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Bio und Fair – Ein Traumpaar

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Titelgeschichte Ausgabe Nr. 44
Ein Traumpaar: Bio und Fair

Über 70 Prozent aller "offiziell" gesiegelten Fairtrade-Produkte sind bereits "bio". Naturkostunternehmen setzen ebenfalls auf langfristige und faire Beziehungen zu Partnern und Erzeugern: Gerechtes Handeln ist eines der Gründungsideale der Naturkostbranche. Davon profitieren alle: Produzenten und ihre Familien, Bio-Unternehmen und wir, die Verbraucher, oder besser: Genießer.



Die Hütten der Bauern haben jetzt Wassertanks, damit der Regen aufgefangen werden kann. Stolz zeigt Miguel Meélo auf die neuen Vorrichtungen. Jetzt müssen die Frauen nicht mehr zwei Stunden durch den Regenwald zum Fluss laufen.

Miguel Meélo ist Kaffeebauer. Aber nicht nur das. Mit der Firma seiner Familie Américo Melo verarbeitet und exportiert er die Kaffeebohnen von ca. vierzig weiteren Bauern, die ihren Kaffee auf etwa tausend Meter Höhe im Umland von Barahona, einer der ärmsten Regionen der Dominikanischen Republik, kultivieren. Melo ist Partner der Naturkostfirma Rapunzel, die im Rahmen ihres "Hand in Hand"-Programms den Produzenten einen Preis für den Kaffee zahlt, der zwar den Weltmarktpreis als Berechnungsbasis hat, aber immer deutlich darüber liegt. Langfristige Lieferbeziehungen und Abnahmegarantien machen die Zukunft kalkulierbarer, schaffen so auch soziale Absicherung und sogar einen bescheidenen Wohlstand – zum Beispiel Wassertanks.

Im Gegenzug garantiert Meélos Bauerngemeinschaft, dass die strengen Regeln der ökologischen Landwirtschaft eingehalten werden. Das bedeutet vor allem manuellen Zusatzaufwand, Verzicht auf künstliche Pflanzenschutz- und Düngemittel, Anbau in Mischkultur – Landwirtschaft im Einklang mit der Umwelt. Seit Rapunzel vor 17 Jahren das "Hand in Hand" – Programm startete, wuchs die Zahl der Handelspartner stetig auf heute 14 Partner von Asien bis Lateinamerika. 74 Produkte tragen das firmeneigene "Hand in Hand"-Siegel. Ökologischer Landbau ist dabei die Grundvorraussetzung. Er garantiert gesunde Nahrungsmittel, eine intakte Umwelt und damit die Basis für eine nachhaltige Entwicklung.

Abhängig von globalen Entwicklungen
Doch auch der faire Handel ist keine isolierte, glückselige Insel. Stefan Bloch, der in der Dominikanischen Republik ein Kakao-Projekt für das Naturkostunternehmen Naturata betreut, sieht keinen Grund zur Entwarnung: "Die weltweite Krise hinterlässt auch hier ihre Spuren. Die Preise für Kakao sind gesunken und die Nachfrage hat sich relativiert. Deshalb ist es so wichtig, dass sich Naturata als Abnehmer in der Region weiterhin langfristig engagiert. Wir führen unsere Projekte zur Verbesserung der Erträge weiter, um den Produzenten eine Perspektive zu bieten."

In den USA und Großbritannien kämpft die Bio-Branche mit sinkenden Absätzen. Die größte Biomarktkette in den Vereinigten Staaten, "Whole Foods", erlebte einen Gewinneinbruch von 31 Prozent. "Wenn die Konsumstimmung schlechter wird, sparen die Verbraucher zuerst bei teuren Sonderausgaben – wie eben Biolebensmittel", sagt Paul Michels von der Zentralen Markt und Preisberichtsstelle (ZMP) in Bonn. Überraschend ist daher, dass der Absatz von Fairtrade-Produkten in der EU und den USA selbst in der Krise stabil bleibt, beziehungsweise sogar steigt. Den Deutschen waren fair gehandelte und gesiegelte Produkte im vergangenen Jahr 213 Millionen Euro wert – fünfzig Prozent mehr als im Vorjahr.



Fair Gehandeltes immer beliebter
Das bekannteste Fairtrade-Siegel hierzulande ist wohl das "Transfair"-Zeichen. Dabei handelt der Verein "Transfair" selbst nicht mit Waren, wie oft vermutet wird, sondern vergibt sein Siegel für fair gehandelte Produkte. Der Verein wird von 36 Mitgliedsorganisationen unterstützt (u.a. Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst, Forum Eine Welt) und hat 150 Lizenznehmer in Deutschland, also Firmen, deren Produkte das Transfair-Siegel tragen dürfen. Deren Absatz stieg ebenfalls. Wachstumsmotor waren Rosen (plus 138 Prozent), Zucker (plus 91 Prozent), Fruchtsaft (plus 80 Prozent) und Kaffee (plus 14 Prozent). Die Gründe dafür seien vor allem bei dem bewussteren Einkaufsverhalten und dem Engagement des Handels zu suchen, sagt Dieter Overath, Geschäftsführer von "Transfair". "Die Verbraucher möchten zunehmend ethische Produkte kaufen, die ohne Ausbeutung und Umweltschäden hergestellt wurden", so Overath.
Offenbar unterstützen die deutschen Verbraucher also auch in schwierigen Zeiten Fairtrade. Interessant ist dabei, dass über siebzig Prozent der fair gehandelten Waren "bio" sind.

Nahrungsmittel und Finanzkrise treffen Produzenten
Allein über den deutschen Markt erhielten auf diesem Weg fast neunhundert zertifizierte Produzenten-Organisationen in Asien, Lateinamerika und Afrika mehr als 33 Millionen Euro Direkteinnahmen. Diese Gelder werden vor allem dazu verwendet, medizinische Versorgung und Bildung zu sichern sowie soziale Projekte zu fördern.

Dies ist um so wichtiger, als nun die Finanzkrise auch die Produzenten erreicht. 2008 war ein Jahr der extremen Preissteigerungen im Lebensmittelsektor. Besonders Ernteausfälle, der steigende Ölpreis und die Verwendung von Ackerland zur Herstellung von Biokraftstoff spielten eine Rolle. Gleichzeitig fielen die Rohstoffpreise für Waren wie Kaffee, Tee, Zucker und Kakao. Ausgerechnet diejenigen, die an der momentanen Krise am wenigsten Schuld trifft, leiden, wie so häufig, nun am stärksten unter den Folgen. Rob Cameron, Geschäftsführer des internationalen Dachverbandes der "Fairtrade Labelling Organization" (FLO): "Die Produzenten brauchen Fairtrade heute mehr als je zuvor, die Nahrungsmittelkrise trifft sie hart."

Folgen abfangen
Die Modelle des fairen Handels mildern die Folgen der Krise ab. Garantierte Mindestpreise und langfristige Abnahmeverträge sichern die Existenz und Ernährung der Produzenten und ihrer Familien. Doch wie sieht das im konkreten Einzelfall aus? Ein Beispiel: Die Partner der Firma Naturata in der Dominikanischen Republik überweisen der Kooperative für den Fairtrade-Kakao direkt 150 US-Dollar pro Tonne als Prämie. Im letzten Jahr waren das fast 200.000 US-Dollar. Von dieser Prämie verwendet die Kooperative lediglich 16 Prozent für die eigene Administration. 42 Prozent werden an die einzelnen Produzenten zur Verbesserung der Plantagen ausbezahlt, die verbleibenden 42 Prozent wandern in die Finanzierung von Gemeinschaftsprojekten. Über die Verwendung wird demokratisch abgestimmt.Wenn Lebensmittelmarken Fairtrade weiterhin als wichtigen Teil ihrer künftigen Entwicklung sehen, könnte der Absatzmarkt in Zukunft weiter ausgebaut werden, was bedeuten würde, dass noch mehr Produzenten von den Vorteilen profitieren. In Deutschland bieten die Lizenznehmer von Transfair rund tausend Fairtrade-gesiegelte Produkte an. Dazu zählen vor allem Kaffee, Tee und Schokolade, aber auch Kekse, Kakao, Bananen, Fruchtsäfte, Wein, Reis, Rosen und Zucker. Es gibt auch non-food Produkte aus fairem Handel. Neben Blumen sind das etwa Möbel, Kosmetik oder Kleidung.



Umstellung kann dauern
Der konventionelle Anbau von Gütern wie Blumen und Baumwolle ist mit erheblichem Wasserverbrauch sowie dem Einsatzt chemischer Pestizide und Dünger verbunden. Fairtrade-Produkte sind nicht automatisch Bio-Produkte, setzen aber auf Mindest-Umweltstandards. Dazu gehören: Geringerer Düngeeinsatz, Verzicht auf Brandrodung und die Ersetzung fossiler Brennstoffe durch umweltfreundliche Energien. Immer öfter werden die Landwirte im globalen Süden darin unterstützt, auf kontrolliert biologischen Anbau umzustellen. Dieses Ziel kann jedoch nur in kleinen, oft mühsamen Schritten erreicht werden. Häufig sind die Böden durch vorhergehende konventionelle Landwirtschaft so schwer geschädigt, dass eine Re-Ökologisierung sehr lange dauern kann. Da die Umstellung zeit- und kostenintensiv ist, sind die Zusatzeinnahmen durch den fairen Handel oft die einzige Möglichkeit, diesen Weg zu beschreiten. Ist die Umstellung schließlich abgeschlossen, fördert der faire Handel biologisch angebaute Produkte mit einem Bioaufschlag, was sich dann über den einige Cent teureren Preis beim Verbraucher bemerkbar macht.

Bio liegt mit Fair im Trend
Nicht nur ökologischer Anbau, auch faire Beziehungen zu Erzeugern, Partnern und Zuliefern, ob vor Ort oder Übersee, waren für das Handeln in der "klassischen" Naturkostbranche von Anfang an bestimmend. Heute liegen die Bio-Unternehmen damit voll im Trend: Im Informationszeitalter möchten immer mehr Verbraucher wissen, wie Lebensmittel hergestellt werden und woher sie kommen. Sie fordern Transparenz, und je besser die Konsumenten den Markt verstehen, desto mehr setzen sie auf Produkte, die nicht nur lecker und gesund, sondern auch nachhaltig und fair produziert wurden. Aus der gewachsenen Tradition der Branche heraus erklärt sich auch die auf den ersten Blick überraschende Tatsache, dass viele Unternehmen zwar auf fair gehandelte Rohstoffe setzen oder sogar aktiv eigene Fairhandels-Projekte initiieren und unterstützen, aber auf offizielle Fair-Trade-Siegel oft verzichten.



Engagement ohne offizielles Siegel
Eine fair handelnde Firma ohne "transfair"-Siegel ist Heuschrecke. Ein Name, der in der Finanzkrise keine guten Assoziationen hervorruft, doch genau gegenteilig nicht für kurzfristigen Profit, sondern für nachhaltige Entwicklung steht.

"Wir sind nicht Fair Trade gesiegelt, das ist zu aufwändig und kostenintensiv für spezialisierte Kleinbetriebe mit der Vielzahl von Produkten", sagt Firmensprecherin Ursula Stübner. "Dafür sind wir Gründungsmitglied der Initiative für Kleinbauernprojekte "Trust organic small Farmers". Bei Heuschrecke gehören langfristige Beziehungen zu Lieferanten zur Firmenstrategie und sorgen für Vertrauen und Zuverlässigkeit. "Exotische Gewürze", so die Firma, "kaufen wir bei biozertifizierten Kleinbauernprojekten ein, zum Beispiel in Indien und Sri Lanka." Auch hier würden durch kleinteilige Strukturen und umweltgerechten Anbau die ursprünglichen Landschaften erhalten. Und die schonende, nachhaltige Bewirtschaftung schütze im Endeffekt auch bei uns das Klima.

Fair ist auch gut für die Umwelt
Doch zurück zum Kaffee. Das Traditionsprodukt weist beim fairen Handel eine gute Ökobilanz auf. Das wird vor allem durch die energiesparende trockene Aufbereitung und Sonnentrocknung anstelle der nassen Aufbereitung und Ofentrocknung erreicht. Dazu kommt, dass die Produzenten die Fairtrade-Prämien immer häufiger für klimafreundliche Maßnahmen verwenden. So wird z. B. Holz als Heizmaterial bei der Verarbeitung durch Kaffeehülsen ersetzt. Nur durch beständige Handelsbeziehungen können solche Maßnahmen garantiert werden.

Standards sichern
Alexandra Buley-Kandzi vom Naturkost-Pionier Lebensbaum: "Uns ist es wichtig, dass alle Produkte aus partnerschaftlichem Handel stammen. Deswegen legen wir Wert auf langfristige Partnerschaften und wachsende soziale Strukturen bei den Erzeugern. Deshalb haben wir ein Lieferantenbewertungssystem eingeführt, um einerseits die Produktqualität, andererseits aber auch ökologische und soziale Faktoren wie Bildung einbeziehen zu können." Ein Grundstein dieses Systems sind zum Beispiel die Standards der International Labour Organization (ILO). Nur wer sie und etliche andere Vorgaben erfüllt, kann Handelspartner von Lebensbaum werden und bleiben. Die ILO-Forderungen stellen ein Mindestmaß der internationalen Arbeiterrechte dar: Verbot von Zwangsarbeit, ein sicherer und gesunder Arbeitsplatz, Organisations- und Versammlungsfreiheit sowie eine faire Vergütung.

Dass "bio" den Fair Trade-Gedanken bereits in sich trägt, zeigt auch das Beispiel der Firma Rapunzel und ihrer Eigenmarke, das "Hand in Hand"-Siegel. Es findet sich auf allen Produkten, deren Rohstoffe mindestens zu fünfzig Prozent von "Hand in Hand"-Partnern stammen. Es steht für Bio-Qualiät, eine soziale Absicherung der Mitarbeiter, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Ablehnung von Kinderarbeit. Kontrolliert werden die Standards alle 2 Jahre durch externe Gutachter und durch Besuche von Rapunzel-Mitarbeitern vor Ort.

Über einen eigenen Fonds werden soziale und ökologische Projekte in den Erzeugerländern gefördert. So konnte zum Beispiel die Kaffee-Bauerngemeinschaft von Miguel Meélo in Gajo mit Förderungen von 15.000 Euro aus dem "Hand in Hand"-Fonds in den letzten Jahren u.a. eine Schule für Dutzende von Kindern im Ort bauen.



"Trade not aid"
Während Bio und Fair also von Anfang an zusammengehörten, spielten ökologische Standards zu Beginn des fairen Handels, in den späten Sechzigern, kaum eine Rolle. Die Öko-Bewegung steckte noch in den Kinderschuhen. Der Schwerpunkt lag vor allem bei der Verbesserung und Sicherung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Produzenten in der so genannten "Dritten Welt". Damals skandierten Studenten "Trade not Aid" und attackierten die Geschäftsmodelle internationaler Konzerne. Auch die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung legte ab 1968 den Schwerpunkt auf faire Handelsbeziehungen zur Verbesserung der sozialen Situation.

Existenzen sichern, Klima schützen
Angesichts zunehmender Umweltzerstörung und der sich abzeichnenden Klimakatastrophe wird immer deutlicher, dass ökologisches und soziales Handeln nur gemeinsam betrachtet werden können. Ökologischer Landbau, also Qualität statt Quantität, kann für den Produzenten nur dann attraktiv sein, wenn er davon leben kann. Ist dieser Kreislauf erst einmal in Gang gesetzt, profitieren alle. Die Erzeuger haben ein garantiertes Auskommen, die Biodiversität kann sich dank Ökolandbau von den Folgen der Monokultur erholen, der Boden wird nachhaltig – ohne Pestizide und mit geringem Energieaufwand – bewirtschaftet, das Klima wird geschützt.

Fairer Handel auch für deutsche Bauern Thema
Längst sind die Prinzipien des fairen Handels nicht mehr nur in Beziehungen zu so genannten Entwicklungsländern relevant. Im Juni dieses Jahres blockierten tausende europäische Bauern die Straßen von Brüssel um gegen die rapide fallenden Milchpreise zu protestieren. Auch hier setzt die Bio-Branche auf die Prinzipien und Werte des fairen und umweltschonenden Handels. Die Upländer Bauernmolkerei, die auf ihre Milch einen "Fairtrade"-Zuschlag von 5 Cent pro Flasche erhebt (s. a. S. 14) oder die Neumarkter Lammsbräu Brauerei mit ihrer Aktion "Fair zum Bauern", die die Getreidebauern der Region unterstützt, sind da nur zwei Beispiele. Aber werden die Kunden diese Bemühungen auch in einer länger währenden Krise honorieren?

Glauben an Win-Win
Stefan Bloch, der Naturata-Handelspartner in der Dominikanischen Republik, ist sich sicher: "Wir glauben fest an den Win-Win-Effekt. Wenn es unseren Kunden gut geht, wird es auch unseren Produzenten und letztlich uns selbst gut gehen."

Kennen denn die Bauern in der Karibik eigentlich die Produkte, die aus ihren Rohstoffen hergestellt werden? "Ja, die Bauern kennen die Naturata-Schokoladen und sind jeweils überrascht über die vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Am liebsten mögen sie Milchschokolade." Nicht nur geschmacklich zeigt sich: "Bio" und "Fairtrade" sind wirklich ein Traumpaar. /die

Aktueller Termin:
14.–27. September: Faire Woche 2009
"Perspektiven schaffen – Fair handeln!"
Die Faire Woche ist eine bundesweite Aktionswoche rund um das Thema Fairer Handel, die das Thema mit zahlreichen Veranstaltungen noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken will.
www.fairewoche.de

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Zum Weiterlesen:

fairtrade.net
Dachorganisation FLO für den weltweiten fairen Handel

transfair.org
Vergibt das internationale Fairtrade Siegel

fair-feels-good.de
Informationskampagne der Verbraucherzentralen zum fairen Handel.

heuschrecke.com (lieferantenportraits.html)
Die Naturkostfirma stellt Lieferanten aus aller Welt vor

lebensbaum.de (Nachhaltigkeit/faire Partnerschaften)
Die Naturkostfirma über die Partnerschaft mit den Erzeugern in Entwicklungsländern

naturata.de
Bio-Hersteller aus Schwaben

rapunzel.de (Hand in Hand)
Die Firma über ihre eigene Fairtrade-Philosophie


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"Wir leben nicht auf einer Insel"

Bio-Milchbauer Johannes Berger träumt von fairen Milchpreisen für alle

Johannes Berger sieht nicht so aus, wie sich ein Stadtmensch einen Milchbauern vorstellt. Statt Gummistiefeln trägt er robuste Lederschuhe, statt Latzhose eine beige Jeans. Um zehn Uhr morgens trifft man ihn nicht etwa im Stall zwischen Kuhmist und Stroh, sondern an seinem Schreibtisch in einem kleinen Zwei-Mann-Büro. Der Computerbildschirm flimmert während der Ventilator surrend für frische Luft sorgt. Immerhin: Die Aussicht aus dem Fenster stimmt. Johannes Berger blickt auf den Kuhstall.



Von Bio-Milch leben können
Südlich des Teutoburger Waldes liegt das Gut Wilhelmsdorf, das an den ökologischen Anbauverband Bioland angeschlossen ist. Berger hat das Gut 1995 zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Schumacher gepachtet. Die beiden Diplom-Agraringenieure stellten den Hof nach Bio-Richtlinien um. "Etwas anderes kam für uns nicht in Frage", sagt Berger, "aber viele waren skeptisch. Die meisten haben uns nicht mehr als zwei Jahre gegeben". Doch der Erfolg sollte Johannes Berger und seinem Partner Recht geben. Bereits drei Jahre nach der Übernahme des Betriebs bauten sie eine eigene Hofmolkerei auf, die heute täglich bis zu 4.000 Liter Milch pasteurisiert.

Und von der Bio-Milch lässt sich leben. Der mittelgroße Betrieb beschäftigt in der Landwirtschaft zwei Festangestellte, zwei Lehrlinge und je nach Erntezeit noch zwei Aushilfen. Dazu kommen 25 Angestellte in der Molkerei, dem eigenen Hofladen und dem Vertrieb. "Die meisten sind allerdings nur Teilzeit- oder 400 Euro-Kräfte", sagt Berger. Im Gegensatz zu konventionellen Milchbauern, die wegen der Milchpreis-Krise um ihre Existenz bangen, scheint hier die Welt noch in Ordnung. Von Entlassungen oder der Schließung des Betriebs ist keine Rede. Trotzdem ist die Milchpreis-Krise auch in Bielefeld angekommen. "Wir leben hier nicht auf einer Insel", sagt Berger, "je gerechter der konventionelle Milchpreis ist, desto besser ist auch der Marktpreis der Bio-Milch". Von fairen Preisen sei man auch im Bio-Milchsektor noch weit entfernt.

"Kuhkomfort" für 180 Schwarzbunte
Bei Milchbauer Berger stehen 180 schwarzbunte Kühe im Stall. Jede von ihnen hat ihren eigenen Platz. "Kuhkomfort" heißt das Stichwort. "Wer sich, wie wir, für einen Biobetrieb entscheidet, hat immer ein Auge auf die artgerechte Haltung", sagt Berger. Statt auf Gummimatten machen es sich die Kühe im Wilhelmsdorfer Stall auf Einstreu bequem. Zudem werden alle Tiere zu hundert Prozent biologisch gefüttert. "Das Futter stellen wir natürlich selbst her", sagt Berger und greift mit seinen kräftigen Händen in die Futterrinne der Kühe. Der sauer riechende, nasse Heuklumpen ist ein mit Stroh und Mais angereicherte Grassilage – ein Leckerbissen für die Kühe. Täglich wird die Herde auf eine neue Koppel getrieben. 326 Hektar fasst das Gelände und ist damit etwas so groß wie dreihundert Fußballfelder. "Pro Hektar Grünland halten wir eine Kuh, im konventionellen Anbau wären es zwei", erklärt Berger. Die Kühe sind jeden Tag draußen, auch im Winter, "denn bei Temperaturen bis zu minus zwanzig Grad fühlen sich Kühe draußen am Wohlsten".



Um fünf Uhr früh geht's los
Jeden Morgen klingelt um fünf Uhr der Wecker von Milchbauer Berger. Auf dem Bioland-Hof in Bielefeld ist bereits Melkzeit, deswegen muss der 50-Jährige sich beeilen. Er wohnt zusammen mit seiner Frau etwa sechs Kilometer entfernt auf dem elterlichen Hof. Das Melken in den Morgenstunden übernimmt sein Partner Ulrich Schumacher. Der 48-Jährige schafft sechzig bis siebzig Kühe in der Stunde. Ein Knochenjob. Berger selbst arbeitet in der Molkerei des Hofes und muss die Rohmilch rechtzeitig zur Verarbeitung bringen. Mit einem VW-Bulli zieht Berger den 3.000-Liter Milchtank über den Hof bis zur Molkerei und schließt ihn an einen Milchschlauch an. Schnell wirft er einen weißen Mantel über, setzt eine durchsichtige Plastikhaube auf und zieht saubere Schlappen an. Erst dann darf er die Molkereiräume betreten. In riesigen Stahlbehältern wird die Rohmilch auf 72 Grad erhitzt und danach zum Verkauf in Mehrweg-Flaschen, Kanister und Milchkannen abgefüllt.

Im Naturkost-Fachhandel die besten Milchpreise
Der sensible Umgang mit den Ressourcen und der "Kuhkomfort" haben ihren Preis. "Die Milchpreise sind nicht fair, weil sie nicht kostendeckend sind", erklärt Berger und nimmt eine braune, frisch gefüllte Milchflasche in die Hand. "Wir bekommen etwa 36 Cent für unsere Milch, konventionelle Bauern liegen im Schnitt 14 Cent darunter", sagt Berger, "und davon müssen wir alle Kosten decken". Einen deutlichen Preisunterschied zwischen Bio-Milch und konventioneller Milch habe es immer schon gegeben, aber noch nie auf diesem Niveau. "Die Milchpreise sind katastrophal", sagt Berger und prognostiziert eine dramatische Zunahme des Höfesterbens. Er ist froh, sich damals gegen alle Skeptiker für den ökologischen Landbau entschieden zu haben. Der Bio-Trinkmilch-Absatz hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. "Der Biosektor wächst zum Glück nach wie vor, wenn auch dieses Jahr erstmals nur noch einstellig". Der Milchpreis sei im Naturkostbereich zudem noch der beste.

Über fünfzig Prozent von Bergers Bio-Milch geht an die Molkerei Söbbeke. Der Rest wird von Krankenhäusern, Alten- und Behinderteneinrichtungen, sowie Privatkunden und Kindergärten der Region abgenommen. "Nahezu alle Kindertagesstätten in Bielefeld und dem Landkreis werden von unserer Hofmolkerei zweimal wöchentlich mit Frischmilch beliefert – insgesamt 260 Einrichtungen", freut sich Berger. Auf einen Zuwachs in diesem Bereich kann er allerdings nicht hoffen. Das Land Niedersachsen hat die Bio-Schulmilchbeihilfe gestrichen, die Landwirte mussten die Preise anheben. Auch bei den Großverbrauchern sieht er kaum neue Absatzmöglichkeiten. "Der Preiskampf wird mit harten Bandagen geführt, da können wir als handwerkliche Erzeuger kaum mithalten".

Auf Direktvermarktung setzen
Deswegen setzen Berger und Schumacher auf Direktvermarktung. In Minden liefern sie ihre Milch beispielsweise direkt an einen Einzelhändler aus. Im Laden kostet die Milch dann 1,19 Euro, im Gegensatz zu 99 Cent in vielen Discountern. "Die Kunden zahlen den Preis gern, weil sie wissen, dass sie ein gutes Produkt kaufen, das aus der Region kommt", sagt Berger. Auf viele große Lebensmittelketten ist Berger sauer. "Sie finden die Milchbauern – egal ob konventionell oder bio – verdienen viel zu viel. Aber das ist Blödsinn!" Fünf Cent mehr pro Liter Biomilch bekommen seit Oktober 2006 die Biomilchbauern der Upländer Bauernmolkerei. Das Geld kommt direkt von den Verbrauchern und geht zu hundert Prozent an die Biobauern. "Eine gute Idee", findet Berger, "die zeigt, dass die Verbraucher bereit sind, für eine qualitativ hochwertige Milch mehr zu bezahlen".

Traum erfüllt – Verantwortung übernommen
Berger hat einen zwölf Stunden Tag, genauso wie sein Partner Schumacher. Auch an den Wochenenden müssen sie arbeiten, "schließlich müssen die Tiere jeden Tag gefüttert und gemolken werden". Trotzdem bereuen sie nicht, den Hof vor vierzehn Jahren übernommen zu haben. "Wir haben uns damit einen Traum verwirklicht", sagt Berger. Und sie haben viel erreicht. Neben der Molkerei gibt es auf dem Hof mittlerweile eine Biogasanlage und einen Hofladen. So ist aus dem ursprünglichen zwei Familien-Betrieb heute ein kleines Unternehmen geworden. Der Ökolandbau hat sich auch hier als ein Arbeitsplatzmotor entpuppt. "Wir tragen viel Verantwortung, gerade weil wir kein reiner Familienbetrieb sind", sagt Berger und faltet die Hände kräftig zusammen, "wenn wir unsere Angestellten plötzlich nicht mehr bezahlen könnten, wäre das eine Katastrophe!"

Berger kennt das Gut Wilhelmsdorf noch aus seiner Zeit als Zivildienstleistender. "Damals war Wilhelmsdorf noch eine &Mac226;ÄöArbeiterkolonie&Mac226;Äò", erinnert er sich. Bereits seit 1882 bewirtschaftete eine gemeinnützige kirchliche Stiftung das Gelände als landwirtschaftlichen Betrieb. Die Arbeiter waren zumeist arbeits- und wohnungslose Männer, die damals überall im Land herumirrten. Das Gut Wilhelmsdorf bot "Arbeit in Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen", so steht es in den alten Unterlagen. Erst in den achtziger Jahren entfiel langsam der Auftrag, obdachlose Männer zu beherbergen und zu beschäftigen. Der Betrieb entwickelte sich zu einer reinen Landwirtschaft mit Milcherzeugung, Saatgutvermehrung und Kartoffelbau.

Mit der Landwirtschaft groß geworden
Für Johannes Berger war es der perfekte Ort für seinen Traum von einem Biohof. Seine Eltern hatten etwa sechs Kilometer vom Gut entfernt einen kleinen Betrieb als Nebenerwerb. "Ich bin also mit der Landwirtschaft aufgewachsen und kannte das Gelände". Der Ackerbau, die Hofmolkerei und die Betriebswirtschaft sind seine Steckenpferde. "Leider verbringe ich etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit am Schreibtisch", sagt Berger, "der Organisationsaufwand ist gewaltig".
Für Hobbys bleibt dem gebürtigen Ostwestfalen kaum Zeit. "Aber einmal die Woche geh ich zusammen mit den anderen Bauern aus der Region schwimmen", sagt Berger.



Erfahrung mit Jungvieh und Azubis
Sein Partner Ulrich Schumacher, den alle nur "Uli" rufen, verbringt mehr Zeit draußen. Auch heute will er vor der Mittagspause noch mal kurz auf der Weide nach dem Rechten sehen. Die Kühe sind ihm über die Jahre ans Herz gewachsen. Der dreifache Vater stapft mit schweren Schritten über die Wiese zu der Herde, die sich vor der Hitze unter den Schatten spendenden Bäumen zusammenfindet. "Wir haben hier richtige Kuschelkühe", sagt er und streichelt einer Kuh kräftig über den Kopf. Das bullige Tier, das dem Milchbauern fast bis zu den Schultern reicht, streckt den Kopf nach vorne und hält ganz still.

Auf dem Weg zurück in den Stall, kommt Schumacher an den Gehegen der Jungtiere vorbei. Dort trifft er Tobias Pankoke. Der 26- jährige Landwirt ist seit zehn Jahren auf dem Hof fest angestellt und kümmert sich nicht nur um das Rindvieh, sondern auch um die Auszubildenden. Heute kämpft er mit einem Kalb, das zur Kälbermast auf einen anderen Hof verkauft wird. Das zappelige Jungvieh lässt sich nur widerwillig von Pankokes kräftigen Armen packen. Doch der Erfahrung des Landwirts kann kein Kalb entkommen und so landet es polternd auf dem Anhänger. "Geschafft", sagt Pankoke, lächelt verschmitzt und reibt sich seine schmutzigen Hände an der ausgewaschenen Jeans ab. Trotz des Altersunterschieds zu Schumacher duzen sich die Beiden. "Uli, auf geht&Mac226;Äôs!", ruft er seinem Chef zu. Gemeinsam stapfen sie in den Stall und öffnen die Gitter von einer Handvoll Kühen. "Heute morgen war der Tierarzt hier, deswegen sind sie noch nicht auf der Weide", sagt Schumacher fast schon entschuldigend. Dass es den Kühen gut geht, steht für ihn an erster Stelle.

Hier soll es jedem gut gehen
"Wir wollen die Schöpfung bewahren", sagt Berger später in seinem Büro. Das klänge zwar abgedroschen, aber so sei es eben. Auf dem Gut Wilhelmsdorf soll es jedem gut gehen: Der Natur, den Tieren und nicht zuletzt auch den Menschen. "Deswegen werden wir weiterhin für einen fairen Milchpreis kämpfen", sagt Berger, "damit wir das alles hier bewahren können!"


Zum Weiterlesen:

gut-wilhelmsdorf.de
Umfangreicher Beitrag zur Geschichte der "Arbeiterkolonie" Wilhelmsdorf, alles über Menschen, Tiere und Landwirtschaft heute. Hofführungen möglich!

bioland.de/erzeuger/aktuelles/bio-milch.html
Informationen zu Bio-Milchpreisen, Meldungen und Diskussionen.

bauernmolkerei.de
Die Seiten der Upländer Bauernmolkerei, inklusive Infos zum "Muhseum"
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