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Soja in aller Munde Rund 240 Millionen Tonnen Soja werden nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace weltweit pro Jahr angebaut auf etwa hundert Millionen Hektar. Damit gehört die Sojabohne zu den wichtigsten Agrarprodukten auf diesem Planeten. ![]() Relativ anspruchslos im Anbau Botanisch gesehen gehören Sojabohnen zu den Leguminosen. Das sind Pflanzen, die an den Wurzeln Knöllchen bilden, dort in Symbiose mit bestimmten Bodenbakterien Stickstoff aus der Luft binden und für sich selbst als Dünger nutzen können. Aus den kleinen, rötlichen Blüten des Schmetterlingsblütlers bilden sich fein behaarte Hülsen, in denen jeweils zwei bis drei Samen heranreifen. Die Sojabohne ist anspruchslos im Anbau, nennt WWF-Sprecherin Astrid Wenger-Deilmann einen Grund für den Aufstieg des Hülsenfrüchtlers, der bis zu einem Meter hoch wird. Ebenfalls ideal für die Verarbeitung im großen Maßstab: Soja lässt sich problemlos lagern und über weite Strecken transportieren. Ernährungsphysiologisch wertvoll Zu rund einem Drittel bestehen die cholesterin- und laktosefreien Sojabohnen aus essentiellen Aminosäuren, damit sind sie ist ein ausgezeichneter Lieferant für pflanzliches Eiweiß. Sojaöl ist nicht nur reich an ungesättigten Fettsäuren, es enthält auch Vitamin E und natürliches Lezithin. Zu den weiteren Soja-Pluspunkten zählen B-Vitamine, Ballaststoffe und Mineralstoffe wie Calcium, Kalium, Magnesium oder Eisen, sowie Isoflavone, sekundäre Pflanzenstoffe, denen positive gesundheitliche Wirkungen nachgesagt werden. Vielseitig als Lebensmittel Jeder Mensch in Deutschland dürfte täglich in irgendeiner Form Soja konsumieren, als Sojamehl, Sojaöl und vor allem Sojalezithin. Als Bindemittel ist es in vielen Lebensmitteln enthalten, etwa in Tütensuppen, Keksen und Schokolade, erklärt Alexander Hissting, Agrarexperte von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. ![]() Das meiste landet im Futtertrog Doch rund 85 Prozent des weltweit angebauten Sojas landen in den Mäulern von Schweinen und anderem Vieh. Seit der BSE-Krise ist es in Europa verboten, Tiermehl zu verfüttern, erläutert Professor Matin Qaim, Experte für Welternährungswirtschaft und rurale Entwicklung an der Uni Göttingen. Sojaschrot ist ein preiswerter Ersatz für Tiermehl. Auch in Asien gewinnt es neben Getreide an Bedeutung. Das Brathähnchen als Statussymbol Der Hunger auf Fleisch ist der Grund dafür, dass künftig wohl noch mehr Soja auf unserem Planeten wachsen wird. Während der Verbrauch von Fleisch in Europa stagniert, wird es in den Schwellenländern häufiger gekauft als vor ein paar Jahren, sagt der Landwirt und Agraringenieur Alexander Hissting von Greenpeace. Dort haben die Menschen nun mehr Geld und können sich etwas leisten. Ähnlich wie im Deutschland des Wirtschaftswunders gilt es nun als Zeichen von Wohlstand, Fleisch essen zu können, nicht nur an Feiertagen das Brathähnchen als Statussymbol. Die Mittelschicht in den Schwellenländern wird in den nächsten Jahren weiter wachsen ebenso wie die Weltbevölkerung im Allgemeinen. Mehr Soja für mehr Fleisch Mehr Menschen verlangen nach mehr Fleisch, also müssen mehr Tiere her. Und die wollen fressen: Sojaschrot. Nach Schätzungen des World Wide Fund for Nature (WWF), einer weiteren internationalen Umweltschutzorganisation, wird die Nachfrage nach Soja bis ins Jahr 2020 auf etwa 300 Millionen Tonnen im Jahr ansteigen. ![]() Großgrundbesitzer und Banken verdienen Sojabohnen werden an die Unternehmen entweder als Ganzes oder verarbeitet als Sojaöl und Sojaschrot geliefert. Soja ist ein XXL-Geschäft. Allein die Europäische Union importiert pro Jahr 22 Millionen Tonnen Sojaschrot und zusätzlich 15 Millionen Tonnen Sojabohnen, aus denen dann Futter und Öl hergestellt werden. Die USA, Brasilien, Argentinien und China sind die größten Lieferanten. Allein Brasilien produziert laut WWF pro Jahr 57 Millionen Tonnen Sojabohnen. Die Pflanze wächst am Amazonas auf 6,5 Millionen Hektar Land. In der EU befinden sich laut Greenpeace nur rund 0,3 Prozent der weltweiten Anbaufläche. Das liegt vor allem am Klima. Die Sojabohne mags warm. Im Vergleich zu Brasiliens riesigen Farmen sind die europäischen Möglichkeiten, Soja anzubauen, beschränkt: Lediglich im Südwesten Deutschlands, Frankreich und Italien gibt es einige Sojabauern. Das klingt so, als könnten die lateinamerikanischen Bauern am Soja endlich einmal tüchtig verdienen. Doch nach Angaben des WWF füllt Soja in Brasilien vor allem die Kassen der Banken, der Großgrundbesitzer, Handelshäuser und Transportunternehmen. Konventionelle Lebensmittelhersteller kooperieren in der Regel lieber mit den Großen unter den Farmern, denen sie ihre Preise diktieren. Für einen Job in der brasilianischen Sojaindustrie gehen laut WWF elf Arbeitsplätze in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft verloren. Auch die Menschenrechtsorganisation amnesty international setzt sich mit den Auswirkungen des Sojaanbaus auf die lateinamerikanischen Gesellschaften auseinander und stellt fest: Während sich die Sojaindustrie in Paraguay immer mehr Flächen einverleibt, besitzt jeder dritte Bauer kein Land, um sich und seine Familie zu ernähren. Vor allem aus diesem Grund wandern nach Angaben von amnesty jedes Jahr rund 100.000 Farmer in die Slums der Städte ab. Fast 100 Prozent Gensoja in Argentinien Neben Baumwolle und Mais ist Soja das Agrarprodukt, das von den Befürwortern der Gentechnik am intensivsten beackert wird. Die Gentechnik ist teuer, sagt Alexander Hissting von Greenpeace. Die Unternehmen wenden sie vor allem da an, wo sie breiten Absatz erwarten, damit es sich lohnt. ![]() Der Agrarprofessor Matin Qaim aus Göttingen rechnet vor, dass mittlerweile fast 100 Prozent der in Argentinien wachsenden Sojabohnen gentechnisch verändert seien. Soja wird dort allerdings kaum konsumiert, meint Qaim. Kaum jemand kauft Tofu oder Sojamilch und die Bauern füttern ihr Vieh nicht mit Sojaschrot, sondern halten es auf den riesigen Weiden. Welche langfristigen Folgen die Gentechnik für den menschlichen Organismus und für die Kreisläufe in der Natur hat, weiß niemand genau. Die Bio-Branche und Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace lehnen das Verfahren daher strikt ab. Bio-Soja ohne Gentechnik Wer Bio-Produkte kauft, kann sicher sein, dass sie nicht gentechnisch manipuliert wurden. Auch die Tiere, die für Fleisch- und Wurstwaren mit dem Bio-Siegel geschlachtet wurden, wurden nicht mit Gen-Soja gefüttert. Für Bio-Anbauer und -Verarbeiter bedeutet der Vormarsch der Gen-Sojabohnen immer höheren Aufwand. Und sie, nicht etwa die Gen-Firmen, tragen auch die Kosten für aufwändige Qualitätskontrollen und Laboruntersuchungen. Bio-Soja ist besser für Mensch und Umwelt Aus ethischer Sicht und aus Sicht des Umweltschutzes wäre es wünschenswert, dass Soja nach den Maßstäben des Ökolandbaus angebaut wird, sagt Anke Steinbach, die mit ihrer Firma Steinbach Strategien Unternehmen darin berät, wie sie soziale und ökologische Themen umsetzen sollen. Was die Produktionsbedingungen angeht, sollten die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO beachtet werden, die u.a. Kinderarbeit verbieten und gerechte Löhne vorsehen. Die Hamburger Volkswirtin räumt allerdings ein, dass im Moment der politische Druck fehlt, um diese Forderungen weltweit durchzusetzen. zurück Viele Bio-Unternehmen, die Sojaprodukte anbieten, richten sich freiwillig nach sozialen Kriterien. Die belgische Firma Alpro, die mit der Marke Provamel nach eigenen Angaben Marktführer in Europa ist, zahlt Sojafarmern in Brasilien angemessene Löhne. Alpro legt Wert auf eine enge, langfristige Zusammenarbeit mit den Bauern und hält Sicherheits- und Gesundheitsstandards ein. ![]() Foto: PROVAMEL Den Farmern, die Bio-Soja anpflanzen, kommt außerdem zugute, dass sie nicht mit synthetischen Pflanzenschutzmitteln und leicht löslichem mineralischen Dünger hantieren müssen, die im konventionellen Anbau in großem Maßstab eingesetzt werden. Der WWF berichtet unter Berufung auf eine lokale Umweltschutzorganisation in Brasilien von bis zu 200.000 Personen pro Jahr, die mit Pestiziden vergiftet werden. 4.000 von ihnen sterben. Rund 15 Millionen Menschen, ein Zehntel der brasilianischen Bevölkerung, soll Schädlingsbekämpfungsmitteln der konventionellen Landwirtschaft ausgesetzt sein. Der Anbau von Sojabohnen bringt aufgrund der steigenden Weltmarktpreise mehr Geld ein als Sonnenblumen, Mais und Weizen, deshalb gehen einige lateinamerikanische Bauern zu Monokulturen über, berichtet der Göttinger Agrarprofessor Qaim. Das heißt, sie pflanzen Jahr für Jahr Sojabohnen auf der selben Fläche an. Das ist schädlich für das ökologische Gleichgewicht, da der Boden ausgelaugt wird und der Schädlingsbefall zunimmt. Der Urwald wird gerodet Auf Druck von Greenpeace einigten sich die großen Anbauer und Verarbeiter von Soja vor fünf Jahren wenigstens darauf, dass keine neuen Wälder im Amazonas für den Anbau der Pflanze abgeholzt werden. Bis zum Jahr 2005 waren dafür in Brasilien etliche Hektar zum Opfer gefallen Gebiete, in denen besonders schützenswerte Arten lebten. Den Unternehmen, die diese Flächen roden ließen, ging es freilich meist nicht in erster Linie um Sojabohnen, sondern um das wertvolle Holz. Auf den abgeholzten Flächen entstanden neue Siedlungen, deren Bewohner dann wiederum Soja-Anbau betreiben. In anderen Gebieten wird nach Angaben von Greenpeace fleißig weiter gerodet, etwa im Gran Chaco, einem Areal mit Trockenwäldern und Dornbuschsavannen, das sich über den Norden Argentiniens und den Westen Paraguays erstreckt. Auch in Brasilien haben viele Unternehmer nach wie vor den Wunsch, weiter in den Dschungel vorzudringen, sagt der Agrarexperte Hissting. Das Moratorium aus dem Jahr 2005 werde aber bislang von Jahr zu Jahr verlängert. ![]() Indigene Gemeinschaften leiden In Brasilien leiden die Indigenen, also die Ureinwohner, unter der konventionellen Sojaproduktion. Claudio Moser vom katholischen Hilfswerk Misereor berichtet, dass es durch den großflächigen Anbau in einigen Landesteilen zu Wassermangel komme. Wasserläufe trocknen aus, und die Kleinbauern können ihre Felder kaum mehr bewirtschaften. Das betrifft unter anderem Indigene und die Nachkommen ehemaliger Sklaven, die an den Ufern des Rio São Francisco leben, sagt Moser, der bei Misereor Länderreferent für Brasilien ist. Derzeit wird die brasilianische Bundesstraße BR-163 asphaltiert. Sie führt mitten ins Herz des Amazonas zur Hafenstadt Santarém, wo Soja für den Export nach Europa, China und Indien umgeschlagen wird. Bislang war die Straße eine Lehm?piste, auf der sich die Lkw oft nur unter Schwierigkeiten fortbewegten. Wenn sie asphaltiert ist, kann sie ganzjährig und zügig befahren werden. Claudio Moser befürchtet, dass dabei indigene Gemeinschaften in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, die rechts und links der Straße im Urwald leben. Es sei zu erwarten, dass entlang der Fahrbahn Sojafelder entstehen, da die Bauern ihre Ware direkt zum Hafen transportieren lassen könnten. Indigene könnten sich bei den Sojabauern zu Niedriglöhnen verdingen, sagt Moser. Ferner warnt er vor der Ausbreitung von Krankheiten und vor sexueller Ausbeutung. Die Indigenen brauchen rund um ihre Dörfer einen Schutzraum, damit ihre Kultur nicht beschädigt wird. Bio-Sojaanbau in Europa reicht nicht aus Bio-Hersteller wie das Unternehmen Alpro garantieren deshalb, dass für ihr Soja keine indigenen Dorfgemeinschaften beschädigt und kein Regenwald abgeholzt wurde. Die Life Food GmbH aus Freiburg, die die Marke Taifun Tofuprodukte herstellt, bezieht ihr Soja zu 50 Prozent aus Brasilien. Dort arbeitet sie mit Gebana zusammen. Die Organisation steht seit 30 Jahren für Bio-Produkte aus dem Fairen Handel mit Entwicklungsländern, für angemessene Löhne und das Verbot von Kinderarbeit. Das brasilianische Soja, das die Freiburger Firma verarbeitet, liefern selbständige Kleinbauern, die im Durchschnitt 15 Hektar bewirtschaften, sagt Martin Miersch, Teamleiter Sojaanbau und Rohwaren bei Life Food. ![]() Die übrigen 50 Prozent seiner Sojabohnen bezieht das Unternehmen aus regionalem Anbau, etwa von Feldern zwischen Konstanz und Karlsruhe. Auch die Firma Tofutown, die Tofu und Fleischalternativen unter dem Markennamen Viana vertreibt, bekommt ihre rund 1.000 Tonnen Bio-Soja pro Jahr zum Teil von europäischen Äckern, aus Frankreich, Italien und Österreich. Tofutown-Geschäftsführer Bernd Drosihn entschied sich vor einigen Jahren dafür, den anderen Teil seiner Sojabohnen nicht mehr aus Südamerika, sondern aus China zu bestellen. Die Gefahr, dass die Ware durch Gentechnik auf den benachbarten Feldern verunreinigt werde, sei im Reich der Mitte deutlich geringer, meint Drosihn. Bio-Milchalternativen-Spezialist Natumi bezieht sogar 96 Prozent seiner Sojabohnen aus Italien und Frankreich, die restlichen 4 Prozent aus Kanada. Natumi engagiert sich damit aktiv für den europäischen ökologischen Soja-Anbau, kommentiert Marketingleiterin Diana Grass. Trotzdem gilt bei konventionellem Soja & Co leider: Der Anbau in Europa ist keine Alternative zu den riesigen Mengen, welche wir jedes Jahr aus Entwicklungsländern importieren, so Agrarexperte Hissting von Greenpeace. Pflanzen-Esser sind Klimaschützer Der große globale Appetit auf Fleisch und der damit verbundene massenhafte Soja-Anbau sind nicht nur vor dem Hintergrund des Hungers auf der Welt problematisch. Auch im Sinne des Klimaschutzes ist es viel besser, Soja zu essen als Schnitzel von einem Schwein, das mit Soja gefüttert wurde, sagt Alexander Hissting von Greenpeace. Das Vieh will schließlich nicht nur fressen, sondern auch saufen. Um Nutzvieh zu ernähren, müssen gewaltige Ackerflächen und Wassermengen zur Verfügung gestellt werden. Wer also öfter mal zu Bio-Soja-Produkten greift, tut nicht nur sich etwas Gutes sondern lebt damit auch ein Stück Nachhaltigkeit im Alltag. Pflanzliche Doppelgänger: Soja in der Bio-Küche Die klassische Fleischalternative aus Soja ist Tofu. Er wird aus Sojabohnen mit Hilfe eines Gerinnungsmittels (Nigari oder Calciumsulfat) hergestellt. Weniger bekannt ist Tempeh. Er entsteht durch die Fermentation von Sojabohnen mit bestimmten Pilzkulturen. So entsteht eine Art nussig schmeckender Edelschimmelkäse, der kross gebraten richtig gut schmeckt. Wenns ums Thema Soja geht, ist die Kreativität der Bio-Firmen ungebrochen. Ob Gyros oder Schnitzel, Nuggets, Bratwurst oder Wiener Würstchen: Die Zahl der täuschend echten Doppelgänger, meist aus Tofu und Weizen hergestellt, ist explosionsartig gewachsen, ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Das freut alle, die Fleisch eigentlich mögen, aber aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen nicht essen möchten. ![]() Immer mehr Menschen mögen oder vertragen keine Milch. Gut, dass es Sojadrinks gibt. Die rein pflanzlichen, cholesterin- und laktosefreien Milchalternativen füllen ebenfalls ganze Kühlregale: Pur oder leicht gesüßt, mit Calcium oder ohne, mit Schoko-, Vanille- oder Fruchtgeschmack die Auswahl ist riesig. Mit Joghurtbakterien fermentiert wird Sojaghurt daraus, auch Pflanzen-Sahne zum Kochen oder auf dem Kuchen ist heute problemlos zu haben. Die Zeiten, als nur Allergiker, Menschen mit Unverträglichkeiten und strenge Veganer zu Fleisch- und Milchalternativen aus Soja griffen, sind lange vorbei. Seit Jahren beobachten wir, dass immer mehr ganz normale ernährungs- und umweltbewusste Kunden Sojaprodukte ganz selbstverständlich als Teil ihrer täglichen Ernährung begreifen, sagt Michael Ohlendorf, Commercial Director von Provamel Deutschland. Für reiche Auswahl in Bio-Laden, Reformhaus und Bio-Supermarkt ist jedenfalls gesorgt. /jan
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