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Bio statt Gentech Die meisten Menschen in Deutschland wollen Lebensmittel, die ohne Gentechnik hergestellt wurden. Bei Bio-Produkten können Sie sich sicher sein. Mehr noch: Bio-Landwirte, Bio-Hersteller und -Händler wollen mit ihrem Engagement dafür sorgen, dass das auch so bleibt. ![]() Auf den ersten Blick sehen diese Lebensmittel aus wie viele andere: eine Würzsauce, ein bunter Knusperriegel, ein Fertiggericht nach asiatischem Rezept. Doch Sauce und Fertiggericht wurden auf Basis von gentechnisch verändertem Soja hergestellt, der Riegel enthält ebensolchen Mais. Unter dem treffenden Namen "Genalarm" hat Greenpeace Fotos und Informationen über solche Produkte auf seine Webseite gestellt. Die Umweltschutzorganisation warnt davor, diese Lebensmittel zu essen. Es sei nicht auszuschließen, dass sie die Gesundheit beeinträchtigen. Bio-Produkte sind frei von Gentechnik Die gute Nachricht: Bio-Lebensmittel enthalten keine gentechnisch veränderten Bestandteile, die Anwendung von Agro-Gentechnik in Bio-Lebensmitteln ist laut EU-Bioverordnung verboten. Aber es geht um mehr: In der Bio-Branche gründet der Widerstand gegen die grüne Gentechnik in Überzeugungen und einem grundsätzlich anderen Umgang mit der Natur. "Es sollten nicht die Organismen der Wirtschaftsweise, sondern die Wirtschaftsweise der Natur angepasst werden. Eine gentechnikfreie Landwirtschaft ist daher Kernziel der biologischen und biologisch-dynamischen Landwirtschaft", sagt Reneè Herrnkind, Sprecherin des Anbauverbandes Demeter. "Wir arbeiten mit der Natur in geschlossenen Nährstoffkreisläufen. Durch die Förderung der Bodenfruchtbarkeit steigern wir die natürliche Widerstandskraft des Bodens, der Pflanzen und Tiere. Wir wollen wertvolle Lebensmittel erzeugen und betreiben dabei aktiven Umwelt- und Artenschutz. Die Gentechnik mit ihren unkontrollierbaren Risiken ist für uns tabu," so Gerald Wehde, Sprecher des größten deutschen ökologischen Anbauverbands Bioland. Bio-Bauern und -Hersteller kämpfen dabei an mehreren Fronten: In ihrer täglichen Arbeit und durch ihre intensive Qualitätsarbeit vom Saatgut bis zur Endkontrolle sorgen sie dafür, dass Verbraucher im Bio-Handel zuverlässig gentech-freie Produkte finden. Darüber hinaus engagieren sich viele von ihnen politisch, in Verbänden oder in Lobby-Arbeit. Die Naturkost-Firma Rapunzel rief zum Beispiel die Initiative "Genfrei gehen" ins Leben und sammelte 60.000 Unterschriften gegen Gentechnik, die im Europäischen Parlament überreicht wurden. ![]() Gentechnik von der Analyse zur Veränderung der Welt Die Gentechnik beschäftigt sich damit, wie Gene isoliert und analysiert werden können. Gen-Analysen werden genutzt, wenn Serientäter gesucht werden oder Vaterschaften strittig sind. Im weiteren Schritt geht es den Gen-Forschern darum, wie Gene verändert und wieder in den Organismus eingebaut werden können. Dadurch wird die Erbinformation verändert auch über die Grenzen von Arten hinaus, Lebewesen erhalten neue Eigenschaften. In der so genannten grünen Gentechnik wird dieses Verfahren bereits seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts genutzt. Nach Ansicht ihrer Befürworter ist das sehr nützlich: Grüne Gentechnik erziele schnellere Resultate als konventionelle Züchtungen, argumentieren sie. Mittels der Gentechnik könnten Pflanzen widerstandsfähiger gegen Schädlinge, Trockenheit und andere Einflüsse der der Natur gemacht werden, mit nützlichen Stoffen wie z. B. Omega-3-Fettsäuren angereichert werden, oder gar so verändert werden, dass aus ihnen Industrierohstoffe wie Enzyme und Schmieröle gewonnen werden. Nicht nachgewiesener Nutzen Die Agrobiotechnologin Inge Broer, Professorin für Agrobiotechnologie an der Uni Rostock, berichtet von Gen-Kartoffeln, aus denen biologisch abbaubare Polymere gewonnen werden könnten, um Erdölprodukte zu ersetzen. So könne der CO2-Ausstoß in die Atmosphäre gesenkt werden. "In allen bisherigen Versuchen haben sich die gentechnisch veränderten Kartoffeln als ebenso sicher wie alle anderen Kartoffeln erwiesen", meint Broer. "Vorteilhaft ist, dass wir nicht ganze Genome mischen, sondern einzelne Gene gezielt übertragen. Dadurch müssen Gene, die wir nicht in der Pflanze haben wollen, nicht mühsam wieder herausgekreuzt werden." Auf diese Weise könnten gleich mehrere Resistenzmechanismen etwa gegen Pilze übertragen werden. Broer will nicht in die Ecke der einseitigen Befürworter gestellt werden. Sie betont, dass Gentechnik für sie "kein Allheilmittel" sei. Ihre Forschungen seien "ergebnisoffen". Auch der Deutsche Bauernverband fordert, dass Gentechnik-Forschung in der Landwirtschaft nicht beschränkt werden dürfe. Eine Gesellschaft, die Forschung einschränke, sei nicht innovationsfähig, meint Sprecher Michael Lohse und unterstützt Broer: "Grüne Gentechnik ähnelt dem, was die Natur ohnehin macht. Gene durch Züchtungen zu verändern, dauert länger." Greenpeace und andere Kritiker halten dagegen: Die Forscher könnten gar nicht genau steuern, wo das Gen in die Pflanze eingebaut werde. Auch die Wechselwirkungen mit anderen Genen und Proteinen könnten sie nicht gezielt vorherbestimmen. Und obwohl die Gentech-Befürworter auf eine massive Steigerung der Erträge pro Hektar hofften: "Bislang erzielt keine einzige Pflanze irgendwo auf der Welt aufgrund ihrer gentechnischen Veränderungen einen höheren Ertrag", so Alexander Hissting von Greenpeace. Auch der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) publizierte eine Studie, laut der die Kosten der Gentechnik höher seien als ihr Nutzen. Nur sechs Prozent wollen Gentechnik im Essen Und die Verbraucher? Laut einer Emnid-Umfrage vom August 2009, die das Bündnis "Vielfalt ernährt die Welt" in Auftrag gab, sind nur sechs Prozent der Menschen in der Bundesrepublik "eher für" gentechnisch veränderte Lebensmittel. 65 Prozent sind "eher dagegen", 28 Prozent "unentschieden". Unter den Gegnern der Gentechnik finden sich verhältnismäßig viele Frauen, unter den Befürwortern viele Anhänger der FDP und der LINKEN. Insgesamt meinten nur 14 Prozent der Befragten, dass für die weitere Forschung und Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft Steuergelder verwendet werden sollten. Anbau von Gen-Mais in Deutschland vorläufig gestoppt "MON 810" ist eine Gen-Maissorte des US-Konzerns Monsanto. In den Mais ist ein Gen gegen den Schädling Maiszünsler eingebaut, einen Schmetterling. Seit 1998 ist "MON 810" in der EU zum kommerziellen Anbau zugelassen. Doch zum Ärger von Monsanto und anderen Gentechnik-Befürwortern verbot Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner im Frühling 2009 den kommerziellen Anbau von Gen-Mais in Deutschland, wohl nicht zuletzt als Reaktion auf den Druck aus der Bevölkerung. "MON 810" sollte 2009 auf knapp 3.600 Hektar angepflanzt werden. Dennoch steht im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung, dass sie sich für den Anbau der genetisch veränderten "Amflora"-Kartoffeln des Chemiekonzerns BASF stark machen will. Hinsichtlich von "MON 810" wird das Gerichtsurteil abgewartet. Ohnehin ist der Anbau von Gen-Pflanzen zu Forschungszwecken von Aigners Stopp nicht berührt. Daher darf "Amflora" weiterhin in Mecklenburg-Vorpommern wachsen. Gen-Food für den Futtertrog Laut Greenpeace sind die USA und Argentinien die wichtigsten Produzenten von Gen-Lebensmitteln Argentinien mit Soja und Mais, die USA mit Soja, Mais, Baumwolle, Raps und Zuckerrüben. Europa importiert pro Jahr 40 Millionen Tonnen Soja, von denen etwa 80 Prozent gentechnisch verändert sind. Vor allem landet die Pflanze als Schrot in den Trögen von konventionell gehaltenen Tieren. Gen-Produkte findet der deutsche Kunde eher selten, z. B. in Spezialitätenläden mit Direktimporten aus den USA und Asien. Kaum ein Argentinier isst oder verfüttert Soja. Statt Menschen zu ernähren, wird die Pflanze dort fast nur für den Export angepflanzt vor allem die genetisch veränderten "Roundup Ready"-Sojabohnen von Monsanto. Laut Greenpeace führte der umfangreiche Anbau u. a. dazu, dass immer mehr Unkräuter gegen Pflanzenschutzmittel resistent geworden sind und mehr Schädlinge auftreten. Daher würden mehr Herbizide und Pestizide eingesetzt zum Schaden von Mensch, Flora und Fauna. Peter Röhrig vom BÖLW kritisiert darüber hinaus: "Einige wenige Unternehmen wie Monsanto und Bayer versuchen, patentiertes Saatgut in den Markt zu drücken, um mehr Kontrolle über die Landwirte zu haben." In Amerika hätten sie dafür gute Voraussetzungen. Doch inzwischen machten sich auch dort mehr kritische Stimmen bemerkbar. ![]() Kennzeichnungspflicht reicht nicht aus In der EU müssen gentechnisch veränderte Lebensmittel einen Hinweis auf der Verpackung haben. Ausnahme: Der gentechnisch veränderte Anteil liegt unter 0,9 Prozent. Nicht gekennzeichnet werden muss das Produkt außerdem, wenn die Nutztiere mit Gen-Futter ernährt wurden. Wer im konventionellen Handel kauft, weiß also meist nicht, ob die Kühe, deren Milch er trinkt, Gen-Soja gefressen haben. Greenpeace, der BÖLW und viele andere fordern, dass das geändert wird. Gelänge das, müssten die Unternehmen ihre Kunden darauf hinweisen, dass die Nutztiere Gen-Futter erhalten haben. Zwar führte Ministerin Aigner 2009 ein Siegel "Ohne Gentechnik" ein, mit dem auch konventionelle Hersteller, die gentechnikfrei arbeiten, ihre Produkte kennzeichnen könnten, es konnte sich aber bis jetzt nicht durchsetzen. Alexander Hissting von Greenpeace weiß, dass einige konventionelle Unternehmen das Siegel künftig gern verwenden möchten. Dass es nicht schneller ginge, würde u. a. an den Herstellern von Aromen und anderen Zusatzstoffen liegen. Diese würden sich nicht gern in die Karten schauen lassen. "Manche konventionelle Unternehmen fürchten außerdem die Diskussion, die das Siegel ‚Ohne Gentechnik‘ provozieren könnte", sagt Peter Röhrig vom BÖLW. In der Tat könnte sich der Kunde im konventionellen Supermarkt fragen: Wenn diese Milch ohne Gentechnik produziert wurde was ist dann mit anderen Produkten desselben Herstellers ohne Siegel? Gentechnische Verschmutzung: Keiner haftet Greenpeace, Bio-Hersteller und viele grüne Lobbyisten fordern auch, dass die Erzeuger gentechnisch veränderter Lebensmittel dafür haften müssen, wenn Spuren ihrer Produkte die Äcker, Maschinen und Transportwege anderer Hersteller verunreinigen. Bislang müssen diese die Kosten selbst tragen, wenn ihnen durch Gen-Einfluss die Ernte versaut wird. Darüber ärgern sich übrigens auch viele konventionelle Erzeuger. Erträge sichern mit Bio-Landbau, Artenvielfalt und stabilen Ökosystemen Vor dem Hintergrund all dieser Fakten und Entwicklungen fordern Umweltaktivisten, dass das Geld, das in die Entwicklung der grünen Gentechnik fließe, besser in die Erhaltung der Artenvielfalt und der Ökosysteme gesteckt werden solle. Denn die Natur hat an sich genug Ressourcen, um mit Dürre, Temperaturschwankungen, Schädlingen und anderem mehr fertig zu werden. Ganz ohne das Zutun des Menschen haben sich Arten entwickelt, die harte Winter überleben, Überschwemmungen trotzen und sich gegen Parasiten wehren können. Nur leider schädigen Industrie, Tourismus, die industrielle Landwirtschaft und nun eben auch noch die grüne Gentechnik das faszinierende Ökosystem unseres Planeten. Peter Röhrig vom BÖLW zieht das Fazit: "Die Bundesregierung sollte den Weltagrarbericht ernst nehmen. Darin steht, dass die Ernährung der Weltbevölkerung vor allem mit ökologischen und regional angepassten Technologien zu sichern ist."
Download der aktuellen Ausgabe Bioboom Nr. 46 (ca. 2,4 MB)
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