Home Magazin Produkte Themen Rezepte Wissen Medidaten
Bioboom || Themen
 
Frisch auf den Müll

Kornkraft statt KernkraftBio ist ZukunftBio   eine GeldfrageBio made in GermanyMehr Schutz für die MeereBesser statt GentechBesser mit BioDie Malerin Annette Wesselbio und fairsoja_in_aller_mundegelebte WerteGreen GlamourVielfalt statt EinfaltGetrŠnkeHauptsache, es schmecktDie Klima DiŠtwas hei§t hier biowasservisionenJobmotor BioUpdate Gentechnik?Kulturtechnik kochen am Ende?Macht und OhnmachtSauber - Umweltpolitik


Impressum
 
 
Titelgeschichte Ausgabe Nr. 52

Frisch auf den Müll

Keiner gibt es gerne zu, aber wir alle haben es schon getan: Lebensmittel wegschmeißen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen? Der Apfel hat eine faule Stelle? Der Kaffee schmeckt fad? Ab in die Tonne.

In Deutschland landen etwa 21 Prozent der von Privathaushalten gekauften Lebensmittel im Müll. Jeder Bundesbürger wirft im Durchschnitt jährlich etwa 80 Kilogramm Lebensmittel weg, ergab eine von der Firma Cofresco Frischhalteprodukte in Auftrag gegebene Studie von 2011. Auf globaler Ebene geht die britische Royal Society sogar davon aus, dass etwa die Hälfte der zur Verfügung stehenden Nahrung nie den Magen eines Menschen erreicht.

Dies ist besonders brisant mit Blick auf eine andere Zahl: Im Jahre 2050 werden mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Welternährungsorganisation FAO prognostiziert, dass rund 70 Prozent mehr Lebensmittel produziert werden müssen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Die Agrarlobby redet davon, die Produktion auszuweiten“, kritisiert Matthias Meißner, Agrarexperte beim WWF Deutschland. „Das bedeutet: mehr Pestizide, mehr Gentechnik, mehr gerodeten Wald für neue Äcker. Dabei wäre es sinnvoller, weniger Lebensmittel zu verschwenden.“

Schönheitswahn bei Lebensmitteln: Der Karotten-Scanner
Das Problem der Verschwendung beginnt, bevor die Ware überhaupt in die Regale kommt. Der Filmemacher Valentin Thurn hat dies in seinem Film „Frisch auf den Müll“ angeprangert: „Der Handel zwingt die Landwirte, Teile der Ernte wegzuwerfen, wenn die Optik von Obst und Gemüse nicht den Vorgaben entspricht. Egal, ob Bio oder konventioneller Anbau, es bestehen zu hohe kosmetische Anforderungen“, sagt er. In seiner Kritik stimmt er überein mit dem britischen Umweltaktivisten Tristram Stuart. Dieser besuchte eine Farm, die die britische Supermarkt-Kette ASDA beliefert. Dort laufen alle Karotten über ein Band. Photografische Sensoren vergleichen die Karotten mit einer Farbtabelle. Jedes Exemplar, das dem vorprogrammierten Ideal einer Mohrrübe nicht entspricht, landet umgehend im Müll. ASDA erwartet ferner von den Bauern, dass die Karotten gerade sein müssen „so dass man die Karotte mit einem Messerzug von oben bis unten schälen kann“.



An diesen Kriterien scheitert ein Drittel des Gemüses. Supermärkte reden nicht gern über das Thema, wie viel sie täglich wegwerfen. Auch der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW e.V.) hat keine gemeinsame Mitglieder-Position, sagt Pressesprecherin Joyce Moewius. Aber nach ihren Erfahrungen gehen Bio-Handel und -Kunden mit optisch nicht makellosen Produkten und teilweise ausverkauften Sortimenten gelassener um. „Sie wissen, dass die Qualität und der Geschmack der Produkte nicht nur von Farbe und Form abhängen. Das Kaufverhalten von Bio-Kunden ist daran angepasst. Sie gehen öfters geringere Mengen einkaufen und wissen, weshalb nicht immer alles im Regal liegen kann.“

Auch ist davon auszugehen, dass Bio-Kunden im allgemeinen besser informiert sind als der durchschnittliche Kunde. Viele wissen, dass zum Beispiel eine Schorfstelle auf einem Apfel nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern auch ein Zeichen dafür ist, dass auf der Plantage keine Pestizide verwendet wurden.

Vom Regal in die Tonne
Ein weiteres Problem liegt darin, dass Supermärkte täglich tonnenweise unverkaufte Lebensmittel entsorgen. Auf den ersten Blick scheint es ein Rätsel zu sein, warum Geschäfte mehr Waren bestellen, als sie verkaufen können. „Supermärkte glauben, sie müssten sicherstellen, dass die Lieblingsprodukte ihrer Kunden jederzeit vorrätig sind. Geschäftsführer fürchten, dass Kunden angesichts leerer Regale auf dem Absatz kehrtmachen und einen anderen Laden aufsuchen“, glaubt der britische Aktivist Tristram Stuart.



Hier beginnt die Verantwortung des Verbrauchers: Es ist an ihm, auch mal eine andere Sorte zu kaufen, wenn das Lieblingsbrot um kurz vor 18 Uhr  ausverkauft ist. Nur die Kunden können durch ihr Kaufverhalten Geschäfte davon überzeugen, dass sie lieber spärlich gefüllte Regale und leere Mülltonnen sehen möchten, als Regale, die sich unter Nahrungsmitteln biegen, die anschließend im Container landen. Wer im Supermarkt nicht nur zu makellosen Produkten greift, zeigt dem Unternehmen, dass der Apfel mit einer kleinen Druckstelle nicht gleich weggeworfen werden muss. Schließt man also krumme Gurken, unförmige Kartoffeln und Bananen mit schwarzen Flecken in sein Herz, leistet man einen Beitrag im Kampf gegen die Verschwendung.

Verwirrung um das MHD
Das Schreckgespenst der Lebensmittelindustrie heißt Lebensmittelvergiftung, sagt Laura Gross von der Verbraucherinitiative e.V., Fachbereich Ernährung. Diese Angst trägt ebenfalls zur Verschwendung von Nahrung bei. „Hersteller und Supermärkte stellen sich den schlimmsten Fall vor, wenn sie vorausberechnen, wie schnell ein Lebensmittel verderben wird. Sie rechnen damit, dass die Kunden ihre Einkäufe stundenlang in einem warmen Auto lassen“, erläutert Gross. Folglich liegt das von ihnen festgesetzte Ablaufdatum oft Tage vor dem Termin, an dem das Lebensmittel bei richtiger Behandlung schlecht werden würde. Gross hat einige Anregungen, wie der Verschwendung Einhalt geboten werden kann: „Es muss unterschieden werden zwischen Produkten mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) und einem Verbrauchsdatum. Das Verbrauchsdatum zeigt an, bis wann das Produkt aufgebraucht sein sollte. Das ist wichtig bei leicht verderblichen Lebensmitteln wie Hack- und Geflügelfleisch. Viele Menschen werfen Produkte, bei denen das MHD abgelaufen ist, grundsätzlich weg. Reis, Nudeln und Hülsenfrüchte sind noch Monate nach Überschreiten des MHDs essbar.“ Menschen sollten also ihre Augen und Nasen benutzen, statt sich nur auf die aufgedruckten Daten zu verlassen. Auch sollte der reflexartige Griff nach Waren im hinteren Teil des Regals überdacht werden, wenn man die Ware bald verzehren will. Die Vorliebe des Kunden für ein möglichst weit in der Zukunft liegendes MHD führt dazu, dass Supermärkte oft Joghurts und andere Produkte bereits zwei Tage vor Ablauf des MHD aussortieren, weil Kunden die Ware nicht mehr kaufen. Immerhin: Viele Bio-Märkte verkaufen Lebensmittel, insbesondere Frischprodukte, günstiger, wenn das MHD fast erreicht ist – ein kleiner Beitrag gegen die Verschwendung.



Auch Sprecherin Moewius vom BÖLW nennt Strategien gegen die Verschwendung. „Wenn in einer Kiste etwa eine faule Tomate oder Banane ist, sortieren wir diese aus und werfen nicht gleich die ganze Kiste weg“, sagt sie. Viele Mitglieder des BÖLW lassen einen Großteil der Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, von Tafeln oder anderen gemeinnützigen Einrichtungen abholen. Die Mitarbeiter der Tafeln verteilen monatlich Lebensmittel an etwa 1,3 Millionen Menschen. 884 Einrichtungen dieser Art gibt es derzeit in Deutschland.

Ein weiteres positives Beispiel, wie Lebensmittel nicht in der Tonne landen müssen, liefert das Artepuri Hotel MeerSinn auf der Insel Rügen. Im Restaurant des BioHotels werden die Bio-Produkte nahezu vollständig verwertet. Die Schalen von Gemüse, die reich an Nährstoffen sind, werden zum Beispiel für die Zubereitung von Brühen und Soßen genutzt.
 „Unser Warenverlust bei Lebensmitteln ist fast gleich null“, sagt Chefkoch Martin Schneidereit. Er hat in der Sterne-Gastronomie gelernt und weiß: „Von den Karotten werden dort vorne und hinten erstmal fünf Zentimeter weggeschnitten, das sind gleich mal 30 Prozent Verlust.“ Im Bio-Hotel wird außerdem die Speisekarte jeden Tag neu geschrieben. „Dabei berücksichtigen wir, was wir auf Vorrat haben. Unsere Gäste haben Verständnis: Wenn der Fischer eine bestimmte Anzahl Dorsche gefangen hat, und die sind zubereitet, dann ist nichts mehr da“, erläutert Schneidereit. „In der Sterne-Gastronomie hingegen ist ja der Anspruch, dass der Gast ständig jedes Gericht ordern kann. Entsprechend muss man mehr Lebensmittel auf Lager haben und es gibt viel Verluste.“

Was nichts kostet, ist nichts wert
Bio-Produkte sind teurer. Das ermutige dazu, bewusster mit den Waren umzugehen, sagt der Küchenchef des Bio-Hotels. „Ein Beispiel: Beim Discounter kostet eine Drachenfrucht etwa 1,50 Euro. Wir kaufen sie in Bio-Qualität. Dann kostet eine Drachenfrucht 7 Euro. Das sage ich dann auch meinen Köchen. Dann merke ich, dass sie mehr überlegen. Wenn man die Preise kennt, überlegt man zweimal, bevor man bei der Zubereitung großzügig wegschneidet.“



Einer der Hauptgründe, weshalb Konsumenten Essen verschwenden ist ganz einfach, dass sie es sich leisten können. „Es ist Irrsinn, wie niedrig die Preise geworden sind. In den 60er Jahren haben wir 40 Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind es zwölf Prozent“, sagt Filmemacher Thurn. „Die Menschen sind verwöhnter. Brotkanten werden weggeschmissen, oder vom Toast die Kruste abgeschnitten. Wir haben unsere Wertschätzung für Lebensmittel verloren.“

Was jeder Einzelne tun kann
Einkaufszettel sind aus der Mode gekommen. Dass führt dazu, dass viele Menschen Dinge kaufen, die sie schon zu Hause haben. Oder sie schleppen am Wochenende Nahrungsmittel in großen Mengen in ihre Küchen, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, was sie später in der Woche wirklich kochen werden. „Schauen Sie erst nach, was da ist und überlegen Sie, was Sie damit zubereiten können“, rät Laura Gross von der Verbraucherzentrale.
Richtig gelagert halten Lebensmittel außerdem länger. Das mindert nicht nur die Verschwendung, sondern schont auch die Haushaltskasse. „Nehmen Sie Gemüse aus der Plastikverpackung, bevor es in den Kühlschrank kommt. Wickeln Sie Salat, Spargel oder Möhren in ein feuchtes Tuch“, empfiehlt Gross. Kleinen Maßnahmen gegen die globale Verschwendung. Aber wie so oft gilt: Veränderung beginnt zu Hause. /ley

Internet
www.tastethewaste.com
Die Seite zum Film von Valenthin Thurn. Texte zum Thema und eine Reste-Rezeptseite.

www.lovefoodhatewaste.com
Britisches Blog zum Thema.

Buch- und Filmtipps
›Taste the Waste‹ von Valentin Thurn (ab Herbst in den Kinos) Wer macht aus Essen Müll? Welche Folgen hat die globale Nahrungsmittel-Vernichtung für das Klima?

›Die Essensvernichter‹ von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist‹. Kiwi Verlag

›Für die Tonne‹ von Tristram Stuart. Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden. Artemis & Winklery

zurück zum Anfang Zurückbutton

Einblick

Es geht nicht nur um Mode


Julia Starp macht Haute Couture mit Öko-Anspruch. Damit ist sie eine Außenseiterin. Noch.

Auf den roten Teppichen der Republik zeigen sich Prominente in den Öko-Haute Couture-Roben von Julia Starp. Der Designerin allerdings sind bio-zertifizierte Materialien, faire Arbeitsbedingungen und kurze Transportwege wichtiger als Starrummel.


Julia Starp

Wollfilz, Hanf, Bio-Baumwolle, Peace Silk – bei diesen Bio-Fasern, aus denen sie coole, sexy Mode fertigt, gerät Designerin Julia Starp ins Schwärmen „Viele Kritiker haben mich am Anfang nicht ernst genommen“, sagt die 28-jährige Wahl-Hamburgerin, „exklusive Mode aus Bio-Stoffen herzustellen, hielten viele für wenig Erfolg versprechend“. Das Image von „grüner“ Mode verbessert sich nur langsam, das Vorurteil, Bio-Mode sei Müsli-Schick, hält sich hartnäckig. Für die Modeschöpferin war das eine zusätzliche Motivation, das gewohnte Parkett zu verlassen und sich auf High Fashion Mode mit ökologischem Anspruch zu spezialisieren. An ihrer ersten Kollektion, die es 2009 zunächst in drei Läden zu kaufen gab, arbeitete die Jungdesignerin Tag und Nacht. „Ich habe sie in meiner kleinen Wohnung entworfen, in einem Zimmer, das gerade mal vierzehn Quadratmeter groß war. Mein Schlaf- und Arbeitsplatz in einem“.

Eine Erfolgsgeschichte beginnt
Heute, zwei Jahre später, steht Julia Starp in ihrem eigenen Atelier. Statt drei Verkaufsstellen stehen mittlerweile dreizehn Geschäfte auf ihrer Liste, dazu kommen zwei Onlineshops und eine Boutique in der Schweiz – ihre Idee, High Fashion Mode aus zertifizierten, nachhaltigen Stoffen herzustellen, entwickelt sich zu einer Erfolgsgeschichte. Trotzdem lebt und arbeitet Julia Starp bescheiden. „Mein Label ist noch kein Gewinngeschäft, aber das wird sich hoffentlich bald ändern“, sagt sie und presst die Lippen aufeinander, „meine Ersparnisse sind so langsam aufgebraucht“.

Kreatives Chaos in unangesagter Wohngegend
Ihr Atelier, das sie vor einem Jahr anmietete, liegt nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung in Hamburg-Barmbek entfernt, mitten in einer Mehrfamilienhaus-Siedlung, in der jedes Haus dem anderen gleicht. Wer ein lichtdurchflutetes Altbau-Studio in einem angesagtem Künstlerviertel erwartet, wird also enttäuscht. Der Arbeitsraum versprüht nur wenig Charme, von Glanz und Glamour keine Spur. Der weiß geflieste Raum ist zweckmäßig eingerichtet – gemütlich ist anders. Aus dem Radio schallt Herbert Grönemeyer, während Julia Starp auf die neuesten Schnittmuster im Monitor ihres Computers starrt.



In dem hellen Raum herrscht kreatives Chaos. Stecknadeln, Scheren, Stoffmuster – Julia Starp kann über die Unordnung lachen, „Designer sind immer ein wenig chaotisch“. Zwei aneinander geschobene Tische dienen der zierlichen Frau als Arbeitsfläche, auf zwei weiteren stehen Computer. Das große, weiße Regal ist prall gefüllt, Stoffresten stapeln sich. Zwei Schneiderpuppen dienen als Dekoration, an einer dritten ist ein kurzes, gestreiftes Kleid drapiert. Julia Starp steht von ihrem Stuhl auf, steckt letzte Falten ab, zupft hier und dort am Stoff. Schmuckstück des Raumes ist die schwarze Pfaff-Nähmaschine, die schon einige Jahrzehnte in Gebrauch ist. Die Maschine auszusortieren, kommt für die Jungdesignerin nicht in Frage. „Die funktioniert immer noch einwandfrei, geht einfach nicht kaputt“, sagt sie und blickt die Industriemaschine mit einem Lächeln an, „mit der kann ich richtig Menge machen. Überhaupt muss man ja nicht immer gleich alles wegschmeißen, nur weil es alt ist“. Im Moment steht die Maschine allerdings still. Julia Starp wartet auf die Lieferung ihrer neuesten Kollektion. 400 Teile muss sie in den zwei kleinen Abstellräumen hinter dem Atelier unterbringen, bevor sie deutschlandweit an die Verkaufsstellen verteilt werden.

›Das muss es doch auch in schön geben‹
Die junge Designerin ist einen langen Weg für ihren Erfolg gegangen. An ein vierjähriges Modedesign-Studium schlossen sich Praktika und ein Projektsemester an. Danach entschied sie sich, zwei Jahre in einem künstlerischen Projekt einer Behindertenwerkstatt mitzuarbeiten. „Hier wurden die Stoffe selbst gewebt, eine eigene Kollektion entworfen – für meine künstlerische Entwicklung war die Begleitung dieses Prozesses wertvoll“, sagt sie. Im Jahr 2007 wagte sie dann den Schritt in die Selbstständigkeit, „ich wollte nicht mehr alles alleine machen, sondern eine Kollektion entwerfen, die danach produziert wird“. Die Idee, sich dabei auf ökologische Kreationen zu konzentrieren, kam Julia Starp beim Anblick der gängigen Naturtextilien, die seit wenigen Jahren auch in den größeren Modehäusern angekommen sind. „Ich dachte mir, das muss es doch auch in schön geben“, sagt die blonde, junge Frau und lacht. Schon damals gingen ihre Gedanken in Richtung Haute Couture, also in Handarbeit maßgeschneiderte Mode für den Laufsteg, sowie Pret á Porter, exklusive Mode, den Gegenpart zu der Massenware von der Stange.

Haute Couture mit Nachhaltigkeitsanspruch
„Vor allem aber wollte ich nachhaltige Mode machen, aus fair hergestellten und gehandelten Stoffen, die nach dem Global Organic Textile-Standard zertifiziert sind“, sagt Julia Starp. Produziert wird in Deutschland und anderen EU-Staaten. Der Begriff Fairness umfasst für die Designerin nicht nur das Wohlergehen der Menschen, die die Stoffe produzieren, sondern auch das der Tiere und Pflanzen. Eine Störung des natürlichen Kreislaufes kommt für die Tierschützerin nicht in Frage. Baumwollpflanzen sollen auf pestizidfreiem Boden anwachsen, die Kokons der Raupen, aus denen die „Peace-Silk“ stammt, erst nach dem Schlüpfen der Schmetterlinge von Hand aufgesammelt und verarbeitet werden. „Dazu gehört auch, dass ich versuche Transportwege möglichst klein zu halten und zusammen zu legen. Oder auch ganz banal, hier im Atelier grünen Strom statt konventionellen zu beziehen“.

Der Anfang war schwer
Der Start in die Herstellung von grüner Mode war für Julia Starp nicht leicht. „Bis ich die ersten Stoffe hatte, vergingen Wochen. Die Auswahl war sehr klein“, erinnert sie sich. Noch heute importiert sie viele Stoffe aus der Schweiz und den USA. Deutschland hinkt bei der Produktion hinterher, während der Markt selbst wächst. „Organic Cotton bekomme ich mittlerweile in feinster Qualität“, freut sich Julia Starp, „die Baumwolle wird so oft gekämmt, bis zum Schluss nur die langen Fasern überbleiben, ein feiner, edler Stoff, mit dem ich wunderbar arbeiten kann“. Abstriche muss Julia Starp bei Reißverschlüssen und Futterstoffen machen, „hier gibt es leider noch keine Zertifizierung“.



Ein bewusster Lebensstil ist Julia Starp auch privat wichtig. Seit kurzem ist sie Partnerin der europäischen Umwelthauptstadt Hamburg. Eco-Design ist angesagt. Und so schmückt sich die Umwelthauptstadt gerne mit ihrem Namen. Die junge Vegetarierin nutzt die Chance und formuliert ihre Wünsche an die Politik, wie etwa eine einheitliche, kontrollierte Kennzeichnung von vegetarischen und veganen Lebensmitteln. Außerdem hofft sie darauf, dass im Jahr 2030 Mode aus ökologischen Materialien keine Seltenheit, sondern eine Selbstverständlichkeit sein wird. „Ich verbinde High Fashion mit nachhaltiger Produktion. Das ist für mich kein Gegensatz, sondern selbstverständlich“, sagt die blonde Frau mit den hellen Augen und blickt auf die Bio-Limonade auf ihren Schreibtisch. Sie lacht als ihr Blick weiterwandert und an einer Colaflasche hängen bleibt. „Ich liebe Cola“, sagt sie unumwunden und lacht, „niemand ist perfekt und nicht alles was ich kaufe, ist immer grün und biologisch. Noch nicht“.

Ökoschick statt Jute-Sackkleid
Bei der Berliner Fashion Week, dem angesagtesten Modeereignis in Deutschland, war der Andrang auf die Modenschau von Julia Starp so groß, dass vorübergehend die Türen geschlossen werden mussten. An die 600 Leuten wollten im alten Berliner Umspannwerk einen Blick auf den strahlend weißen Laufsteg erhaschen, über den neben professionellen Models auch prominente Schauspieler liefen – ohne Gage, dafür vereint in ihrem Engagement für die grüne Mode. Zusätzlich unterstützten 23 Sponsoren, allesamt aus der Bio-Branche, die Show. Der Höhepunkt: ein Brautkleid, das von „Germany’s next Topmodel“ Barbara Meier präsentiert wurde. Brautmode als Highlight einer Show ist in der Modewelt eigentlich nichts Besonderes – wenn das Kleid jedoch aus Peace-Silk geschneidert und die Verzierungen aus Wollfilz hergestellt wurden, ist das schon eine kleine Sensation.

Modenschauen sind eine von wenigen Veranstaltungen, zu denen Julia Starp ihre eigene Mode trägt. Ansonsten darf es gerne etwas lässiger sein. „Es gibt andere grüne Designer, die Alltagsmode wie T-Shirts herstellen und bei denen ich gerne einkaufe“. Seit einigen Jahren benutzen immer mehr Hersteller Stoffe, die aus biologischem Anbau oder artgerechter Tierhaltung kommen. Derzeit ist der Anteil der Bio-Baumwolle am gesamten Baumwollmarkt mit einem Prozent noch gering, doch aufgrund der rasant steigenden Nachfrage, bauen immer mehr Bauern den begehrten Rohstoff an.

Sexy, jung und ökologisch nachhaltig
Für viele der Boutiquen, in denen Julia Starp ihre Mode verkauft, ist der „grüne“ Aspekt ihrerer Arbeit nicht ausschlaggebend, „er ist eher ein schöner Zusatz“, sagt Julia Starp, „sie würden sie aber auch nehmen, wenn sie konventionell hergestellt worden wäre“. Für die Designerin ist das okay, „es ist ja auch eine schöne Bestätigung für meine Mode“. Für ihren Erfolg arbeitet Julia Starp bis zu 16 Stunden am Tag. „Nachts arbeite ich besonders gerne, da kann mich niemand stören“.

Ihr Engagement gilt nicht nur der Mode, sondern auch dem sozialen Bereich. „Einige Teile aus meiner Kollektion habe ich beispielsweise einem Projekt gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen zukommen lassen. Der Erlös der Versteigerung ging zu hundert Prozent an das Projekt“. Grüne Mode ist für sie ein Teil grünen Lebensgefühls. Und dazu, findet Julia Starp, gehört es, Verantwortung zu übernehmen.

Sexy, jung und ökologisch nachhaltig – passt das zusammen? Julia Starp zeigt, wie es gehen kann. /oei


Zum Weiterlesen
www.juliastarp.net
Website/Blog der Designerin

www.naturtextil.de
Informative Seite des Verbands der Naturtextilwirtschaft zu Qualitätszeichen, Informationsquellen und Bezugsmöglichkeiten.
zurück zum Anfang Zurückbutton

 
Home Magazin Produkte Themen Rezepte Wissen Medidaten