.

Vielfalt entsteht von allein
Ökologische Vielfalt und Artenreichtum entstehen hier quasi von selbst. "Neulich waren Leute vom NaBu hier, die waren ganz aus dem Häuschen, weil sie Wespenspinnen entdeckt haben. Die waren wohl schon mal Tier des Jahres. Ich dachte immer, diese Viecher wären was ganz Gewöhnliches, so viele haben wir hier davon", erzählt Alexandra.

"Uns geht es um Erkenntnisgewinn"
Die Aktiven von Allmende verstehen ihr Projekt als großes, langfristiges Experiment in Sachen Selbstversorgung und Gartenbau. Ist Permakultur Bio? "Wir arbeiten wie Bio-Gärtner ohne Pestizide und Herbizide. Wir sind nicht zertifiziert, weil wir nichts vermarkten. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir wollen keine Ware produzieren, sondern Erkenntnisgewinn. Wir wollen "Low Tec" arbeiten, das heißt möglichst wenig Hilfsmittel von außen einsetzen, die Ressourcen unseres Geländes optimal nutzen. Außerdem sind wir ein veganes Projekt, wir verzichten bewusst auf Tierhaltung."

Probieren und Dokumentieren
Neugier und Pragmatismus auf der einen, fundiertes Wissen und wissenschaftliche Genauigkeit auf der anderen Seite: Vieles wird ausprobiert, darf einfach passieren, aber alles was passiert, wird penibel dokumentiert. Ernten werden gewogen und erfasst, die Entwicklung von Pflanzungen festgehalten. "Wir wollen nachvollziehbares Wissen schaffen. Und es ist uns wichtig, dass wir im Team arbeiten. Auch deshalb muss jeder nachvollziehen können, was der andere gemacht hat." Auf großen Karten ist jeder Baum erfasst, wird die Anlage des Geländes noch einmal perfekt sichtbar.

Die Sonne scheint, die Windschutzhecke ist schon zu großen Teilen freigelegt. Gestern gab es zum Abendessen von den Workcamp-Teilnehmern gesammelte Wildkräuter. Und heute? Auf jeden Fall: Es wird etwas Besonderes sein.


Homepage Allmende e.V.
u.a. Infos über Praktikumsplätze, freiwilliges ökologisches Jahr
http://davyd.de/allmende

Über Permakultur
Ausführliche Einstiegsinformationen
http://de.wikipedia.org/wiki/Permakultur

Plants For A Future
Englische Seite mit Datenbank von über
siebentausend essbaren, medizinisch oder
sonst nutzbaren Pflanzen, Infos und Links.
www.pfaf.org

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