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Besser Bio

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Impressum
 
 
Titelgeschichte Ausgabe Nr. 45
Besser mit Bio ...

"Bio und konventionelle Produkte sind gleichwertig", so eine Studie der britischen Behörde FSA im Sommer. Zu ganz anderen Schlüssen kommt das europäische Großforschungsprojekt QLIF, dessen Ergebnisse nach fünfjähriger Arbeit fast zeitgleich veröffentlicht wurden und die unter anderem zeigen, dass viele Bio-Nahrungspflanzen sehr wohl höhere Gehalte wichtiger Nährstoffe aufweisen. Bioboom hat sich beide Studien für Sie angeschaut. Außerdem haben wir Menschen gefragt, die keine Wissenschaftler sind, aber unumstritten kompetent, wenn es um Ernährung und Genuss geht: Drei Profi-Köche erzählen, warum sie mit Bio kochen und was für sie ein gutes Lebensmittel ausmacht.



Bio oder nicht Bio: Egal?
Ende Juli sorgte eine Veröffentlichung der britischen Food Standard Agency (FSA) für Aufsehen in Medien und Öffentlichkeit: Zwischen konventionellen Lebensmitteln und solchen aus Bio-Anbau bestünde kein nennenswerter Unterschied, Bio-Produkte seien keineswegs nährstoffreicher. Im Auftrag der FSA hatte das Londoner Institut für Hygiene und Tropenmedizin wissenschaftliche Veröffentlichungen aus dem Zeitraum von 1958 bis 2008 ausgewertet, die den Gehalt von Nährstoffen und weiteren Stoffen in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln aus ökologischem und konventionellem Anbau verglichen.
Fazit: Der Nährstoffgehalt sei größtenteils vergleichbar, selbst da, wo Bio-Produkte nährstoffreicher seien, gäbe es keine Hinweise darauf, dass das einem sich normal ernährenden Verbraucher Vorteile brächte.

Pestizide "keinerlei Risiko"?
Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Die Frage, wie es denn mit der Belastung durch Pestizide, Herbizide und Fungizide im Vergleich zwischen Bio und konventionell aussähe, hatten die Briten nämlich bewusst ausgeschlossen. In einem offenen Brief, der auf die Veröffentlichung folgte, rechtfertigt sich Chief Executive Tim J. Smith für dieses Vorgehen: Pestizide und ihre Rückstände würden so sorgfältig überwacht, dass ihr Einsatz keinerlei Risiko für die Gesundheit berge. Professor Hartmut Vogtmann, Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), widerspricht vehement: "Dabei sind die negativen chronischen Auswirkungen bereits geringer Konzentrationen dieser Schadstoffe für Kleinkinder längst bekannt." Pestizid-Rückstände, die die gesetzlichen Grenzwerte teilweise sogar überschritten, fand Greenpeace erst im Oktober in Gewürzen und getrockneten Kräutern, weshalb Greenpeace Chemie Experte Manfred Santen in diesem Zusammenhang rät: "Greifen Sie lieber zu Bio-Produkten." Der Bericht zur Lebensmittelsicherheit des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) 2008 kommt zu dem Schluss: 96% aller untersuchten Proben von Bio-Produkten seien komplett rückstandsfrei gewesen, Mehrfachbelastungen seien überhaupt nicht vorgekommen.



Studien bewusst ausgeschlossen
Aber auch innerhalb des selbst gesteckten Rahmens der Untersuchung der FSA bestehen Zweifel an der Aussagekraft der Ergebnisse. Helmut Röscheisen, Generalsekretär des DNR, kritisiert, dass gezielt Studien ausgeschlossen worden seien, die einen höheren Gehalt von bioaktiven Stoffen bei Bio-Obst belegten. Selbst die FSA erwähnt in ihrem Fazit, dass es aufgrund dünner Datenlage Bedarf für weitere Forschung gäbe. Eigentlich erstaunlich: Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Ergebnisse des europäischen Großforschungsprojekts QLIF ("Improving quality and safety and reduction of costs in the European organic and low input supply chains") in Forschungskreisen bereits zugänglich.

Großforschungsprojekt zum Ökolandbau beantwortet viele Fragen
Mit einer Laufzeit von fünf Jahren, einem Budget von 18 Millionen Euro (davon 12,4 Millionen von der EU-Kommission zur Verfügung gestellt) und 35 wissenschaftlichen Institutionen und Industriepartnern, die sich beteiligten, ist QLIF ein Ökoforschungsprojekt der Superlative, wie Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FIBL und einer der beiden Koordinatoren des Projekts, stolz feststellt. QLIF widmete sich systematisch grundlegenden Fragen und aktuellen Problemen des Öko-Landbaus, unter anderem: Wie kann die Qualität von Bio-Produkten verbessert werden? Wie wird die Lebensmittelsicherheit garantiert? Was gibt es bei der Verarbeitung zu beachten? Wie können die Kosten der Erzeugung gesenkt werden und Bio-Produkte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?

Mehr Vitamine, Antioxidanzien, Omega-3 Fettsäuren in Bio-Lebensmitteln
Ein wesentliche Fragestellung war auch bei QLIF, ob pflanzliche und tierische Lebensmittel aus ökologischem Landbau ernährungsphysiologisch besser sind. Bei der Beantwortung der Frage verließ man sich allerdings nicht auf die Auswertung älterer Studien, sondern die Projektpartner führten selber Versuche mit Kohl, Salat, Tomaten, Kartoffeln und Getreide durch. Ihr Fazit ist eindeutig: Die ökologische Bewirtschaftung erhöhte bei zahlreichen pflanzlichen Erzeugnissen die Gehalte an gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen wie Antioxidanzien, Vitaminen und weiteren bioaktiven Stoffen. Ursache dafür, stellten die Forscher fest, sei die organische Düngung, deren Wirkung bisher unterschätzt worden sei. Auch für Bio-Milch kommen die Forscher des QLIF-Projekts zu klaren Aussagen. Untersuchungen von Milchproben in England, Schweden, Dänemark und Italien zeigten höhere Gehalte von Vitaminen und Antioxidanzien, sowie an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, z.B. Omega-3. Entscheidend für die Qualitätsunterschiede war die Fütterung: Wichtig war, dass die Tiere viel im Freien weiden konnten.



Klare Argumente für Bio
"Insgesamt besteht nun wissenschaftliche Klarheit, dass sich Öko-Produkte bezüglich wertgebender Bestandteile deutlich von konventionellen unterscheiden", fasst Urs Niggli zusammen. Die Ergebnisse der "ökologischen Exzellenz-Initiative" sollen in den kommenden Jahren Anbauern, Verarbeitern und Verbrauchern unmittelbar zugute kommen.

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Zum Weiterlesen:

Hier finden Sie die umstrittene Veröffentlichung der FSA im Originaltext (englisch)
www.food.gov.uk/news/newsarchive/2009/jul/organic

qlif.org
Die (englischsprachige) Website des von der europäischen Union geförderten Forschungsprojekts QLIF, Ergebnisse, Hintergrundinformationen und weiterführende Links.

fibl.org
Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau bietet eine ausführliche deutsche Information zum QLIF-Projekt: www.fibl.org/de/schweiz/themen/qlif.html

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... was Spitzen-Köche sagen

Dietmar Hagen: "Essen ist ein Kulturgut."

Mit seinem Konzept der "Mehrwert-Ernähung" dürfte er viele Tausende von Berufstätigen täglich glücklich machen, die leckeres Essen und angenehme Mittagspausen in den unter seiner Regie geführten Kantinen verbringen.

Aktuelle Studien zum Thema Bio – na klar, die nimmt er zur Kenntnis. Aber wichtiger ist Dietmar Hagen, dass es allen schmeckt, die in "seinen" Kantinen essen.



Der aus Österreich stammende Koch arbeitete in Gourmetrestaurants in Wien und New York ebenso wie in einem anthroposophischen Gesundheitszentrum bevor er sich des Themas Betriebsverpflegung annahm – zum Beispiel beim hannoverschen Kekshersteller Bahlsen, dessen Kantine unter seiner Regie zu einem über die Grenzen Hannovers bekannten Aushängeschild für frisches, vollwertiges Essen wurde.Gemeinsam mit Koch-Kollege Stefan Meyer begründete er die Agentur "Essenszeit", die für große Unternehmen Konzeption und Realisation einer guten Verpflegung für die Mitarbeiter übernimmt. "Bei Studien muss man schauen, wer sie bezahlt. Aber wenn Demeter Untersuchungen hat, die die Vitalkraft eines Lebensmittels sichtbar machen, dann finde ich das sehr spannend." In der Bahlsen Kantine stammen geschätzte 80% aller Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbau.

Der aktive Profikoch steht aus Überzeugung hinter Bio: "Wir entscheiden ganz viel über die Sensorik. Wir legen wirklich Lebensmittel nebeneinander und probieren, was ist aromatischer. Wir nehmen das, was schmeckt – und da hat Bio einfach die Nase vorn." Für Dietmar Hagen und sein Team ist Essen ein Kulturgut und Ernährung ist Beziehung – deshalb liegt ihnen daran, das Kochhandwerk wieder in den Mittelpunkt zu stellen. "Biologische, ganzheitlich hergestellte Lebensmittel haben nicht nur im Verzehr einen Mehrwert, sondern auch im Umgang. Das Küchenpersonal kann ¬†sich nach der Umstellung viel stärker mit dem Essen, das es zubereitet, identifizieren und diese Identifikation strahlt aus." Currywurst und Friteuse ade – akzeptieren das die Gäste? "Die Leute kommen nicht, weil es Bio ist, sondern weil es ihnen schmeckt", erwidert Hagen gelassen. "Wir wollen nicht missionieren, aber wir haben klare Werte." Erfolgreich engagiert sich die "Essenszeit" auch in einer Waldorfschule, wo das Team mit Kindern, Lehrern und Eltern gemeinsam kocht und Essen von Anfang an den Stellenwert gibt, der ihm zukommt.


Sarah Wiener: "Bio aus ethischen Gründen."

Die Fernsehköchin und überzeugte Bio-Botschafterin betreibt Restaurants in Hamburg und Berlin. Mit ihrem neuen Kochbuch kehrt sie zu ihren kulinarischen Wurzeln zurück: Ihre kulinarische Karriere begann damit, dass sie im Restaurant ihres Vaters Kuchen buk.



"Dass ein frisch gepflückter Apfel aus dem Bio-Garten nebenan mehr Vitamine, mehr Energie und mehr Geschmack hat als einer, der per Kühlschiff aus Neuseeland angekarrt wurde, dafür brauche ich keine wissenschaftliche Großstudie. Das sagt mir der gesunde Menschenverstand", sagt Fernseh-Köchin Sarah Wiener, um gleich fortzufahren, es gäbe jawohl doch genügend wissenschaftlich belegte Anhaltspunkte... ja, natürlich lese sie die Studien, das gehöre schließllich zu ihrem Beruf. Letzlich hätte die Bio-Branche aber zu wenig Geld für eigenständige Forschung und die Lebensmittelindustrie verständlicherweise kein Interesse z. B. an Langzeitstudien zu Zusatzstoffen oder gentechnisch veränderten Lebensmitteln.

Die resolute Self-Made Frau ist erklärte Verfechterin von Bio-Produkten. "Bio-Lebensmittel sind die sichersten, am besten kontrollierten Lebensmittel, die es gibt." Leider, so stellt sie fest, spiele der höhere Preis von Bio-Produkten in der Gastronomie immer noch eine große Rolle. "Dabei sind Bio-Produkte gar nicht teurer! Rechnen Sie mal die Allgemeinkosten der konventionellen Landwirtschaft mit, belastete Böden, verseuchtes Wasser, die stillschweigend der Allgemeinheit aufgebürdet werden!" Schmeckt Bio generell besser? Überraschende Antwort: "Wissen Sie, den Geschmack kann man manipulieren. Wenn Sie mit Weißmehl und Fastfood aufgewachsen sind, dann schmecken Ihnen Vollkorn und frisches Gemüse nicht. Für mich ist entscheidend, dass Bio-Anbau unsere Lebensgrundlagen nicht zerstört, das ist eine Frage der ethischen Verantwortung für zukünftige Generationen."

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