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Ein Traumpaar: Bio und Fair Über 70 Prozent aller "offiziell" gesiegelten Fairtrade-Produkte sind bereits "bio". Naturkostunternehmen setzen ebenfalls auf langfristige und faire Beziehungen zu Partnern und Erzeugern: Gerechtes Handeln ist eines der Gründungsideale der Naturkostbranche. Davon profitieren alle: Produzenten und ihre Familien, Bio-Unternehmen und wir, die Verbraucher, oder besser: Genießer. ![]() Die Hütten der Bauern haben jetzt Wassertanks, damit der Regen aufgefangen werden kann. Stolz zeigt Miguel Meélo auf die neuen Vorrichtungen. Jetzt müssen die Frauen nicht mehr zwei Stunden durch den Regenwald zum Fluss laufen. Miguel Meélo ist Kaffeebauer. Aber nicht nur das. Mit der Firma seiner Familie Américo Melo verarbeitet und exportiert er die Kaffeebohnen von ca. vierzig weiteren Bauern, die ihren Kaffee auf etwa tausend Meter Höhe im Umland von Barahona, einer der ärmsten Regionen der Dominikanischen Republik, kultivieren. Melo ist Partner der Naturkostfirma Rapunzel, die im Rahmen ihres "Hand in Hand"-Programms den Produzenten einen Preis für den Kaffee zahlt, der zwar den Weltmarktpreis als Berechnungsbasis hat, aber immer deutlich darüber liegt. Langfristige Lieferbeziehungen und Abnahmegarantien machen die Zukunft kalkulierbarer, schaffen so auch soziale Absicherung und sogar einen bescheidenen Wohlstand zum Beispiel Wassertanks. Im Gegenzug garantiert Meélos Bauerngemeinschaft, dass die strengen Regeln der ökologischen Landwirtschaft eingehalten werden. Das bedeutet vor allem manuellen Zusatzaufwand, Verzicht auf künstliche Pflanzenschutz- und Düngemittel, Anbau in Mischkultur Landwirtschaft im Einklang mit der Umwelt. Seit Rapunzel vor 17 Jahren das "Hand in Hand" Programm startete, wuchs die Zahl der Handelspartner stetig auf heute 14 Partner von Asien bis Lateinamerika. 74 Produkte tragen das firmeneigene "Hand in Hand"-Siegel. Ökologischer Landbau ist dabei die Grundvorraussetzung. Er garantiert gesunde Nahrungsmittel, eine intakte Umwelt und damit die Basis für eine nachhaltige Entwicklung. Abhängig von globalen Entwicklungen Doch auch der faire Handel ist keine isolierte, glückselige Insel. Stefan Bloch, der in der Dominikanischen Republik ein Kakao-Projekt für das Naturkostunternehmen Naturata betreut, sieht keinen Grund zur Entwarnung: "Die weltweite Krise hinterlässt auch hier ihre Spuren. Die Preise für Kakao sind gesunken und die Nachfrage hat sich relativiert. Deshalb ist es so wichtig, dass sich Naturata als Abnehmer in der Region weiterhin langfristig engagiert. Wir führen unsere Projekte zur Verbesserung der Erträge weiter, um den Produzenten eine Perspektive zu bieten." In den USA und Großbritannien kämpft die Bio-Branche mit sinkenden Absätzen. Die größte Biomarktkette in den Vereinigten Staaten, "Whole Foods", erlebte einen Gewinneinbruch von 31 Prozent. "Wenn die Konsumstimmung schlechter wird, sparen die Verbraucher zuerst bei teuren Sonderausgaben wie eben Biolebensmittel", sagt Paul Michels von der Zentralen Markt und Preisberichtsstelle (ZMP) in Bonn. Überraschend ist daher, dass der Absatz von Fairtrade-Produkten in der EU und den USA selbst in der Krise stabil bleibt, beziehungsweise sogar steigt. Den Deutschen waren fair gehandelte und gesiegelte Produkte im vergangenen Jahr 213 Millionen Euro wert fünfzig Prozent mehr als im Vorjahr. ![]() Fair Gehandeltes immer beliebter Das bekannteste Fairtrade-Siegel hierzulande ist wohl das "Transfair"-Zeichen. Dabei handelt der Verein "Transfair" selbst nicht mit Waren, wie oft vermutet wird, sondern vergibt sein Siegel für fair gehandelte Produkte. Der Verein wird von 36 Mitgliedsorganisationen unterstützt (u.a. Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst, Forum Eine Welt) und hat 150 Lizenznehmer in Deutschland, also Firmen, deren Produkte das Transfair-Siegel tragen dürfen. Deren Absatz stieg ebenfalls. Wachstumsmotor waren Rosen (plus 138 Prozent), Zucker (plus 91 Prozent), Fruchtsaft (plus 80 Prozent) und Kaffee (plus 14 Prozent). Die Gründe dafür seien vor allem bei dem bewussteren Einkaufsverhalten und dem Engagement des Handels zu suchen, sagt Dieter Overath, Geschäftsführer von "Transfair". "Die Verbraucher möchten zunehmend ethische Produkte kaufen, die ohne Ausbeutung und Umweltschäden hergestellt wurden", so Overath. Offenbar unterstützen die deutschen Verbraucher also auch in schwierigen Zeiten Fairtrade. Interessant ist dabei, dass über siebzig Prozent der fair gehandelten Waren "bio" sind. Nahrungsmittel und Finanzkrise treffen Produzenten Allein über den deutschen Markt erhielten auf diesem Weg fast neunhundert zertifizierte Produzenten-Organisationen in Asien, Lateinamerika und Afrika mehr als 33 Millionen Euro Direkteinnahmen. Diese Gelder werden vor allem dazu verwendet, medizinische Versorgung und Bildung zu sichern sowie soziale Projekte zu fördern. Dies ist um so wichtiger, als nun die Finanzkrise auch die Produzenten erreicht. 2008 war ein Jahr der extremen Preissteigerungen im Lebensmittelsektor. Besonders Ernteausfälle, der steigende Ölpreis und die Verwendung von Ackerland zur Herstellung von Biokraftstoff spielten eine Rolle. Gleichzeitig fielen die Rohstoffpreise für Waren wie Kaffee, Tee, Zucker und Kakao. Ausgerechnet diejenigen, die an der momentanen Krise am wenigsten Schuld trifft, leiden, wie so häufig, nun am stärksten unter den Folgen. Rob Cameron, Geschäftsführer des internationalen Dachverbandes der "Fairtrade Labelling Organization" (FLO): "Die Produzenten brauchen Fairtrade heute mehr als je zuvor, die Nahrungsmittelkrise trifft sie hart." Folgen abfangen Die Modelle des fairen Handels mildern die Folgen der Krise ab. Garantierte Mindestpreise und langfristige Abnahmeverträge sichern die Existenz und Ernährung der Produzenten und ihrer Familien. Doch wie sieht das im konkreten Einzelfall aus? Ein Beispiel: Die Partner der Firma Naturata in der Dominikanischen Republik überweisen der Kooperative für den Fairtrade-Kakao direkt 150 US-Dollar pro Tonne als Prämie. Im letzten Jahr waren das fast 200.000 US-Dollar. Von dieser Prämie verwendet die Kooperative lediglich 16 Prozent für die eigene Administration. 42 Prozent werden an die einzelnen Produzenten zur Verbesserung der Plantagen ausbezahlt, die verbleibenden 42 Prozent wandern in die Finanzierung von Gemeinschaftsprojekten. Über die Verwendung wird demokratisch abgestimmt.Wenn Lebensmittelmarken Fairtrade weiterhin als wichtigen Teil ihrer künftigen Entwicklung sehen, könnte der Absatzmarkt in Zukunft weiter ausgebaut werden, was bedeuten würde, dass noch mehr Produzenten von den Vorteilen profitieren. In Deutschland bieten die Lizenznehmer von Transfair rund tausend Fairtrade-gesiegelte Produkte an. Dazu zählen vor allem Kaffee, Tee und Schokolade, aber auch Kekse, Kakao, Bananen, Fruchtsäfte, Wein, Reis, Rosen und Zucker. Es gibt auch non-food Produkte aus fairem Handel. Neben Blumen sind das etwa Möbel, Kosmetik oder Kleidung. ![]() Umstellung kann dauern Der konventionelle Anbau von Gütern wie Blumen und Baumwolle ist mit erheblichem Wasserverbrauch sowie dem Einsatzt chemischer Pestizide und Dünger verbunden. Fairtrade-Produkte sind nicht automatisch Bio-Produkte, setzen aber auf Mindest-Umweltstandards. Dazu gehören: Geringerer Düngeeinsatz, Verzicht auf Brandrodung und die Ersetzung fossiler Brennstoffe durch umweltfreundliche Energien. Immer öfter werden die Landwirte im globalen Süden darin unterstützt, auf kontrolliert biologischen Anbau umzustellen. Dieses Ziel kann jedoch nur in kleinen, oft mühsamen Schritten erreicht werden. Häufig sind die Böden durch vorhergehende konventionelle Landwirtschaft so schwer geschädigt, dass eine Re-Ökologisierung sehr lange dauern kann. Da die Umstellung zeit- und kostenintensiv ist, sind die Zusatzeinnahmen durch den fairen Handel oft die einzige Möglichkeit, diesen Weg zu beschreiten. Ist die Umstellung schließlich abgeschlossen, fördert der faire Handel biologisch angebaute Produkte mit einem Bioaufschlag, was sich dann über den einige Cent teureren Preis beim Verbraucher bemerkbar macht. Bio liegt mit Fair im Trend Nicht nur ökologischer Anbau, auch faire Beziehungen zu Erzeugern, Partnern und Zuliefern, ob vor Ort oder Übersee, waren für das Handeln in der "klassischen" Naturkostbranche von Anfang an bestimmend. Heute liegen die Bio-Unternehmen damit voll im Trend: Im Informationszeitalter möchten immer mehr Verbraucher wissen, wie Lebensmittel hergestellt werden und woher sie kommen. Sie fordern Transparenz, und je besser die Konsumenten den Markt verstehen, desto mehr setzen sie auf Produkte, die nicht nur lecker und gesund, sondern auch nachhaltig und fair produziert wurden. Aus der gewachsenen Tradition der Branche heraus erklärt sich auch die auf den ersten Blick überraschende Tatsache, dass viele Unternehmen zwar auf fair gehandelte Rohstoffe setzen oder sogar aktiv eigene Fairhandels-Projekte initiieren und unterstützen, aber auf offizielle Fair-Trade-Siegel oft verzichten. ![]() Engagement ohne offizielles Siegel Eine fair handelnde Firma ohne "transfair"-Siegel ist Heuschrecke. Ein Name, der in der Finanzkrise keine guten Assoziationen hervorruft, doch genau gegenteilig nicht für kurzfristigen Profit, sondern für nachhaltige Entwicklung steht. "Wir sind nicht Fair Trade gesiegelt, das ist zu aufwändig und kostenintensiv für spezialisierte Kleinbetriebe mit der Vielzahl von Produkten", sagt Firmensprecherin Ursula Stübner. "Dafür sind wir Gründungsmitglied der Initiative für Kleinbauernprojekte "Trust organic small Farmers". Bei Heuschrecke gehören langfristige Beziehungen zu Lieferanten zur Firmenstrategie und sorgen für Vertrauen und Zuverlässigkeit. "Exotische Gewürze", so die Firma, "kaufen wir bei biozertifizierten Kleinbauernprojekten ein, zum Beispiel in Indien und Sri Lanka." Auch hier würden durch kleinteilige Strukturen und umweltgerechten Anbau die ursprünglichen Landschaften erhalten. Und die schonende, nachhaltige Bewirtschaftung schütze im Endeffekt auch bei uns das Klima. Fair ist auch gut für die Umwelt Doch zurück zum Kaffee. Das Traditionsprodukt weist beim fairen Handel eine gute Ökobilanz auf. Das wird vor allem durch die energiesparende trockene Aufbereitung und Sonnentrocknung anstelle der nassen Aufbereitung und Ofentrocknung erreicht. Dazu kommt, dass die Produzenten die Fairtrade-Prämien immer häufiger für klimafreundliche Maßnahmen verwenden. So wird z. B. Holz als Heizmaterial bei der Verarbeitung durch Kaffeehülsen ersetzt. Nur durch beständige Handelsbeziehungen können solche Maßnahmen garantiert werden. Standards sichern Alexandra Buley-Kandzi vom Naturkost-Pionier Lebensbaum: "Uns ist es wichtig, dass alle Produkte aus partnerschaftlichem Handel stammen. Deswegen legen wir Wert auf langfristige Partnerschaften und wachsende soziale Strukturen bei den Erzeugern. Deshalb haben wir ein Lieferantenbewertungssystem eingeführt, um einerseits die Produktqualität, andererseits aber auch ökologische und soziale Faktoren wie Bildung einbeziehen zu können." Ein Grundstein dieses Systems sind zum Beispiel die Standards der International Labour Organization (ILO). Nur wer sie und etliche andere Vorgaben erfüllt, kann Handelspartner von Lebensbaum werden und bleiben. Die ILO-Forderungen stellen ein Mindestmaß der internationalen Arbeiterrechte dar: Verbot von Zwangsarbeit, ein sicherer und gesunder Arbeitsplatz, Organisations- und Versammlungsfreiheit sowie eine faire Vergütung. Dass "bio" den Fair Trade-Gedanken bereits in sich trägt, zeigt auch das Beispiel der Firma Rapunzel und ihrer Eigenmarke, das "Hand in Hand"-Siegel. Es findet sich auf allen Produkten, deren Rohstoffe mindestens zu fünfzig Prozent von "Hand in Hand"-Partnern stammen. Es steht für Bio-Qualiät, eine soziale Absicherung der Mitarbeiter, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Ablehnung von Kinderarbeit. Kontrolliert werden die Standards alle 2 Jahre durch externe Gutachter und durch Besuche von Rapunzel-Mitarbeitern vor Ort. Über einen eigenen Fonds werden soziale und ökologische Projekte in den Erzeugerländern gefördert. So konnte zum Beispiel die Kaffee-Bauerngemeinschaft von Miguel Meélo in Gajo mit Förderungen von 15.000 Euro aus dem "Hand in Hand"-Fonds in den letzten Jahren u.a. eine Schule für Dutzende von Kindern im Ort bauen. ![]() "Trade not aid" Während Bio und Fair also von Anfang an zusammengehörten, spielten ökologische Standards zu Beginn des fairen Handels, in den späten Sechzigern, kaum eine Rolle. Die Öko-Bewegung steckte noch in den Kinderschuhen. Der Schwerpunkt lag vor allem bei der Verbesserung und Sicherung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Produzenten in der so genannten "Dritten Welt". Damals skandierten Studenten "Trade not Aid" und attackierten die Geschäftsmodelle internationaler Konzerne. Auch die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung legte ab 1968 den Schwerpunkt auf faire Handelsbeziehungen zur Verbesserung der sozialen Situation. Existenzen sichern, Klima schützen Angesichts zunehmender Umweltzerstörung und der sich abzeichnenden Klimakatastrophe wird immer deutlicher, dass ökologisches und soziales Handeln nur gemeinsam betrachtet werden können. Ökologischer Landbau, also Qualität statt Quantität, kann für den Produzenten nur dann attraktiv sein, wenn er davon leben kann. Ist dieser Kreislauf erst einmal in Gang gesetzt, profitieren alle. Die Erzeuger haben ein garantiertes Auskommen, die Biodiversität kann sich dank Ökolandbau von den Folgen der Monokultur erholen, der Boden wird nachhaltig ohne Pestizide und mit geringem Energieaufwand bewirtschaftet, das Klima wird geschützt. Fairer Handel auch für deutsche Bauern Thema Längst sind die Prinzipien des fairen Handels nicht mehr nur in Beziehungen zu so genannten Entwicklungsländern relevant. Im Juni dieses Jahres blockierten tausende europäische Bauern die Straßen von Brüssel um gegen die rapide fallenden Milchpreise zu protestieren. Auch hier setzt die Bio-Branche auf die Prinzipien und Werte des fairen und umweltschonenden Handels. Die Upländer Bauernmolkerei, die auf ihre Milch einen "Fairtrade"-Zuschlag von 5 Cent pro Flasche erhebt (s. a. S. 14) oder die Neumarkter Lammsbräu Brauerei mit ihrer Aktion "Fair zum Bauern", die die Getreidebauern der Region unterstützt, sind da nur zwei Beispiele. Aber werden die Kunden diese Bemühungen auch in einer länger währenden Krise honorieren? Glauben an Win-Win Stefan Bloch, der Naturata-Handelspartner in der Dominikanischen Republik, ist sich sicher: "Wir glauben fest an den Win-Win-Effekt. Wenn es unseren Kunden gut geht, wird es auch unseren Produzenten und letztlich uns selbst gut gehen." Kennen denn die Bauern in der Karibik eigentlich die Produkte, die aus ihren Rohstoffen hergestellt werden? "Ja, die Bauern kennen die Naturata-Schokoladen und sind jeweils überrascht über die vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Am liebsten mögen sie Milchschokolade." Nicht nur geschmacklich zeigt sich: "Bio" und "Fairtrade" sind wirklich ein Traumpaar. /die Aktueller Termin: 14.27. September: Faire Woche 2009 "Perspektiven schaffen Fair handeln!" Die Faire Woche ist eine bundesweite Aktionswoche rund um das Thema Fairer Handel, die das Thema mit zahlreichen Veranstaltungen noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will. www.fairewoche.de
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