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Gelebte Werte

Bio statt Gentech Besser mit Bio Die Malerin Annette Wesselbio und fairsoja_in_aller_mundeGreen GlamourVielfalt statt EinfaltGetrŠnkeHauptsache, es schmecktDie Klima DiŠtwas hei§t hier biowasservisionenJobmotor BioUpdate Gentechnik?Kulturtechnik kochen am Ende?Macht und OhnmachtSauber - UmweltpolitikJetzt noch billiger?Fair playOhne FleischSo-Ja Wem gehoert die ZukunftBio ist mein JobBio ist Trendsetter


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Titelgeschichte Ausgabe Nr. 42
Gelebte Werte


Bio steht für Qualität und Geschmack. Für Umweltschutz und Gerechtigkeit. Für nachhaltiges Denken und zukunftsfähiges Wirtschaften. Warum die Öko-Freaks von gestern die Wertkonservativen von heute sind.



Duftende Kamille
"Kartoffeln und Mais sind langweilig", findet Jürgen Serr. "Das macht doch jeder." Schon während seines Studiums am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel interessierte er sich für Kräuter. Aromatische Zitronenmelisse, duftende Kamille und andere Wunderwerke der Natur hatten es dem angehenden Agraringenieur angetan. Nach der Wende gründete Serr in Thüringen mehrere Unternehmen, die sich mit dem Import, der Verarbeitung und dem Vertrieb von Kräutern und Tees aus ökologischem Anbau beschäftigen. Herb-Service beliefert Naturkostläden im In- und Ausland. Der Kunde kann die Produkte auch übers Internet bestellen.

Der ökologische Anbau in Thüringen, Hessen, Österreich, Ungarn, Kroatien und an anderen Standorten ist ein Erfolgsrezept. Vitaler, lockerer Boden, keine künstlichen Düngemittel. Nur wenn die Pflanze aufgrund des Klimas und der Böden in Europa nicht wächst, wird sie von anderswo importiert. Der schwarze Tee, den der Unternehmer unter dem Markennamen "Serr's Original" verkauft, kommt aus Indien. Serr betreibt fairen Handel mit Bauern auf dem Subkontinent.

Handarbeit gefragt
Ein weiteres Erfolgsrezept ist die schonende Verarbeitung der Rohstoffe. Serrs Angestellte erledigen so viel wie möglich manuell. "Beim Schneiden und bei der Verarbeitung mit Maschinen gehen Aromen und Inhaltsstoffe verloren", erklärt der Chef. "Deshalb sind unsere Kräuter im verkaufsfertigen Zustand etwas größer als herkömmliche." Die Loseblattmischungen werden liebevoll von Hand in Tütchen verpackt.



Jürgen Serrs Tee- und Kräuterhandel ist erfolgreich, obwohl die Preise höher sind als im Discounter. Das beweist, dass sich viele Kunden Qualität doch etwas kosten lassen – trotz Wirtschaftskrise und Flaute auf dem Arbeitsmarkt. Die Güte der Ware ist seit der Anfangszeit in den Siebzigern ein starkes Argument pro Bio. Eine Umfrage des Aachener Marktforschungsinstituts Dialego aus dem Jahr 2007 zeigt, dass ein steigender Anteil der Kunden – 57 Prozent – Bio-Nahrungsmittel deshalb in den Korb legen, "weil sie gesünder sind". 46 Prozent finden, dass sie "besser schmecken", 16 Prozent wollen ihre Kinder gesund ernähren. Lebensmittel aus ökologischem Anbau enthalten nachweislich weniger Pestizidrückstände als Ware aus der konventionellen Landwirtschaft (siehe Interview). Sie sind frei von Gentechnik.

Gefährdete Feldhasen
Doch Bio bringt Mensch und Welt mehr als Gesundheit und kräftiges Aroma. Bauern, die ihre Viecher und Felder nach den Maßgaben des ökologischen Anbaus pflegen, sorgen dafür, dass das Gleichgewicht in der Natur erhalten bleibt. Die konventionelle Landwirtschaft bringt hingegen Jahr für Jahr synthetische Pflanzenschutzmittel und leicht lösliche mineralische Dünger aus. Sie belasten Flora und Fauna. Tiere und Pflanzen, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind, finden vielerorts kaum mehr Platz zum Überleben.

Zu den gefährdeten Arten gehört der Feldhase. Das scheue Tierchen findet auf den exakt durchgeplanten Flächen kaum mehr Hecken, um sich zu verstecken. Seinen Nachwuchs legt Mümmelmann gern in Getreidegarben. "Doch in der konventionellen Landwirtschaft stehen die Halme so dicht, dass die Jungen nach der Geburt und nach dem Regen nicht richtig abtrocknen", sagt Reinhild Benning vom BUND für Umwelt- und Naturschutz: Es kommt einfach nicht genug Luft durch. "Infolgedessen sterben viele Hasen an Infektionskrankheiten."

Es gibt keine Studien darüber, wie viel mehr Hecken auf den ökologisch bebauten Flächen wachsen. Doch viele Landwirte schätzen sie, da sie nicht nur Meister Lampe, sondern auch Bienen und anderen Arten Überlebenschancen bieten. Viele Bio-Bauern nehmen sich tatsächlich die Zeit, vor der Ernte Leute übers Feld zu schicken. Mit Klatschen und Rufen scheuchen sie Hasen, Rehkitze und andere Wildtiere auf, die sich dort eingenistet haben. Sie würden sonst wohl unterm Mähdrescher sterben. Trotz des Maschinenlärms laufen sie nicht weg, erklärt Reinhild Benning: "Kitze drücken sich bei Gefahr flach auf den Boden. Das entspricht ihrem Fluchtinstinkt."



Warum Hörner wichtig sind
Dass Hühnern, Kühen und Schweinen in den Ställen der Bio-Bauern mehr Platz zusteht und dass sie vor dem Schlachten weniger Stress erleiden, wissen inzwischen viele Kunden. Einzelne Anbauverbände tun jedoch noch mehr für den Tierschutz. Der Anbauverband Demeter verpflichtet seine Bauern, auf das schmerzhafte Enthornen der Kühe zu verzichten. In der konventionellen Landwirtschaft wird es den Tieren zugemutet, damit sie einander und die Menschen nicht verletzen. "Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass die Kühe von Natur aus Abstand zueinander halten", sagt Demeter-Sprecherin René Herrnkind.

Faire Preise, faire Jobs
Das Bio-Siegel allein sagt nichts darüber aus, ob der Hersteller seine Angestellten und Zulieferer angemessen bezahlt. Reinhild Benning vom BUND wünscht sich deswegen, dass sich die Branche neben den ökologischen Richtlinien auch soziale Standards setzt. "Sie sollte sich auch zum fairen Handel mit Entwicklungsländern verpflichten", sagt sie und räumt ein, "dass viele Firmen schon jetzt nach diesen Prinzipien arbeiten."

Dazu gehört Alpro, ein belgisches Unternehmen, das unter der Bio-Marke Provamel Sojadrinks und andere -produkte verkauft. Andere Hersteller lassen in Brasilien großflächig den Urwald abholzen und Sojabohnen anbauen, damit Europas Bauern Futter für ihre Nutztiere bekommen. Alpro sichert hingegen zu, dass für seine Produkte kein Quadratmeter Dschungel gerodet wird. "Die Felder liegen weitab des Regenwalds", heißt es. Die Firma zahlt den brasilianischen Bauern faire Löhne. Darüber hinaus investierte sie in eine Kanalisation für arme Familien und in China in die Hochschulausbildung von Jugendlichen. Kinderarbeit ist bei Alpro generell verboten, ebenso wie ethnische Diskriminierung. Für Festangestellte und Saisonarbeiter gelten die selben Rechte.



Gleicher Lohn bei den Urmüslis
Auch in Deutschland gelten viele Bio-Firmen als gute Arbeitgeber. Der Thüringer Unternehmer Jürgen Serr hat elf Azubis. Sofern nicht etwas völlig schief läuft, werden alle übernommen. "Ich weiß, wie schwierig es ist, in dieser Region eine Lehrstelle zu finden", sagt der vierfache Vater. "Außerdem: Warum soll ich nicht davon profitieren, dass ich sie ausgebildet habe?"

Verglichen mit der Anfangszeit haben sich in der Branche die Formen des Zusammenarbeitens jedoch verändert. "In den Siebzigern lebten viele Hersteller in Kollektiven zusammen", berichtet die Journalistin Helma Heldberg. "Sie entschieden alles gemeinsam und erhielten den gleichen Lohn." Heldberg hat in einem lesenswerten Buch die Urväter und Urmütter der Bio-Bewegung porträtiert. Für die heutige Unternehmergeneration stehe Wirtschaftlichkeit mehr im Vordergrund, resümiert sie. Einem Laden, in dem jeder Chef ist, würde auch kaum eine Bank einen Kredit geben. Stundenlange Grundsatzdiskussionen während der Arbeitszeit sind im globalisierten Handel kaum mehr möglich. "Trotzdem bestimmen die Mitarbeiter in vielen Betrieben mit – und zwar vom Lagerarbeiter bis zur Bürokraft", sagt Helma Heldberg. Mit Bio-Essen in der Kantine, flexiblen Arbeitszeiten, Betriebskindergärten, Gebäuden aus biologischem Baumaterial und vielem mehr tragen die Unternehmer zum Wohlbefinden ihrer Angestellten bei.

Jobs für Menschen mit Behinderungen
Dass die Branche sich ihre besonderen Arbeitsbedingungen leisten kann, hat sie auch den Verbrauchern zu verdanken. "Wer in unseren Laden kommt, hat eine andere Toleranzschwelle als der Kunde, der einen Tabakladen betritt", sagt Claudia Jesiek. Die 55-Jährige ist Einzelhandelskauffrau und Sozialarbeiterin. Anfang der Achtziger gehörte sie in Gießen zu den Mitbegründern von Ökotopia, einem Naturkostladen, der Menschen mit Behinderungen beschäftigt.

Das Einzelhandelsgeschäft bietet beste Voraussetzungen dafür. Alles geht etwas langsamer als im Discounter. Kein Konzern drängelt im Hintergrund und bestimmt, wie schnell eine Ware umgeschlagen werden muss. Morgens versammeln sich die Angestellten zu einer schnellen Runde. Jede sagt, wie es ihr geht. Wenn sich eine ihrer Mitarbeiterinnen nicht wohlfühlt, kann Claudia Jesiek besser auf sie eingehen, als wenn sie Geschäftsführerin eines Supermarktes wäre. "Natürlich geht es uns auch um den Gewinn", sagt sie. "Aber Geld ist nicht alles."



Transparenz vom Acker bis zum Teller
Im Oktober 2008 einigten sich die Mitglieder des Bundesverbandes Naturkost, Naturwaren, Herstellung und Handel (BNN) auf einen gemeinsamen Kodex. Sie verpflichten sich, hohe Qualitätsstandards einzuhalten, die Produkte schonend zu verarbeiten, ökologisch nachhaltig zu wirtschaften, faire Handelsbeziehungen einzugehen und faire Preise zu zahlen. Regionalen und saisonalen Angeboten sei der Vorrang zu geben. Vom Acker bis zum Teller solle Transparenz herrschen.

"Diese Werte sind nicht neu", meint Elke Röder, Geschäftsführerin des BNN. "Wir verfolgen sie schon seit dreißig Jahren." Dass sie erst jetzt aufgeschrieben wurden, hänge damit zusammen, dass immer mehr Unternehmen Bio anbieten. Die im BNN organisierten Firmen wollen sich von Trittbrettfahrern abgrenzen, die nicht langfristig Qualität anbieten. "Wir haben den Eindruck, dass immer mehr Verbraucher so einkaufen, heizen und sich fortbewegen wollen, dass dadurch nicht der Rest der Welt beschädigt wird", sagt Röder.

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Für welche Werte steht Bio?
Carola Strassner ist Professorin für Nachhaltige Ernährung/ Ernährungsökologie am Fachbereich Oecotrophologie, also Haushalts- und Ernährungswissenschaften, der Fachhochschule Münster. Die Professur wird von neun Firmen und drei Stiftungen finanziert, die sich mit nachhaltiger Ernährung beschäftigen.

Carola Strassner
Carola Strassner

Was ist nachhaltige Ernährung?

Grundlegendes Ziel ist ein Ernährungssystem, das auch künftig in der Lage ist, alle Menschen ausreichend, gesund und entsprechend ihrer Kultur zu ernähren. Erreicht wurde es noch nicht. Angesichts der Unruhen auf den Energie- und Lebensmittelmärkten stieg die Zahl der Hungernden gerade wieder an.

Kann biologischer Landbau die Situation verbessern?

Unbedingt, denn er ist ganzheitlich und nachhaltig. Ökologischer Landbau basiert auf geschlossenen Kreisläufen. Der Bauer hält nur so viel Tiere, wie er aus eigener Kraft mit Futter versorgen kann. Ihre Ausscheidungen sind eine wichtige Grundlage für die Düngung der Felder. Durch diese und andere Arbeitsschritte unterstützt er den Boden in seiner Fähigkeit, langfristig gute Erträge zu erbringen. Es geht nicht um kurzfristige Maximalleistung, die den Boden auslaugt, sondern um eine Wirtschaftsform, die die Ertragsfähigkeit für spätere Generationen erhält.

Gibt es Belege für die Nachhaltigkeit von Bio?

Wissenschaftler des renommierten Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) untersuchten 25 Jahre lang die Folgen des konventionellen und des biologischen Anbaus. Sie stellten u.a. fest, dass im biologisch bestellten Boden mehr Regenwürmer leben. Dadurch ist er poröser, kann mehr Wasser aufnehmen. Der Boden ist gesünder, besser vor Überschwemmungen gewappnet und bringt auf lange Sicht gute Ernten.



Bio-Milch und Bio-Tee sind gesünder als herkömmliche Ware. Richtig?

Nachgewiesen ist, dass Bio-Produkte weniger Pestizidrückstände enthalten. Es gibt außerdem Hinweise, dass Bioobst und -gemüse mehr Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe enthalten als herkömmliche Ware. Abgesehen von einigen Risikogruppen leiden die Menschen in Deutschland allerdings nicht gerade unter Vitaminmangel.

Warum lässt sich der Einfluss von Bio auf die Gesundheit nicht wissenschaftlich nachweisen?

Sie müssten eine Gruppe von Menschen monate- oder gar jahrelang begleiten und nicht nur ihre Ernährungsgewohnheiten erfragen, sondern z. B. auch, ob sie Stress haben, wie oft sie sich bewegen, wie sie schlafen. Das ist nahezu unmöglich.

Es ist aber deutlich zu sehen, dass es beispielsweise in Großküchen eine Reihe guter Veränderungen gibt, wenn Bio eingeführt wird. Das Personal setzt sich mehr mit der Qualität von Lebensmitteln auseinander, kauft entsprechend der Saison, verzichtet auf Fertigprodukte zugunsten von Frischem, verarbeitet weniger Fleisch – auch wegen der Kosten. Ein dänischer Kollege berichtet Ähnliches.

Wie steht es mit der Sozialverträglichkeit von Bio?

Arbeit wird angemessen bezahlt. Der Handel mit Entwicklungsländern ist fair. Dort leiden Bauern häufig darunter, dass viele Konzerne im konventionellen Bereich nur kurzfristige Geschäftsbeziehungen eingehen. Die Bauern sind den Schwankungen der Weltmarktpreise ausgeliefert. Bio-Firmen wollen ihre Partner für viele Jahre an sich binden, sie verhandeln auch mit Kleinbauern und Kooperativen. Viele Bio-Firmen, die Getreide, Kakao und andere Rohstoffe nach Europa importieren, interessieren sich für die Lebensbedingungen vor Ort und setzen einen Teil ihres Gewinns dafür ein, dass etwa Schulen, Kliniken und Brunnen gebaut werden.

Und in Deutschland? Sind die Hierarchien in den Unternehmen flacher als in herkömmlichen Betrieben?

Dazu gibt es bislang keine Untersuchungen. In der Branche gibt es allerdings viele kleine und mittelständische Firmen, die ihren Angestellten selbstbestimmtes Leben und Arbeiten ermöglichen.

Für welche Werte steht Bio?

Sehr schön formuliert sind die Prinzipien, die die International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) aufgestellt hat, der weltweite Dachverband ökologischer Anbauverbände: Gesundheit, Ökologie, Gerechtigkeit und Fürsorge. Mit Gesundheit ist nicht nur die des Menschen gemeint, sondern auch die der Tiere, der Pflanzen und der Böden.



Heute gehen mehr und andere Leute im Bio-Laden als vor 30 Jahren. Haben sich mit der Käuferschaft die Werte gewandelt?

Kunden, die schon länger mit dabei sind, nennen meist noch die klassischen Argumente: Tierschutz, fairer Handel und so weiter. Die Menschen, die neu dazu gekommen sind, denken häufiger an ihren persönlichen Nutzen, ihre eigene Gesundheit. Studien zeigen, dass viele Familien zu Bio greifen, nachdem ein Kind zur Welt gekommen ist.

Und die Hersteller? Verändern sich ihre Werte?

Die Gründergeneration steht nach wie vor für das, was sie aufgebaut hat. Wenn unsere Studenten diese Unternehmen besuchen, merke ich oft, wie der Funke überspringt. Wie begeistert sie von Menschen sind, die sich nicht nur für ihren Verdienst interessieren, sondern auch für die Konsequenzen ihres Tuns. Die für ihre Ansichten kämpfen. In jüngster Zeit haben sich in der Branche viele neue Firmen etabliert, die Wirtschaftlichkeit stärker in den Vordergrund stellen. Auch dort gibt es Menschen, sich von einer nachhaltigen Wirtschaftsweise überzeugen lassen. /jan

Internetseiten
www.ifoam.org Internationaler Dachverband ökologischer Anbauverbände
www.bund.net Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
www.n-bnn.de Bundesverband Naturkost, Naturwaren, Herstellung und Handel
www.demeter.de
www.bioland.de
www.naturland.de
Anbauverbände des ökologischen Landbaus in Deutschland. Oft deutlich strenger als die Mindest-Anforderungen der EU-Bio-Verordnung.
www.oekotopia.de Fachgeschäft für Naturkost und Naturwaren in Gießen, Integrationsfirma für Menschen
mit Behinderungen
www.provamel.de Sojaprodukte aus ökologischem Anbau
www.herb-service.de Thüringer Tee- und Kräuterspezialist

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Bio aus Überzeugung

Ulrike und Ernst Maage leben als Bio-Bauern ihre Werte

Eine Bundesstraße wenige Kilometer vor Hannovers Vororten. Eine Windmühle überragt die Häuser am Dorfeingang, am Zaun weist ein Schild auf "Maages Landladen" hin. "Sie haben ihr Ziel erreicht", bemerkt das Navi nach dem Abbiegen freundlich.



Das haben offensichtlich auch andere: Trotz des unfreundlichen Nieselwetters an diesem Vormittag herrscht ein stetes Kommen und Gehen im freundlichen, kleinen Geschäft, das immerhin 100 Quadratmetern hat. Hier gibt es Fleisch und Wurst von Maages Schweinen, Roggen und Weizen, Porree und Möhren direkt vom Hof, aber auch Naturkosmetik, Miso-Suppe und Olivenöl. Zwei Mitarbeiterinnen wuseln im gepflegten, freundlichen Geschäft mit der gepflegten, klar beschilderten Gemüseauslage, vier sind es insgesamt. "Der Laden läuft gut, aber trotzdem: Wir könnten auch mal wieder umbauen", bemerkt Ulrike Maage freundlich-kritisch. Die Frau des Bauern Ernst-Friedrich Maage hat seit den frühen 1980er Jahren die Direktvermarktung auf dem Bioland-Hof Maage in Benthe aufgebaut, der 40 Hektar Land bewirtschaftet. Ulrike und Ernst-Friedrich Maage gehören zur ersten Generation der Bio-Pioniere.

Achtziger Jahre:
Das Politische wird persönlich
Ein Blick in die frühen 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Maages sind politisch interessiert und engagiert, sie lesen Bücher wie "Ein Planet wird geplündert" von Herbert Gruhl. Es ist die Zeit der Demonstrationen gegen Atomkraft und Aufrüstung, der Gründungsjahre der Grünen. Die Kinder sind klein, man macht sich Gedanken über ihre Zukunft. Der Vater bekommt die Auswirkung der konventionellen Landwirtschaft am eigenen Leibe zu spüren: "Wir haben ja wirklich noch so Sachen wie E 605 gespritzt, einfach vom Trecker, ohne geschlossene Kabine. Und irgendwann hatte ich dann Lähmungserscheinungen im Bein..." Das Politische wird noch persönlicher, als eins der Kinder Neurodermitis bekommt. Das gibt letzten Endes den Ausschlag für die Entscheidung der Eltern, auf dem traditionsreichen Hof (1548 wird er das erste Mal in Urkunden erwähnt) einen neuen Weg zu wagen. 1985 ist es soweit: Die Maages werden Bio-Bauern. Und sind plötzlich Exoten.



"Wir waren die Spinner hier auf dem Dorf"
Auf den Äckern wird Fruchtfolge statt Monokultur eingeführt, statt Zuckerrüben wachsen dort nun Dinkel und Gemüse. Waren es vor der Umstellung 400 Schweine, die pro Jahr gemästet wurden, sind es jetzt nur noch 90, die sich allmählich mit Bio-Getreide und -Kartoffeln rund futtern. Die betrieblichen Anforderungen bekommen die Maages bald in den Griff. Schwierig ist am Anfang die persönliche Situation der Pioniere. "Als wir den Hof umstellten, waren nicht nur Kollegen, sondern auch viele unserer Freunde im Ort sehr ablehnend. Wir waren die Spinner hier auf dem Dorf", erinnert sich Maage senior und freut sich, dass diese Zeiten vorbei sind. Fördergelder oder Prämien gibt es nicht für die Umstellung. Egal: "Wir sind diesen Schritt aus Überzeugung gegangen, nicht aus Kalkül." Dennoch ist Maage überzeugt, dass seine Entscheidung auch wirtschaftlich die richtige war. "Konventionell hätten wir als kleiner Betrieb bestimmt nicht langfristig überleben können."

Gelebte Regionalität
Die Vermarktungsstrukturen für Bio-Produkte sind erst im Entstehen. Die Direktvermarktung im eigenen Hofladen ist der naheliegende Ausweg. In jenen Jahren ist Maages Landladen Treffpunkt für viele "Alternative", oft junge Familien, die zum Teil lange Anfahrtswege in Kauf nehmen, um biologische Produkte kaufen zu können. Wichtig ist der enge Austausch mit anderen regionalen Erzeugern und Verarbeitern, der bis heute gepflegt wird. Die Bio-Bäckerei aus dem nahe gelegenen Hannover bezieht ihr Getreide vom Hof, das Brot wird wiederum im Hofladen verkauft. Ein Erzeuger liefert Möhren, der andere Kohl, so können beide mit einem breiteren Angebot punkten, ähnlich läuft es beim Fleisch: Wir die Schweine, ihr die Rinder. Bis heute kennt man sich, trifft sich. Getreide, Schweine, Möhren und Kartoffeln sind die Haupterzeugnisse von Maage. Zusätzlich tummeln sich auf dem Hof ein Esel, ein Pony, drei Ziegen, ein Wollschwein, 8 Toulouser Gänse, 15 Hühner und 5 Laufenten. Allesamt genießen sie Platz sowie artgerechte Haltung und sind das Entzücken der Schulklassen, die den Hof besichtigen. "Diese Tiere sind für uns kein wirtschaftlicher Faktor, sie dienen quasi der Hofbelebung", erläutert Maage. Auch auf den Ackerflächen ist Platz für Hecken und Grünland, Brache und Blumenwiesen.



Keine Chance für Schwarz-Weiß Denken
"Bei Bio-Großbetrieben ist heute standardisierte Rohware genauso Pflicht wie bei allen anderen", erläutert Maage. "Die kleinen, handwerklich arbeitenden Bio-Betriebe sind in der Lage, sich auf z. B. wechselnden Eiweißgehalt im Getreide einzustellen und ihre Teigführung anzupassen." Trotz Streicheltier und Blumenwiese: Er ist keiner, der ein romantisches Bild des Bio-Lebens pflegt. Für beides ist in Maages politischem Weltbild Platz, für die großen Bio-Betriebe mit quasi industrieller Produktion genauso wie für die kleinen, die mit handwerklicher Qualität punkten. "Für mich war es immer ganz wichtig, dass wir unseren Kindern eine überlebensfähige Welt hinterlassen. Und das geht nun mal nicht aus der Nische heraus." Er hat deshalb keine Berührungsängste. Nicht mit anderen Erzeugern, nicht mit Discounter-Bio und auch nicht mit konventionellen Kollegen, deren Treffen er ebenfalls manchmal besucht. Gerade hat die EU besonders gefährliche Pestizide verboten, sehr zum Missfallen der Agro-Chemie-Hersteller. "Ich sage meinen konventionellen Kollegen dann, seht das doch als echte Chance, lasst euch nicht vor den Karren spannen!"

Noch nie ein Schwein aus der Nähe gesehen
2001 wurde der Biolandhof Maage einer von 200 Demonstrationsbetrieben des ökologischen Landbau. Die damalige grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast wollte massiv den ökologischen Landbau fördern. Zweihundert der ältesten und erfolgreichsten Betriebe wurden ausgewählt, um zu zeigen, wie ökologischer Landbau in der Praxis funktioniert. Die Ansprüche der Besucher sind sehr unterschiedlich. Da gibt es den umstellungsinteressierten Landwirt, der das Gespräch mit dem Bio-Kollegen sucht. Berufsschüler kommen oft von konventionellen Betrieben und beäugen das ungewohnte Wirtschaften mit ausgesprochenem Misstrauen. "Da muss man dann schon zeigen, dass man es sachlich und praktisch drauf hat", schmunzelt Maage. Ein bisschen traurig stimmt es ihn, wie weit Kinder oft von der Natur und den Realitäten des Landlebens entfernt sind. "Manche haben noch nie zuvor ein Schwein aus der Nähe gesehen. Und leider: Sie interessieren sich auch nicht dafür."

Renate Künast und Ernst-Friedrich Maage
Renate Künast und Ernst-Friedrich Maage

"Man sollte seinen Beruf schon lieben"
Die letzten Jahrzehnte haben die Maages komplett ihrem Hof gewidmet. Urlaub oder Auszeiten gab's keine, die Frage danach wird fast mit Unverständnis aufgenommen "Also, jeden Morgen in den Stall zu müssen, das war für mich nie Thema, ich muss morgens nicht lange im Bett liegen", amüsiert sich Maage, um dann ernst zu werden: "Also, man sollte seinen Beruf schon lieben, sonst kann man als Bauer nicht glücklich werden."

Frau Ulrike freut sich derweilen, dass sie in den nächsten Jahren vielleicht auch dazu kommen wird, ihre Ausbildung als Kinesiologin, die sie "nebenbei" machte, zu aktivieren.

Die nächste Bio-Generation am Start
Denn die nächsten Jahre werden Veränderungen bringen. Auch Ulrike Maage stammt aus der Landwirtschaft. 2011 läuft die langfristige Verpachtung für den elterlichen Hof ein paar Dörfer weiter aus, dann soll auch dort auf "Bio" umgestellt werden. Sohn Maarten steht in den Startlöchern, die Höfe als Betriebsleiter weiterzuführen und zu vergrößern. Dass der heute 27-jährige einmal weitermachen würde, der Betrieb in der Familie bleiben könnte, war lange keine Selbstverständlichkeit. Erst mit über zwanzig entschloss sich der Sohn nach einem "Schnupperjahr" beim Vater, doch eine landwirtschaftliche Ausbildung zu beginnen, die ihn u. a. nach Neuseeland und Kanada führte.

Mit Öko-Anbau auf Morgen setzen
Eine seltene Mischung aus Überzeugung und Toleranz, Idealismus und Pragmatismus, betriebswirtschaftlichem Denken und Liebe zur Schöpfung – die Maages leben sie schlüssig und erfolgreich. Würde er alles noch mal genauso machen? "Auf jeden Fall. Ich würde auch heute jedem konventionellen Bauern, der morgen noch da sein möchte, empfehlen, umzustellen." Denn an morgen denkt Maage, der politische Bio-Bauer auf dem jahrhundertealten Hof, auch heute noch am liebsten.
www.biolandhof.maage.de
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