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Impressum
 
 
Titelgeschichte Ausgabe Nr. 43
Soja – in aller Munde

Rund 240 Millionen Tonnen Soja werden nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace weltweit pro Jahr angebaut – auf etwa hundert Millionen Hektar. Damit gehört die Sojabohne zu den wichtigsten Agrarprodukten auf diesem Planeten.



Relativ anspruchslos im Anbau
Botanisch gesehen gehören Sojabohnen zu den Leguminosen. Das sind Pflanzen, die an den Wurzeln Knöllchen bilden, dort in Symbiose mit bestimmten Bodenbakterien Stickstoff aus der Luft binden und für sich selbst als Dünger nutzen können. Aus den kleinen, rötlichen Blüten des Schmetterlingsblütlers bilden sich fein behaarte Hülsen, in denen jeweils zwei bis drei Samen heranreifen. „Die Sojabohne ist anspruchslos im Anbau“, nennt WWF-Sprecherin Astrid Wenger-Deilmann einen Grund für den Aufstieg des Hülsenfrüchtlers, der bis zu einem Meter hoch wird. Ebenfalls ideal für die Verarbeitung im großen Maßstab: Soja lässt sich problemlos lagern und über weite Strecken transportieren.

Ernährungsphysiologisch wertvoll
Zu rund einem Drittel bestehen die cholesterin- und laktosefreien Sojabohnen aus essentiellen Aminosäuren, damit sind sie ist ein ausgezeichneter Lieferant für pflanzliches Eiweiß. Sojaöl ist nicht nur reich an ungesättigten Fettsäuren, es enthält auch Vitamin E und natürliches Lezithin. Zu den weiteren Soja-Pluspunkten zählen B-Vitamine, Ballaststoffe und Mineralstoffe wie Calcium, Kalium, Magnesium oder Eisen, sowie Isoflavone, sekundäre Pflanzenstoffe, denen positive gesundheitliche Wirkungen nachgesagt werden.

Vielseitig als Lebensmittel
Jeder Mensch in Deutschland dürfte täglich in irgendeiner Form Soja konsumieren, als Sojamehl, Sojaöl und vor allem Sojalezithin. „Als Bindemittel ist es in vielen Lebensmitteln enthalten, etwa in Tütensuppen, Keksen und Schokolade“, erklärt Alexander Hissting, Agrarexperte von der Umweltschutzorganisation Greenpeace.



Das meiste landet im Futtertrog
Doch rund 85 Prozent des weltweit angebauten Sojas landen in den Mäulern von Schweinen und anderem Vieh. „Seit der BSE-Krise ist es in Europa verboten, Tiermehl zu verfüttern“, erläutert Professor Matin Qaim, Experte für Welternährungswirtschaft und rurale Entwicklung an der Uni Göttingen. „Sojaschrot ist ein preiswerter Ersatz für Tiermehl. Auch in Asien gewinnt es neben Getreide an Bedeutung.“

Das Brathähnchen als Statussymbol
Der Hunger auf Fleisch ist der Grund dafür, dass künftig wohl noch mehr Soja auf unserem Planeten wachsen wird. „Während der Verbrauch von Fleisch in Europa stagniert, wird es in den Schwellenländern häufiger gekauft als vor ein paar Jahren“, sagt der Landwirt und Agraringenieur Alexander Hissting von Greenpeace. Dort haben die Menschen nun mehr Geld und können sich etwas leisten. Ähnlich wie im Deutschland des Wirtschaftswunders gilt es nun als Zeichen von Wohlstand, Fleisch essen zu können, nicht nur an Feiertagen – das Brathähnchen als Statussymbol. Die Mittelschicht in den Schwellenländern wird in den nächsten Jahren weiter wachsen – ebenso wie die Weltbevölkerung im Allgemeinen.

Mehr Soja für mehr Fleisch
Mehr Menschen verlangen nach mehr Fleisch, also müssen mehr Tiere her. Und die wollen fressen: Sojaschrot. Nach Schätzungen des World Wide Fund for Nature (WWF), einer weiteren internationalen Umweltschutzorganisation, wird die Nachfrage nach Soja bis ins Jahr 2020 auf etwa 300 Millionen Tonnen im Jahr ansteigen.



Großgrundbesitzer und Banken verdienen
Sojabohnen werden an die Unternehmen entweder als Ganzes oder verarbeitet als Sojaöl und Sojaschrot geliefert. Soja ist ein XXL-Geschäft. Allein die Europäische Union importiert pro Jahr 22 Millionen Tonnen Sojaschrot und zusätzlich 15 Millionen Tonnen Sojabohnen, aus denen dann Futter und Öl hergestellt werden. Die USA, Brasilien, Argentinien und China sind die größten Lieferanten. Allein Brasilien produziert laut WWF pro Jahr 57 Millionen Tonnen Sojabohnen. Die Pflanze wächst am Amazonas auf 6,5 Millionen Hektar Land. In der EU befinden sich laut Greenpeace nur rund 0,3 Prozent der weltweiten Anbaufläche. Das liegt vor allem am Klima. Die Sojabohne mag’s warm. Im Vergleich zu Brasiliens riesigen Farmen sind die europäischen Möglichkeiten, Soja anzubauen, beschränkt: Lediglich im Südwesten Deutschlands, Frankreich und Italien gibt es einige Sojabauern.

Das klingt so, als könnten die lateinamerikanischen Bauern am Soja endlich einmal tüchtig verdienen. Doch nach Angaben des WWF füllt Soja in Brasilien vor allem die Kassen der Banken, der Großgrundbesitzer, Handelshäuser und Transportunternehmen. Konventionelle Lebensmittelhersteller kooperieren in der Regel lieber mit den Großen unter den Farmern, denen sie ihre Preise diktieren. Für einen Job in der brasilianischen Sojaindustrie gehen laut WWF elf Arbeitsplätze in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft verloren. Auch die Menschenrechtsorganisation amnesty international setzt sich mit den Auswirkungen des Sojaanbaus auf die lateinamerikanischen Gesellschaften auseinander und stellt fest: Während sich die Sojaindustrie in Paraguay immer mehr Flächen einverleibt, besitzt jeder dritte Bauer kein Land, um sich und seine Familie zu ernähren. Vor allem aus diesem Grund wandern nach Angaben von amnesty jedes Jahr rund 100.000 Farmer in die Slums der Städte ab.

Fast 100 Prozent Gensoja in Argentinien
Neben Baumwolle und Mais ist Soja das Agrarprodukt, das von den Befürwortern der Gentechnik am intensivsten beackert wird. „Die Gentechnik ist teuer“, sagt Alexander Hissting von Greenpeace. „Die Unternehmen wenden sie vor allem da an, wo sie breiten Absatz erwarten, damit es sich lohnt.“



Der Agrarprofessor Matin Qaim aus Göttingen rechnet vor, dass mittlerweile fast 100 Prozent der in Argentinien wachsenden Sojabohnen gentechnisch verändert seien. „Soja wird dort allerdings kaum konsumiert“, meint Qaim. „Kaum jemand kauft Tofu oder Sojamilch – und die Bauern füttern ihr Vieh nicht mit Sojaschrot, sondern halten es auf den riesigen Weiden.“ Welche langfristigen Folgen die Gentechnik für den menschlichen Organismus und für die Kreisläufe in der Natur hat, weiß niemand genau. Die Bio-Branche und Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace lehnen das Verfahren daher strikt ab.

Bio-Soja ohne Gentechnik
Wer Bio-Produkte kauft, kann sicher sein, dass sie nicht gentechnisch manipuliert wurden. Auch die Tiere, die für Fleisch- und Wurstwaren mit dem Bio-Siegel geschlachtet wurden, wurden nicht mit Gen-Soja gefüttert. Für Bio-Anbauer und -Verarbeiter bedeutet der Vormarsch der Gen-Sojabohnen immer höheren Aufwand. Und sie, nicht etwa die Gen-Firmen, tragen auch die Kosten für aufwändige Qualitätskontrollen und Laboruntersuchungen.

Bio-Soja ist besser für Mensch und Umwelt
„Aus ethischer Sicht und aus Sicht des Umweltschutzes wäre es wünschenswert, dass Soja nach den Maßstäben des Ökolandbaus angebaut wird“, sagt Anke Steinbach, die mit ihrer Firma Steinbach Strategien Unternehmen darin berät, wie sie soziale und ökologische Themen umsetzen sollen. „Was die Produktionsbedingungen angeht, sollten die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO beachtet werden, die u.a. Kinderarbeit verbieten und gerechte Löhne vorsehen.“ Die Hamburger Volkswirtin räumt allerdings ein, dass im Moment „der politische Druck fehlt, um diese Forderungen weltweit durchzusetzen.“

zurück Viele Bio-Unternehmen, die Sojaprodukte anbieten, richten sich freiwillig nach sozialen Kriterien. Die belgische Firma Alpro, die mit der Marke Provamel nach eigenen Angaben Marktführer in Europa ist, zahlt Sojafarmern in Brasilien angemessene Löhne. Alpro legt Wert auf eine enge, langfristige Zusammenarbeit mit den Bauern und hält Sicherheits- und Gesundheitsstandards ein.


Foto: PROVAMEL

Den Farmern, die Bio-Soja anpflanzen, kommt außerdem zugute, dass sie nicht mit synthetischen Pflanzenschutzmitteln und leicht löslichem mineralischen Dünger hantieren müssen, die im konventionellen Anbau in großem Maßstab eingesetzt werden. Der WWF berichtet unter Berufung auf eine lokale Umweltschutzorganisation in Brasilien von bis zu 200.000 Personen pro Jahr, die mit Pestiziden vergiftet werden. 4.000 von ihnen sterben. Rund 15 Millionen Menschen, ein Zehntel der brasilianischen Bevölkerung, soll Schädlingsbekämpfungsmitteln der konventionellen Landwirtschaft ausgesetzt sein.

Der Anbau von Sojabohnen bringt aufgrund der steigenden Weltmarktpreise mehr Geld ein als Sonnenblumen, Mais und Weizen, „deshalb gehen einige lateinamerikanische Bauern zu Monokulturen über“, berichtet der Göttinger Agrarprofessor Qaim. „Das heißt, sie pflanzen Jahr für Jahr Sojabohnen auf der selben Fläche an. Das ist schädlich für das ökologische Gleichgewicht, da der Boden ausgelaugt wird und der Schädlingsbefall zunimmt.“

Der Urwald wird gerodet
Auf Druck von Greenpeace einigten sich die großen Anbauer und Verarbeiter von Soja vor fünf Jahren wenigstens darauf, dass keine neuen Wälder im Amazonas für den Anbau der Pflanze abgeholzt werden. Bis zum Jahr 2005 waren dafür in Brasilien etliche Hektar zum Opfer gefallen – Gebiete, in denen besonders schützenswerte Arten lebten. Den Unternehmen, die diese Flächen roden ließen, ging es freilich meist nicht in erster Linie um Sojabohnen, sondern um das wertvolle Holz. Auf den abgeholzten Flächen entstanden neue Siedlungen, deren Bewohner dann wiederum Soja-Anbau betreiben.

In anderen Gebieten wird nach Angaben von Greenpeace fleißig weiter gerodet, etwa im Gran Chaco, einem Areal mit Trockenwäldern und Dornbuschsavannen, das sich über den Norden Argentiniens und den Westen Paraguays erstreckt. „Auch in Brasilien haben viele Unternehmer nach wie vor den Wunsch, weiter in den Dschungel vorzudringen“, sagt der Agrarexperte Hissting. Das Moratorium aus dem Jahr 2005 werde aber bislang von Jahr zu Jahr verlängert.



Indigene Gemeinschaften leiden
In Brasilien leiden die Indigenen, also die Ureinwohner, unter der konventionellen Sojaproduktion. Claudio Moser vom katholischen Hilfswerk Misereor berichtet, dass es durch den großflächigen Anbau in einigen Landesteilen zu Wassermangel komme. Wasserläufe trocknen aus, und die Kleinbauern können ihre Felder kaum mehr bewirtschaften. „Das betrifft unter anderem Indigene und die Nachkommen ehemaliger Sklaven, die an den Ufern des Rio São Francisco leben“, sagt Moser, der bei Misereor Länderreferent für Brasilien ist.

Derzeit wird die brasilianische Bundesstraße BR-163 asphaltiert. Sie führt mitten ins Herz des Amazonas zur Hafenstadt Santarém, wo Soja für den Export nach Europa, China und Indien umgeschlagen wird. Bislang war die Straße eine Lehm?piste, auf der sich die Lkw oft nur unter Schwierigkeiten fortbewegten. Wenn sie asphaltiert ist, kann sie ganzjährig und zügig befahren werden. Claudio Moser befürchtet, dass dabei indigene Gemeinschaften in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, die rechts und links der Straße im Urwald leben. Es sei zu erwarten, dass entlang der Fahrbahn Sojafelder entstehen, da die Bauern ihre Ware direkt zum Hafen transportieren lassen könnten. „Indigene könnten sich bei den Sojabauern zu Niedriglöhnen verdingen“, sagt Moser. Ferner warnt er vor der Ausbreitung von Krankheiten und vor sexueller Ausbeutung. „Die Indigenen brauchen rund um ihre Dörfer einen Schutzraum, damit ihre Kultur nicht beschädigt wird.“

Bio-Sojaanbau in Europa reicht nicht aus
Bio-Hersteller wie das Unternehmen Alpro garantieren deshalb, dass für ihr Soja keine indigenen Dorfgemeinschaften beschädigt und kein Regenwald abgeholzt wurde. Die Life Food GmbH aus Freiburg, die die Marke Taifun Tofuprodukte herstellt, bezieht ihr Soja zu 50 Prozent aus Brasilien. Dort arbeitet sie mit Gebana zusammen. Die Organisation steht seit 30 Jahren für Bio-Produkte aus dem Fairen Handel mit Entwicklungsländern, für angemessene Löhne und das Verbot von Kinderarbeit. Das brasilianische Soja, das die Freiburger Firma verarbeitet, liefern selbständige Kleinbauern, „die im Durchschnitt 15 Hektar bewirtschaften“, sagt Martin Miersch, Teamleiter Sojaanbau und Rohwaren bei Life Food.



Die übrigen 50 Prozent seiner Sojabohnen bezieht das Unternehmen aus regionalem Anbau, etwa von Feldern zwischen Konstanz und Karlsruhe. Auch die Firma Tofutown, die Tofu und Fleischalternativen unter dem Markennamen Viana vertreibt, bekommt ihre rund 1.000 Tonnen Bio-Soja pro Jahr zum Teil von europäischen Äckern, aus Frankreich, Italien und Österreich. Tofutown-Geschäftsführer Bernd Drosihn entschied sich vor einigen Jahren dafür, den anderen Teil seiner Sojabohnen nicht mehr aus Südamerika, sondern aus China zu bestellen. Die Gefahr, dass die Ware durch Gentechnik auf den benachbarten Feldern verunreinigt werde, sei im Reich der Mitte deutlich geringer, meint Drosihn.

Bio-Milchalternativen-Spezialist Natumi bezieht sogar 96 Prozent seiner Sojabohnen aus Italien und Frankreich, die restlichen 4 Prozent aus Kanada. „Natumi engagiert sich damit aktiv für den europäischen ökologischen Soja-Anbau“, kommentiert Marketingleiterin Diana Grass. Trotzdem gilt bei konventionellem Soja & Co leider: „Der Anbau in Europa ist keine Alternative zu den riesigen Mengen, welche wir jedes Jahr aus Entwicklungsländern importieren“, so Agrarexperte Hissting von Greenpeace.

Pflanzen-Esser sind Klimaschützer
Der große globale Appetit auf Fleisch und der damit verbundene massenhafte Soja-Anbau sind nicht nur vor dem Hintergrund des Hungers auf der Welt problematisch. „Auch im Sinne des Klimaschutzes ist es viel besser, Soja zu essen als Schnitzel von einem Schwein, das mit Soja gefüttert wurde“, sagt Alexander Hissting von Greenpeace. Das Vieh will schließlich nicht nur fressen, sondern auch saufen. Um Nutzvieh zu ernähren, müssen gewaltige Ackerflächen und Wassermengen zur Verfügung gestellt werden. Wer also öfter mal zu Bio-Soja-Produkten greift, tut nicht nur sich etwas Gutes sondern lebt damit auch ein Stück Nachhaltigkeit im Alltag.

Pflanzliche Doppelgänger: Soja in der Bio-Küche
Die klassische Fleischalternative aus Soja ist Tofu. Er wird aus Sojabohnen mit Hilfe eines Gerinnungsmittels (Nigari oder Calciumsulfat) hergestellt. Weniger bekannt ist Tempeh. Er entsteht durch die Fermentation von Sojabohnen mit bestimmten Pilzkulturen. So entsteht eine Art nussig schmeckender Edelschimmelkäse, der kross gebraten richtig gut schmeckt. Wenn’s ums Thema Soja geht, ist die Kreativität der Bio-Firmen ungebrochen. Ob Gyros oder Schnitzel, Nuggets, Bratwurst oder Wiener Würstchen: Die Zahl der täuschend echten Doppelgänger, meist aus Tofu und Weizen hergestellt, ist explosionsartig gewachsen, ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Das freut alle, die Fleisch eigentlich mögen, aber aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen nicht essen möchten.



Immer mehr Menschen mögen oder vertragen keine Milch. Gut, dass es Sojadrinks gibt. Die rein pflanzlichen, cholesterin- und laktosefreien Milchalternativen füllen ebenfalls ganze Kühlregale: Pur oder leicht gesüßt, mit Calcium oder ohne, mit Schoko-, Vanille- oder Fruchtgeschmack – die Auswahl ist riesig. Mit Joghurtbakterien fermentiert wird „Sojaghurt“ daraus, auch „Pflanzen-Sahne“ zum Kochen oder auf dem Kuchen ist heute problemlos zu haben.

Die Zeiten, als nur Allergiker, Menschen mit Unverträglichkeiten und strenge Veganer zu Fleisch- und Milchalternativen aus Soja griffen, sind lange vorbei. „Seit Jahren beobachten wir, dass immer mehr „ganz normale“ ernährungs- und umweltbewusste Kunden Sojaprodukte ganz selbstverständlich als Teil ihrer täglichen Ernährung begreifen,“ sagt Michael Ohlendorf, Commercial Director von Provamel Deutschland. Für reiche Auswahl in Bio-Laden, Reformhaus und Bio-Supermarkt ist jedenfalls gesorgt. /jan

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Zum Weiterlesen:

www.amnesty.de [themenbericht/auch-konzerne-tragen-verantwortung] Stellungnahme der Menschenrechtsorganisation zum Thema Wirtschaft und Verantwortung

www.gebana.de Bioprodukte aus Fairem Handel

www.greenpeace.de [themen/gentechnik/lebensmittel]
Die Umweltschutzorganisation informiert über Gentechnik

www.misereor.de [themen/klimawandel.html]
Das katholische Hilfswerk Misereor zum Klimawandel

www.natumi.com Milchalternativen-Hersteller aus Eitorf

www.provamel.com Bio-Produkte der Firma Alpro

www.responsiblesoy.org Vereinigung zum verantwortungsbewussten Anbau von Soja

www.taifun-tofu.de Tofu-Produkte von Life Food

www.viana.de Viana ist die Marke der Firma Tofutown

www.wwf.de [themen/landwirtschaft]
Thesen des WWF zur internationalen Agrarpolitik


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Mut steht am Anfang, Glück am Ende

Ines Kiefer ist Mutter, angehende Regierungsbeamtin und Teilzeit-Model.

„Und jetzt bitte lächeln“, sagt die Fotografin und drückt auf den Auslöser. Das Model liegt im schwarzen Abendkleid auf einem roten Samtsofa, die Beine leicht angewinkelt, den Kopf lässig auf den Arm gestützt. Knips, knips, knips. Die blauen Augen der rothaarigen Frau spielen mit der Kamera. Die Anweisungen der Fotografin befolgt sie sekundenschnell. Ein Profi eben. Erst beim Aufstehen braucht sie Hilfe. Die Fotografin hebt die Beine des Models vom Sofa und hilft ihr hoch. Mit einer gekonnten Drehung sitzt die rothaarige Schönheit im Rollstuhl.



Der Rollstuhl irritiert und passt nicht ins Bild. Models gelten als makellos. Ein Rollstuhl ist für viele Menschen immer noch ein Makel. Doch bei Ines Kiefer dreht sich die Geschichte um. Erst der Rollstuhl brachte sie vor die Kamera. „Als Fußgängerin hätte ich nie probiert, Model zu werden. Bei einer Größe von 1,65 m bin ich eigentlich zu klein für den Laufsteg“, sagt Kiefer und zwinkert, „im Rollstuhl fällt das nicht so auf“. Auf der Bühne stand die Sächsin immer schon gerne. Als Mädchen tanzte sie im Freiberger Karnevalsclub. Erfolgreich. Umjubelt. Auf alten Fotos steht das Mädchen im silbernen Kostüm und mit rosa Federbausch auf dem Kopf auf der Bühne und blickt leise lächelnd in die Kamera. „Tanzen war viele Jahre lang meine große Leidenschaft. Ich habe es genossen, wenn die Scheinwerfer auf mich gerichtet waren“, erinnert sich Ines Kiefer.

OP mit Komplikationen
Nach ihrem Abitur zog sie nach Bayreuth, begann eine Ausbildung zur Hotelfachfrau in einem Schlosshotel. Ihr Wunschberuf. Das Leben schien es gut mit ihr zu meinen. „Ich war sehr glücklich“, sagt die 29-Jährige heute. Doch das Glück sollte nicht lange anhalten. Nur ein halbes Jahr nach ihrem Umzug stellten Ärzte bei einer Routineuntersuchung einen Rippentumor fest. Das Röntgenbild von damals hat sie aufbewahrt. Ein weißer Fleck an der Wirbelsäule veränderte ihr Leben dramatisch. Sie musste sofort operiert werden. Warnungen einer jungen Ärztin über mögliche Komplikationen bei der Operation nahm Ines Kiefer damals nicht ernst. Sie war jung, nie ernstlich krank gewesen. Die Vorstellung querschnittsgelähmt zu sein, war völlig abwegig für die lebensfrohe Rothaarige. „Die Worte dieser Frau klingen mir immer noch in den Ohren“, sagt sie heute, zehn Jahre später. Denn bei der Operation kam es zu Komplikationen. Durch innere Blutungen wurde ihr Rückenmark geschädigt, so dass sie vom fünften Brustwirbel ab querschnittsgelähmt ist. Als sie aus der Narkose erwachte, konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. „Mein altes Leben war zerstört“, sagt sie. „Ich war mit neunzehn Jahren eine Rollifahrerin geworden“.



Doch Ines Kiefer ist eine starke Frau, obwohl sie das selbst gar nicht so gerne hört. „Ich bin nicht immer stark, sondern habe auch mal einen Hänger“, sagt sie bescheiden. Trotzdem, noch während der Rehabilitation erneuerte sie ihren Führerschein, lernte mit der Hand zu bremsen und vom Rollstuhl ins Auto zu klettern. Von anderen Menschen abhängig zu sein, kam für Ines Kiefer nicht in Frage. Nach einem halben Jahr kehrte sie ins Schlosshotel zurück, schloss im Jahr 2000 ihre Ausbildung ab.

Den Alltag bewältigen
Nach ihrem Abschluss folgt der Umzug ins Saarland. Die Liebe zu ihrem späteren Ehemann zieht sie dorthin. Schon bald findet sie eine Stelle im Hoteldienst, kurz darauf verlässt sie das Hotelfach und wechselt als Regierungsangestellte in den Staatsdienst der saarländischen Landesverwaltung. „Ich habe immer irgendwie Glück gehabt“, sagt Ines Kiefer. Nach so einem Schicksalsschlag würden das wohl nur wenige behaupten, aber das Teilzeit-Model sieht das anders. Sie schaut auf die guten Seiten des Lebens und hat sich mit dem Rollstuhl arrangiert. Ein altes japanisches Sprichwort besagt, „Das Glück kommt zu denen, die lachen“ – vielleicht ist es Ines Kiefer deswegen treu geblieben. Sie lebte sich gut ein im Saarland, die Arbeit machte ihr Spaß. Zusammen mit ihrem Mann baute Kiefer ein rollstuhlgerechtes Haus. Ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit, die Ines Kiefer so wichtig ist. Mit der Geburt ihres Sohnes Tim vor vier Jahren schien das Glück der Familie perfekt. Doch wieder zogen dunkle Wolken auf. „Mein Mann und ich hatten uns auseinander gelebt“. Die Trennung folgte. Nun stand die junge Rollstuhlfahrerin alleine da. Die alleinerziehende Mutter nahm ihr Leben in die Hand und schaffte es, Beruf und Kind zu vereinbaren. „Manchmal ist es schwierig, den Alltag alleine zu bewältigen, aber es ist schön zu sehen, dass ich es kann“.



Wenn Ines Kiefer den kleinen Tim mit dem Auto aus dem Kindergarten abholt, sieht man, dass die beiden ein eingespieltes Team sind. Nach einem Küsschen zeigt er der Mama im Auto noch sein neuestes Spielzeug, bevor er sich über ihren Schoß in den Kindersitz heben lässt. Tim hält sich dabei am Lenkrad fest. Wenige Sekunden später sitzt der braunhaarige Wirbelwind angeschnallt in seinem Sitz. Manchmal macht sich Ines Kiefer Sorgen, dass es ihrem Sohn aufgrund ihrer Behinderung an irgendetwas fehlen könnte. „Es gibt Situationen, in denen fühle ich mich eingeschränkt, zum Beispiel wenn ich mit Tim Fußball spielen oder im Schwimmbad rumplantschen möchte“, sagt sie. Der Gedanke belastet sie, denn Tim ist der Mittelpunkt ihres Lebens. Trotzdem hat sie viele Träume und scheut sich nicht davor, sie zu verwirklichen. Seit drei Jahren besucht sie die Fachhochschule für Verwaltung. Ines Kiefer ist ehrgeizig. „Ich setze die Anforderungen an mich ziemlich hoch“, sagt sie fröhlich.

Zum Model-Contest im Rollstuhl
So kam die heute 29-Jährige auch zum Modeln. Vor einigen Jahren las sie in einem Zeitschriftenartikel von dem internationalen Modelwettbewerb „Beauties in Motion“. Die jährlich stattfindende Veranstaltung für Frauen im Rollstuhl war in dieser Form weltweit einzigartig. „Ich habe den Wettbewerb immer im Auge behalten“, sagt sie. Vor zwei Jahren nahm sie ihren Mut zusammen und bewarb sich. Prompt kam sie unter die letzten Zehn. Bei über 200 Schönheiten aus elf Ländern ein großer Erfolg. Am Tag des Wettbewerbs ist Ines Kiefer aufgeregt. Stundenlang sitzt sie zusammen mit den anderen Teilnehmerinnen in der Maske. Make up und Hairstyling brauchen seine Zeit. Im goldenen Kleid und mit kunstvoll aufgesteckten Haaren rollt die Newcomerin über die Bühne. Noch etwas schüchtern blickt sie ins Publikum und schenkt ihnen ihr schönstes Lächeln. Das wird belohnt. Zwar schafft sie es nicht aufs Treppchen, dafür gewinnt sie aber den Sonderpreis: Ein Foto-Shooting mit dem Naturkosmetik-Hersteller Logona. Als wahrscheinlich erstes Model im Rollstuhl macht sie Werbung für Kosmetik. Die junge Mutter ist begeistert. „Das Glück war wieder mal auf meiner Seite“.

Erfolgreiche Zweitkarriere
Über Nacht veränderte sich das Leben von Ines Kiefer. „Ich hätte nie gedacht, was für einen riesigen Rattenschwanz meine Auszeichnung bei dem Wettbewerb hinter sich herzieht“, sagt sie. Neben ihrem anstrengenden Alltag muss sie nun auch noch Modeljobs in den Familienplan einbauen. „Das ist manchmal schon ein ganz schöner Spagat“. Fernsehteams, Radiosender und zahlreiche Zeitungsredakteure standen schon vor ihrer Haustür, um über sie und ihr Leben zu berichten. Dazu kommen anstrengende Fotoshootings, mal sexy in schwarzen Lackstiefeln, mal sportlich in Jeans und T-Shirt, mal sinnlich in Abendrobe. Trotzdem ist der Job für die Naturkosmetik-Firma etwas Besonderes für Ines Kiefer. „Es ist der erste Job, der nichts mit meinem Handicap zu tun hatte“, sagt sie stolz. Von dem Titel der aktuellen Werbebroschüre von Logona strahlt Ines Kiefer den Leser mit ihren blauen Augen an. Ihr rotes Haar ist elegant hochgesteckt, die Lippen blass-rosa geschminkt. Auf drei Seiten ist sie zu sehen. Dass Ines Kiefer noch am Anfang ihrer Modelkarriere steht, ahnt man beim Blick auf die Fotos nicht. Auch nicht, dass sie im Rollstuhl sitzt. Eine junge schöne Frau, das ist alles, was man sieht.



Angst davor, dass Tim bei dem ganzen Trubel zu kurz kommt, hat die 29-Jährige nicht. „Wenn ich bei einem Modeljob kein Drei-Bett-Zimmer bekomme, in dem Tim mit schlafen kann, mache ich den Job nicht“, sagt sie entschlossen. Drei Betten? Ines Kiefer lacht. Seit einem Jahr gibt es neben dem kleinen Tim wieder einen zweiten Mann in ihrem Leben. „Thomas ist ein ganz toller Ersatzpapa“, schwärmt Ines Kiefer. Die Drei sind mittlerweile ein eingespieltes Team.

Familie ist wichtig
Familie und Freunde sind stolz auf Ines. Doch die junge Frau bleibt bescheiden. Fotos von sich zeigt sie nur auf Nachfrage. „Ich gehe mit meinem Erfolg beim Modeln nicht hausieren“. Sie sei ja auch längst noch kein Profi. „Für Tipps und Tricks beim Shooting bin ich immer noch dankbar“, sagt sie und schüttelt ihre lange, rote Mähne. Wenn es an den Haaren ziept, „Da bin ich leider sehr empfindlich, wenn es ziept, nervt mich das“, sagt sie. Ansonsten liebt sie es, geschminkt und gestylt zu werden. „Es ist wie bei den Topmodels im Fernsehen“.

In den nächsten Monaten wird sie ihr Styling aber wieder häufiger selbst übernehmen müssen. Denn die ehrgeizige Mutter muss für ihre Abschlussprüfungen lernen. Ende des Jahres steigt sie dann als Regierungsbeamtin im gehobenen Dienst des hessischen Wirtschaftsministeriums ein. Mit Glück hat das dieses Mal nichts zu tun. Erneut trotzt sie einem Vorurteil, denn Ines Kiefer ist nicht nur hübsch, sondern auch klug. /oei
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