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Titelgeschichte Ausgabe Nr. 41
Green Glamour
"Grüner" Konsum ist chic geworden. Ökos werden nicht mehr belächelt und heißen auch nicht mehr so. Ein nachhaltiger Wandel?

Gute Marken, gute Menschen
Was haben der Erzieher Sjörn Plitzko aus Mannheim, die selbständige Webdesignerin Daniela Kalb aus Berlin und der Prominentenfotograf Holger Scheibe aus Hamburg gemein? Auf den ersten Blick sind sie drei Großstadtmenschen mit unterschiedlichen Interessen. Plitzko ist verheiratet und hat ein fünfjähriges Kind, privat macht er Rapmusik. Kalb hat lange in einem Naturkostladen gearbeitet, sie hat auch Kognitionswissenschaft studiert. Scheibe kassiert für Aufnahmen für Modemagazine und Zeitschriften Tagesgagen um die 5.000 Euro. Was Plitzko, Kalb und Scheibe vereint: Sie wollen die Welt retten. Jeder auf seine Weise. Mit ganzer Kraft.
Keine Kinderarbeit, bitte!
Sjörn Plitzkos Weg zum besseren Menschen begann in einem Laden. "Ich konnte nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen, dass ich Kleidung kaufe, die von Kindern in der Dritten Welt genäht wurde", sagt der 28-Jährige. "Die Arbeiter, die auf den Feldern Pestizide versprühen, können oft nicht einmal lesen, dass auf den Kanistern eine Warnung vor dem giftigen Inhalt steht."

Sjörn Plitzkos
Also dachte Plitzko um. Statt billigen T-Shirts von Konzernen, die bedenkenlos Profit scheffeln, zieht er Klamotten aus dem fairen Handel mit armen Ländern an. Er achtet auf die Zertifikate von Nicht-Regierungs-Organisationen wie der Fair Labor Association und der Kampagne für saubere Kleidung. Sie garantieren dem Kunden, dass der Hersteller seine Angestellten nicht knechtet. Dass sie unter sauberen, gesunden, sicheren Bedingungen arbeiten, dass sie vom Lohn leben können. "Ich komme nicht damit klar, dass die eine Hälfte der Welt Halligalli macht, während die andere hungert", meint Sjörn Plitzko.

Daniela Kalb
Daniela Kalb ist in den Achtzigern schon mit Fotos von sterbenden Wäldern aufgewachsen. Im Kunstunterricht malte sie Bilder von der Umweltzerstörung. Jetzt legt die 27-Jährige am liebsten Bio-Brot und Naturkosmetik in den Einkaufswagen. "Meine Eltern machen Scherze darüber, aber wenn ich sie besuche, besorgen sie manchmal trotzdem Bio-Milch für mich", sagt sie. Der Preisunterschied zur herkömmlichen Ware stört Kalb nicht. Schließlich übernimmt sie Verantwortung für das, was sie konsumiert. "Meine Freundin bekommt Hartz IV und lebt trotzdem von Bioprodukten", berichtet sie. Lieber esse sie eine Scheibe weniger als sich vor abgepacktem Brot aus konventioneller Produktion zu ekeln.
Geschundene Zirkuspferde
Holger Scheibes Mutter war Tänzerin und achtete auf gesunde Kost, um in Form zu bleiben. Von ihr übernahm der Fotograf die Vorliebe fürs vegetarische Essen. In New York wohnte er eine Zeit lang neben einem Schlachthof. "Die überfüllten Viehtransporte, die dort abgefertigt wurden, bestärkten mich in meiner ethischen Haltung", sagt der 54-Jährige. Nachdem er sich bei einem Zirkusbesuch mit seiner dreijährigen Tochter auch noch über die geschundenen Pferde erschreckt hatte, wurde Holger Scheibe aktiv.

Holger Scheibe
Er wandte sich an die Tierschutzorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PETA), die in Deutschland 50.000 und weltweit mehr als zwei Millionen Mitglieder und Unterstützer hat. Für PETA hat Scheibe in den vergangenen zehn Jahren 47 Prominente fotografiert, die sich für Kampagnen gegen Pelze und Tierquälerei und für Vegetarismus zur Verfügung gestellt haben. Vor seiner Kamera standen die Sängerin Nina Hagen, der Fernsehstar Dirk Bach und der Rapper Thomas D. Ebenso wie diese Menschen arbeitet er für PETA ohne einen Cent. "Vegetarische Ernährung, Krafttraining und Yoga machen mich fit für meinen anstrengenden Job, geben mir innere Gelassenheit, Kraft und positive Energie", sagt Holger Scheibe.
Auch Sjörn Plitzko und Daniela Kalb setzen sich für ihre Ideale ein Plitzko mit der Internetseite konsumguerilla.net, auf der er Ware aus fairem Handel und umweltgerechter Produktion vorstellt, und Kalb mit der Produktsuchmaschine a-lohas.de. Über diese Seite findet man gute und preiswerte Bio- und Ökoprodukte.
Wollen die Stars ihr Image aufpolieren?
Für Menschen wie Sjörn Plitzko, Daniela Kalb und Holger Scheibe gibt es seit einigen Jahren ein geschmeidiges englisches Wort: Lohas. Das Akronym steht für Lifestyle of Health and Sustainability, für einen Lebensstil, der Gesundheit, soziale und ökologische Nachhaltigkeit sichert. Lohas wollen alles und das sofort. Brasilianische Kinder sollen spielen und zur Schule gehen, statt zu arbeiten. Legehennen sollen aus zu engen Käfigen befreit und das Klima geschützt werden. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Besonders populär ist diese Lebensanschauung neuerdings bei Prominenten, bei Models, Sängern und Schauspielern, die in Biobaumwolle vor die Kameras treten oder ihr Engagement gegen den Hunger öffentlichkeitswirksam in Szene setzen. Mehrere hundert Stars haben sich ohne eine Bezahlung für die Tierschutzkampagnen von PETA fotografieren lassen. "Sicherlich sind darunter auch einige, die sich ein grünes Image erhoffen", sagt PETA-Sprecher Harald Ullmann. "Den Tieren ist das letztlich egal." Zeitschriften drucken die PETA-Motive kostenfrei, sie erscheinen auf Plakaten und Edgar-Postkarten. Dass Prominente abgebildet werden, ist laut Harald Ullmann wichtig: "Was sie sagen, findet Gehör."
Ein Gespenst geht um
Die Stars verleihen der Bio- und Ökobranche ungeahnten Glamour. Die Latzhosenära ist endgültig vorbei. Nichtsdestotrotz zählt weiterhin das eigene Köpfchen. Lohas sind denkende, selbstbewusste Menschen und zwar in jeder Beziehung. Sie überlegen, wo sie ihr Geld anlegen, welches Haus sie bauen und wie sie es beheizen, wohin sie reisen und ob ihr Shampoo an Tieren getestet wurde. Wem gebe ich mein Geld? Das ist die große, alte, neue Frage. Noch nie war sie so wichtig wie heute. Gebe ich es der Firma, die ihre Angestellten zu Hungerlöhnen schuften lässt und die in den Entwicklungsländern Gewerkschaftler behindert, oder lieber dem Unternehmen, das verantwortungsvoll handelt? Frei nach Karl Marx: Ein Gespenst geht um in der Welt, das Gespenst des verantwortungsbewussten Konsumenten. Fürchtet euch, ihr multinationalen Konzerne!
Der Berliner Sozialwissenschaftler Helmut Hagemann zählt auch noch den Faktor Zeit hinzu: Lohas lassen sich im Alltag nicht vom Zeitdruck antreiben. Statt von Termin zu Termin zu hetzen und dann abends eine Tiefkühllasagne in den Ofen zu schieben, verzichten sie lieber auf etwas und nehmen sich eine halbe Stunde mehr Zeit, um Bio-Gemüse aus der Region in die Pfanne zu schnipseln. Schmeckt besser, weckt die Lebensgeister. "Ich finde den Begriff Lohas problematisch, da er nicht präzise ist", meint der 52-jährige Hagemann. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen der nachhaltigen Wirtschaft. Einer seiner Bekannten ist Fahrradhändler und benutzt seit 15 Jahren dasselbe Modell, obwohl es längst unmodern ist. "Diese Mentalität, Dinge zu verwenden, bis sie kaputt oder verschlissen sind, ist ökologisch sehr sinnvoll. Trotzdem scheint der moderne Ausdruck Lohas nicht zu dem Mann zu passen."

Herkömmliche Werbung zieht nicht mehr
Diesen und anderen Zweifeln zu Trotz zieht der Ausdruck seine Runden. Er steht in Internetforen und Büchern und ist auch jenen Marketingexperten bekannt, die diese Zielgruppe gern für ihre Ware gewinnen möchten. Lohas verfügen oft über ein gutes Einkommen und wenn nicht, sind sie trotzdem bereit, 15 Euro mehr in ein T-Shirt zu investieren, das ihren Maßstäben entspricht. Der Traum jedes Werbefachmanns? Auf herkömmliche Reklame sprechen Lohas gar nicht mehr an, meint Peter Parwan, Kaufmann und Inhaber der Webseite lohas.de. "Von frei erfundenen Zusammenhängen lassen sie sich nicht mehr beeindrucken", sagt der 49-Jährige. "Dass bei der Herstellung eines Produkts Energie eingespart wurde, muss das Unternehmen schon beweisen." Parwan will allerdings nicht noch mehr Zertifikate und Richtlinien für ökologisch verträglichen und fairen Handel. Er will, dass die Konzerne ihre Arbeitsweise offen legen, der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen. Allzu viele würden nämlich auf die neue Welle aufspringen und Produkte anpreisen, die gar nicht den hohen Anforderungen genügen. Peter Parwan und andere Lohas-Theoretiker nennen das Greenwashing. "Diese Firmen suchen eine neue Formel fürs Marketing", sagt Parwan. "Doch damit ist es nicht getan." Das gesamte Wirtschaftssystem müsse sich ändern ì so dass alle die Früchte genießen und auch unsere Enkel noch auf der Erde leben können.
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Neuer Moralismus?
Diese Forderung wurde schon in den Siebzigern von Umweltgruppen und Dritte-Welt-Aktivisten vorgetragen. Viele Normalbürger fühlten sich von ihrem Moralismus abgeschreckt. Doch inzwischen ist es chic, an das Gewissen zu appellieren. Das mag erstens daran liegen, dass mehr Menschen Zugang zu guten Informationsquellen haben. Sie gucken ins Internet oder reisen als Touristen in Länder, in denen sich Kinder prostituieren und die Wälder abgeholzt werden, während sich die politische und wirtschaftliche Elite bereichert. Zweitens berichten auch herkömmliche Medien in Deutschland offener als vor 20 Jahren über die Umweltzerstörung. Keiner kann mehr sagen, dass er noch nichts davon gehört hat. Drittens ist die Warenflut im Westen so immens, der Konsumismus so omnipräsent, dass es cool ist, NEIN zu sagen. NEIN, ich mache nicht mit, ich kaufe nicht jedes fünfte Jahr einen neuen Schrank, sondern nur jedes zwanzigste. Oder ich lasse Opas Kommode aufarbeiten und mich dafür bewundern, dass ich ein Möbelstück besitze, das nicht im IKEA-Katalog steht. Und viertens besonders wichtig sind Bio- und Ökoprodukte inzwischen ästhetisch viel ansprechender. "Ich laufe nicht im Kartoffelsack herum wie die Öko-Generation 1.0", sagt Sjörn Plitzko. Seine Kleidung sieht gut aus im Beruf wie auf der Party.
Lohas sind Genießer. Sie möchten nicht bei Haferschleim aus kontrolliertem Anbau über den Zustand der Welt verzweifeln. Sie haben Moral, vor allem aber wollen sie Gemeinschaft und Lebensfreude. Dem Drang nach stetem Sich-Vernetzen und Sich-selbst-Vergewissern frönen sie im Internet, zum Beispiel auf utopia.de. Seit dem vergangenen Herbst haben sich auf der Seite 26.000 Nutzer registriert. Das Paar Claudia Langer und Gregor Wöltje investierte sein privates Vermögen, nachdem sie während einer Kanadareise gesehen hatten, wie schlimm es um die Natur bestellt ist. Auf utopia.de tauschen sich Menschen darüber aus, wie gut und zweckmäßig Produkte sind, und bekommen Hinweise fürs umweltfreundliche Leben. Es geht um Säfte ebenso wie um Autos, um Energiesparlampen, Schuhe, Waschmaschinen. Leider strotzt die Seite ebenso wie viele andere vor überflüssigen Anglizismen, so dass die Lektüre nicht immer Vergnügen bereitet.
Es geht um Qualität
Die Sprecherin Dannie Quilitzsch wehrt sich gegen den Vorwurf, dass sich auf utopia.de nur Besserverdienende tummeln. Auch ein Hartz-IV-Empfänger könne zum Umweltschutz beitragen und sich dafür auf der Seite Tipps holen: "Bei elektrischen Geräten den Standby-Modus vermeiden, Steckerleisten verwenden", ist ihr Vorschlag. Dass nur Wohlhabende zu ihrer Zielgruppe gehören, weist auch Ute Linsbauer vom Forum Anders Reisen zurück. Zu diesem Verein haben sich 140 Unternehmen zusammengeschlossen, die nachhaltigen Tourismus betreiben, einen Tourismus, der laut Linsbauer "langfristig ökologisch tragbar ist, wirtschaftlich machbar, ethisch und sozial gerecht." Die Firmen vermarkten ihre Touren über einen gemeinsamen Katalog und machen pro Jahr über 100 Millionen Euro Umsatz. Das Angebot reicht von der achttägigen Kanutour durch Mecklenburg für 265 Euro bis zum 23tägigen Borneotrip zu einem Projekt der Umweltstiftung WWF. Für 3.790 Euro bestaunen die Kunden eine Aufzuchtstation für Orang-Utans und sprechen mit WWF-Mitarbeitern.

Können sich nur Reiche den nachhaltigen Tourismus leisten? Nein, betont Ute Linsbauer und verweist auf Trips mit Fahrrädern, auf Wanderungen mit Übernachtungen in deutschen Jugendherbergen. Auch seien ihre Kunden keine verbissenen Moralisten. Manche buchen eine umweltfreundliche Reise und brechen im nächsten Jahr mit einem anderen Veranstalter zum All-Inclusive-Urlaub in die Türkei auf.
Diesen Kunden geht es um Qualität, nicht um Ideologie. Sie leisten sich, was finanziell drin ist. Das bemerkt auch Ökowinzer Timo Dienhart, der einen Familienbetrieb an der Mosel leitet und im Bundesverband Ökologischer Weinbau (ECOVIN) organisiert ist. Die echte grüne Käuferschaft sei viel zu schwach, als dass die Winzer davon leben könnten, meint der 27-Jährige: "Bei uns kaufen Leute mit Geschmack und dem Anspruch, gesund zu leben."
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Interview
Wer sind die Lohas?
Bettina Brohmann beschäftigt sich im Darmstädter Büro des Öko-Instituts mit Energie, Klimaschutz und Konsumfragen. Das 1977 gegründete Institut fertigt im Auftrag von Behörden, von Nicht-Regierungs-Organisationen und Unternehmen Gutachten über die Umweltverträglichkeit von Produkten und Projekten an. Brohmann ist promovierte Sozialwissenschaftlerin.

Lohas kommen, so scheint es, vor allem aus der Mittel- und Oberschicht. Sie wohnen eher in Städten als auf dem Land. Ist diese Beobachtung richtig?
Das hat noch niemand tatsächlich gemessen. Allerdings gibt es Studien darüber, welche Menschen sich bewusst ernähren oder welche sich für Haushaltsgeräte mit hoher Energieeffizienz entscheiden. Aus ihnen ergibt sich kein einheitliches Bild der Käuferschaft. Es lässt sich nicht sagen, dass beispielsweise Stadtbewohner gesünder essen als Leute auf dem Land. Auch Familien mit niedrigem Einkommen denken ans Energiesparen, schon, um ihren Geldbeutel zu schonen. Lohas ist ein Begriff aus dem Marketing. Werbefachleute benutzen solche Wörter, um mögliche Kunden zu klassifizieren: Wer mag welches Auto? Wer bucht welche Reise? Aus welchem sozialen Milieu stammt er?
Inzwischen sind die Lohas aber in aller Munde.
Stimmt. Wer dazu gehört, entscheidet sich vor allem nach zwei Punkten: Wie ist sein Zugang zu umweltfreundlichen und sozial verträglich hergestellten Produkten? Wie kommt er an Informationen etwa darüber, unter welchen Bedingungen die Waren produziert wurden? Vor ein paar Jahren waren die Bewohner von Städten klar im Vorteil: Dort gab es mehr Bio-Läden als auf dem Land. Wer auf dem Dorf lebte, musste meist weit herumfahren, um ein T-Shirt aus Öko-Baumwolle zu kaufen. Der Unterschied ist immer noch spürbar, doch das Angebot auf dem Land ist größer geworden. Auch bestellen viele Leute Kleidung und Kosmetik übers Internet. Und informieren sich dort.
Umweltbewusst zu leben bedeutet auch, zu verzichten. Ist das auf Dauer sexy?
Ich sehe das anders. Das Wort Verzicht löst bei vielen Menschen unangenehme Gefühle aus. Vielmehr geht es doch aber darum, neue Qualitäten zu entdecken. Wenn ich mich am Carsharing beteilige, fahre ich nicht nur eine Automarke. Ich habe zwanzig zur Auswahl. Für kurze Wege steige ich in den Smart. Hin und wieder hole ich mir ein Cabriolet, das ich mir sonst nicht leisten könnte.
Für hundert Euro kann ich übers Wochenende zum Einkaufen nach Paris fliegen. Soll ich dem freiwillig entsagen?
Benutzen Sie den Schnellzug. Oder verbringen Sie das Wochenende mit der Familie in der näheren Umgebung Ihres Wohnorts. Entdecken Sie Kulturangebote in Ihrer Stadt. Das macht auch Spaß.
Die grüne Bewegung wurde anfangs von politischen Aktivisten, Aussteigern, Studenten getragen. Inzwischen sind grüne Gedanken Allgemeingut. Sind sie weiterhin für Eliten interessant, wenn auch Lieschen Müller Biomilch kauft?
Die Frage, wie wir umweltbewusst und sozial verträglich konsumieren, wird uns auch morgen bewegen. Das ist kein Modegag. Das sieht man schon an den Prominenten, die sich für diese Themen engagieren. Der Schauspieler Robert Redford setzt sich seit 25 Jahren für eine sinnvolle Energiepolitik und für die Erhaltung von Wäldern ein. Er wird es auch in zehn Jahren noch tun. Schließlich geht es um etwas Essenzielles. Sicher, viele schwimmen jetzt auf der Welle mit und kaufen Bio, weil es in ist. Aber der Umweltschutz ist aus dem Themenspektrum, das die Öffentlichkeit ständig bewegt, nicht mehr wegzudenken. Deshalb ist er auch in ein paar Jahren noch für die Elite interessant. Und wer will, kann sich auch morgen noch durch ein noch schickeres hoffentlich umweltfreundlicheres Produkt von seinen Mitmenschen abheben. Etwa mit einem Hybridauto. /jan

Zum Weiterlesen
Fred Grimm | Shopping hilft die Welt verbessern.
Der andere Einkaufsführer. Ernährung, Mode, Kosmetik,
Wohnen, Reisen, Geldanlage. Goldmann, München, 8,95 EUR
Helmut Hagemann | Vom Kassenzettel zum Stimmzettel. Orientierungshilfen für nachhaltige Kaufentscheidungen
im Massenmarkt. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt,
Energie GmbH, Wuppertal Papers Nr. 150, Oktober 2004
Der Text kann aus dem Internet heruntergeladen werden:
http://www.wupperinst.org/uploads/tx_wibeitrag/WP150.pdf
Internetseiten
a-lohas.de | Produktsuchmaschine für Lohas
ecoshopper.de | Einkaufsführer, Ökoportal und Ratgeber
ecotopten.de | Produktempfehlungen des Öko-Instituts
ecovin.de | Bundesverband Ökologischer Weinbau
fairlabor.org | Organisation für Faire Arbeit
forumandersreisen.de | Nachhaltiger Tourismus
konsumguerilla.net | Einkaufsratgeber
lohas.de | Forum
lohasguide.de | Einkaufsratgeber
saubere-kleidung.de | Kampagne für saubere Kleidung
oeko.de | Öko-Institut
peta.de | Tierschutzorganisation
utopia.de | Einkaufsratgeber, Forum
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Entspannen mit Kizhi und ohne Fernseher
Das Gut Stellshagen liegt malerisch im stillen Klützer Winkel, jenseits von nirgendwo. Die mecklenburgische Luft ist rein, die Ostsee nahe. Bereits seit 1996 wird das Gut als Familien-Bio-Hotel geführt, seit letztem Jahr ist es Mitglied im internationalen Verband der Bio-Hotels. Ein Ort zum Erholen, Erleben und Abschalten. Das Essen ist vegetarisch und zu 100 Prozent ökologisch produziert, TV-Geräte auf den Zimmern sind tabu. Eine Kurzreise in einen exquisiten Bio-Kosmos.

Gut Stellshagen
Udvartana? Mukabhyanga? Oder doch lieber Kizhi? Die Wahl fällt schwer. Die Dame am Empfang des TAO-Gesundheitszentrums lächelt wartend, die Luft ist beruhigend, fast betörend. Die Entscheidung fällt schließlich zugunsten der klassischen Entspannungsmassage. Klingt vergleichsweise langweilig, ist aber bestimmt gut.
"Hallo, ich bin Manfred", stellt sich der Masseur vor. Manfred hat schulterlanges, lockiges Haar, ruhige Augen und eine ebenso ruhige, tiefe Stimme. Dazu noch warme Hände, die jetzt durchblutungsförderndes Wacholderöl in die Haut reiben. Und die sofort merken, wenn noch irgendwo ein Muskel angespannt ist. Mit ruhiger, tiefer Stimme sagt Manfred dann, dass man diesen Muskel doch bitte lösen solle. Gern. Der Raum ist in angenehmes, gedämpftes Licht getaucht, von irgendwoher zwitschern Vogelstimmen. Nach einer Stunde Tiefenentspannung und Rückzug ins eigene Ich fühlt sich der Abend ganz neu an, der Körper sehr fit und sehr entspannt zugleich, ein zutiefst behagliches Gefühl.
Manfred arbeitet seit zwanzig Jahren als Körpertherapeut und hat die ayurvedische Massage während langjähriger Indienaufenthalte gelernt. Er leitet Massagekurse in Berlin, selbst ist er mittlerweile einer der 99 Einwohner von Stellshagen. Eingekleidet und neu belebt möchte man sich dankend wieder auf den Weg machen. "Und viel trinken", hört man Manfreds dunkle Stimme noch sagen. Gut, dran denken.

Masseur Manfred
Das Bio-Weißbier im Wintergarten schmeckt gut und macht sich nach dem Wellness-Programm deutlich bemerkbar. Die Abendstimmung ist gemütlich. Der Kamin flackert, einige Tische weiter sitzt ein Philosophielehrer und redet mit Freunden, ein Buch mit alten Fotos erzählt aus der Geschichte der Gegend. Auf einer Anhöhe erbaute der Hamburger Ingenieur Franz Bach 1925 das Gutshaus, die Urenkelin Gertrud Cordes ist heute wieder Besitzerin des Anwesens. Schwierige Zeiten durchlebte das Haus: nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie enteignet, von 1946 bis 1954 war im Gut Stellshagen eine Kreisparteischule der SED untergebracht. Bis nach der Wende diente der Landsitz als Schule für lernbehinderte Kinder, 1994 erwarb Gertrud Cordes das Gut von der Treuhand und führte es zurück in den Familienbesitz. Schon zwei Jahre später eröffnete sie das Bio-Hotel, seit 2007 gehört es zum internationalen Verband der Bio-Hotels.
Das Mittagessen nach der Anreise gibt einen ersten Vorgeschmack auf die Kochkünste des Hauses. Penne in Champignonsoße und Tofukroketten mit Süßkartoffeln auf einer Art Erbsenpolenta keine exotischen Zutaten, dafür aber äußerst schmackhaft zubereitet und von einer Qualität, die sich schmecken lässt. Die Speisen sind ausnahmslos vegetarisch und werden komplett als Buffet serviert. Eingenommen werden können sie im "kleinen" oder "großen" Saal. Beides sind wunderschöne Räume, mit Stuck an den Decken und Wänden. Es duftet gut, nicht nach Putzmitteln wie in einer Mensa oder nach Rauch und Currywurst wie in einem "gutbürgerlichen" Restaurant. Es duftet gut, würzig, lecker. Das Gemüse kommt derzeit zu einem großen Teil aus der eigenen Landwirtschaft. Der weitere Bedarf wird zumeist von Bio-Bauern aus der Region gedeckt, ein kleiner Teil stammt von einem Bio-Großhändler.

Abhängen erwünscht
Auf etwa 6,5 Hektar Gutsgelände werden Obst, Kräuter und Gemüse wie Kohl, Möhren und Kartoffeln selbst angebaut. Auch ein Wald gehört zum Gelände, ideal für kleine Spaziergänge. Überhaupt kann man hier so richtig die Seele baumeln lassen. Dabei helfen kann eine Auswahl aus über 25 Massagen mit allen erdenklichen Kräutern, Düften, Ölen und Klängen. Außerdem ist der Saunabesuch im skandinavischen Holzhaus kostenlos, ebenso das Hotelprogramm, zum Beispiel Yoga, Qigong oder Vorträge der Therapeuten. Einzig ein Hallenbad, das gibt es hier nicht. "Wir wollen unseren Wald hier nicht verheizen, um ein Hallenbad warm zu halten", sagt Ute Siegmann. Die gebürtige Hamburgerin ist als Managerin des Gutshauses schon seit elf Jahren dabei. "Stattdessen haben wir direkt neben der Sauna einen Naturbadeteich angelegt." Ute Siegmann hat eine sportliche Figur, lange blonde Haare und dunkle Augen. Sie strahlt Vitalität aus, dazu einen Enthusiasmus, der schon alleine Werbung macht für dieses Hotel. Wenn schon die Managerin so erholt wirkt, wie muss es dann erst einem Gast nach ein paar Tagen Aufenthalt gehen?
Alle, die gern in der schnellen, digitalbeschleunigten Welt mal auf die "Pause-Taste" drücken möchten, sind hier zu finden: Frauengruppen, die sich lachend unterhalten, Ehepaare, deren Kinder aus dem Haus sind, und die nun in Allzweckjacken das mecklenburgische Gelände erkunden, Familien, Senioren. Die Besucher des Gutshauses Stellshagen sind ein Querschnitt durch die reifere, gutverdienende Mittelschicht. Ansprechen und in ein Gespräch verwickeln lassen sich jedoch die wenigsten Gäste, zu sehr scheinen sie mit ihrer eigenen Entspannung beschäftigt. Die Zeit hier ist schließlich kostbar und das Angebot des TAO-Gesundheitszentrums groß: Im Programm "East meets West" wird sogar Augenentspannung angeboten.

Hotel-Managerin Ute Siegmann
Auch Garten- Bau- und Wohnberatung kann der Gast in Anspruch nehmen, psychologische sowieso. Wenn man möchte, kann man also hier im Gutshof Stellshagen sein ganzes Leben umkrempeln. Den Soundtrack dazu hält die angeschlossene Filiale des Musik¬&Mac173;labels "Dharma Music" bereit: Von meditativer Musik, spirituellen Liedern bis zu sphärischen Naturklängen kann dort alles erstanden werden, einen CD-Player kann man sich im kleinen Laden des Gutshausles ausleihen. Einen besseren Ort als Stellshagen wird man zur inneren Besinnung kaum finden.
Das herbstgelbe Licht taucht das Gelände mit seinen Bäumen, Teichen und Wegen in einen warmen Glanz. Bei diesem Wetter könnte man das Gewässer vor dem Gutshaus hundert Mal umrunden, aber der Magen meldet sich. Also, Handy aus und ab zum Abendessen. Überhaupt, Handy: Niemand fällt auf, der hier in Stellshagen damit hantiert. Das Symbol der geschäftigen Konsumgesellschaft scheint an einem Ort, an dem es nicht einmal Fernseher auf den Zimmern gibt, absolut fehl am Platze. Fast schämt man sich, einen Anruf entgegenzunehmen. Im "Großen Saal" wandern die Gedanken zu der ehemaligen SED-Parteischule. Während hier früher graue Sozialismustheorie gepaukt wurde, kann sich der Besucher heute am farbenfrohen Buffet den sinnlichen Genüssen hingeben. Blumenkohl mit Kürbis auf Linsen, Ziegenkäse mit exquisitem Brot aus eigener Herstellung: Die Speisen sind ebenso unkompliziert wie schmackhaft. Keine großen Verrenkungen, sondern einfach "nur" beste Zutaten, frisch zubereitet und gekonnt serviert.
Auf Küchenchefin Marlies Spieß wartet jeden Tag eine kleine kreative Herausforderung. "Es wird mit dem gekocht, was gerade da ist", sagt sie. Es gibt keinen Essensplan für die Woche, wie sonst fast überall üblich. Hier in Stellshagen regiert zum Teil das Zufallsprinzip: "Wenn die Köche und Köchinnen Lust haben, Lasagne zu machen, dann gibt es Lasagne. Dafür wird dann das jeweilige Gericht auch wirklich mit Lust zubereitet. Wenn es bereits am Vortag Lasagne gab oder von einer Zutat noch zuviel übrig ist, wird damit gearbeitet." Wahrscheinlich ist es diese Mischung aus Improvisation, Kochkunst und qualitativ hochwertigen Zutaten, welche die Mahlzeiten so extrem schmackhaft macht.

Alles Bio: Küche in Stellshagen
Die Küche selbst ist kleiner als erwartet, aber es duftet gut hier unten. Eine Paprika-Pilzpfanne wird gerade zubereitet, die Zutaten fliegen darin umher. Gurken und Tomaten für Rohkost-Salate werden geschnitten, mit anderen Zutaten vermischt und angerichtet. Es zischt und brutzelt. Vier bis fünf Köche und Köchinnen wirbeln hier unten, schaffen jeden Tag in mehreren Schichten kulinarische Wertarbeit. Jetzt wird gerade die nächste Mahlzeit vorbereitet, sie wirken trotz des Zeitdrucks gelassen und freundlich. Dabei müssen sie morgens oft schon um fünf Uhr in der Küche beginnen, das Frühstück zuzubereiten.
In der Morgensonne erinnert das Gutshaus mit dem Teich davor in positiver Weise an englische Kitschromane. Das einfache, aber herrschaftliche Anwesen könnte auch in irgendeinem "-shire" stehen. Stellshagenshire? Klingt doch gut, fehlt nur noch das Romantische. Diese Rolle könnte das Paar aus Ahrendsburg ausfüllen, beide um die sechzig. Sie waren im August schon einmal hier und planten gleich darauf den nächsten Besuch, "es ist wunderschön hier". Der Ehemann ist schwerhörig, er hat ein faltiges, gutmütiges Gesicht und klare blaue Augen. Beide sehen sich vertraut an. Man möchte nicht weiter stören und beendet deshalb sein Frühstück. Denn die Zeit ist hier schließlich kostbar. /die
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